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Öffentliche Kunst : Die Tyrannei der Beleidigten

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Steinrelief des Anstoßes: Die „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche. Wieder einmal wird die Entfernung des infamen mittelalterlichen Bildwerks gefordert. Bild: Ullstein

Im Namen politischer Korrektheit fordern Kritiker die Beseitigung irritierender Kunstwerke aus dem öffentlichen Raum. Was nicht in unser Weltbild passt, gilt zunehmend als unzumutbar, wie an einem Fall in Wittenberg zu sehen ist.

          Seit mehr als sieben Jahrhunderten prangt ein bösartiges Schmähbild an der Wittenberger Stadtkirche St.Marien. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschenkinder säugen, die mit ihren Spitzhüten als Juden gekennzeichnet sind. Hinter dem Tier hockt ein Rabbiner und hebt dessen Schwanz und Hinterbein, um in den Anus zu schauen. Die besondere Perfidie der Darstellung von Juden im intimen Kontakt mit einer Sau besteht darin, dass das Schwein im Judentum als unrein gilt. Das Steinrelief sollte die Juden demütigen und zugleich Christen gegen sie aufhetzen. Die Wittenberger „Judensau“ ist ein drastisches Zeugnis des mittelalterlichen Antisemitismus, der sich immer wieder in Pogromen entlud. Martin Luther, der in der Stadtkirche predigte, steigerte den Bekanntheitsgrad der Darstellung, indem er sie in einer seiner Schmähschriften zum Ausgangspunkt für die Verhöhnung des jüdischen Glaubens nahm.

          In den letzten Jahrzehnten war das Relief immer wieder Stein des Anstoßes. Bereits 1988 setzte die Gemeinde mit einer darunter in den Boden eingelassenen Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus ein Gegenzeichen, mit dem sie sich unmissverständlich von dessen Botschaft distanzierte. Dennoch entzündeten sich an der Präsenz des antisemitischen Bildwerks im öffentlichen Raum weitere Debatten. Mit Hinweis auf das nahende Reformationsjubiläum fordert nun der Londoner Theologe Richard Harvey, das Relief zu entfernen, weil es „bis heute ein Angriff auf Juden“ sei. Es solle, heißt es in der in vielen Sprachen publizierten Petition, „an einem anderen Ort in einem Rahmen ausgestellt werden, in dem der historische Bezug hergestellt werden kann“. Dabei übersieht Harvey, dass dieser Bezug an keinem Ort deutlicher und mit mehr aufklärerischem Gewinn hergestellt werden kann als an der Kirche, für die das Werk in propagandistischer Absicht geschaffen wurde – und wo es heute zu Diskussionen über Wurzeln und Folgen des Antisemitismus anregen kann.

          Das mittelalterliche Bildmotiv der Judensau findet sich an und in mehreren Dutzend Kirchen Europas. In einigen Fällen wurden mittlerweile distanzierende Hinweistafeln angebracht. Immer wieder werden aber auch Forderungen nach Beseitigung der Darstellungen laut. Solche Vorstöße sind besonders in Deutschland, wo der Antisemitismus im zwanzigsten Jahrhundert die mörderischsten Formen annahm, nicht erstaunlich. Doch sie stehen eher im Dienst der Geschichtsvergessenheit als der historischen Aufklärung.

          Überall Rassismus, Sexismus und Homophobie

          Sie folgen dem Reflex, unliebsame Zeugnisse der Vergangenheit zu eliminieren, der in letzter Zeit nicht nur hierzulande um sich greift. Ein prominentes Beispiel ist die global wirksame Kampagne „Rhodes Must Fall“. Sie begann im vergangenen Jahr mit der Forderung nach Entfernung eines Denkmals des englischen Kolonisten Cecil Rhodes (1853 bis 1902) an der Universität Kapstadt, das von den studentischen Aktivisten als Symbol der Unterdrückung in der Zeit des Imperialismus und der anhaltenden Vorherrschaft der Weißen angeprangert und mit Exkrementen beworfen wurde. Schon nach wenigen Wochen beugte sich die Universität dem Druck der Eiferer und ließ das Denkmal demontieren.

          Aus der erfolgreichen bilderstürmerischen Aktion wurde rasch eine breite Protestbewegung gegen – realen und imaginierten – Rassismus, die auf andere Universitätsstädte Südafrikas übergriff und bald auch das britische Oxford erreichte. Am dortigen Oriel College steht ein Rhodes-Standbild, mit dem der umstrittene Unternehmer und Politiker 1911 als großzügiger Geldgeber der Universität und Stifter eines Stipendiums gewürdigt wurde. Die Aktivisten sammelten Tausende von Unterschriften für die Beseitigung des Denkmals, scheiterten aber schließlich an der Universitätsleitung, die sich standhaft weigerte, im Namen der „Entkolonialisierung“ der Hochschule ein aussagekräftiges Zeugnis der Kolonialzeit zu tilgen, und stattdessen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte aufrief.

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