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Kriminalität Kunstgroßräuber im eigenem Auftrag

28.02.2006 ·  Unter den Kunstdieben gilt Stéphane Breitwieser als einzigartiger Fall: Er raubte die unglaubliche Zahl von 230 Werken - angeblich nur aus Liebe zur Kunst. Jetzt will er als Kunstexperte arbeiten.

Von Niklas Bender
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Der „Arsene Lupin der Museen“ ist auf freiem Fuß: Stéphane Breitwieser hat drei Jahre in der Schweiz und in Frankreich abgesessen und kam in den Genuß einer frühzeitigen Entlassung, dank guter Führung.

Dabei stellt sein Verbrechen kein kleines Delikt dar: Es hat den Elsässer in die Annalen des Kunstraubs befördert. Von 1994 bis 2001 stahl Breitwieser 230 Kunstwerke, und diese unglaubliche Zahl macht nicht einmal die größte Besonderheit aus: Das „Art Loss Register“ führt den Dieb als einzigartigen Fall, weil er allein raubte - und aus Liebe zur Kunst. Nicht ein Werk will der hauptberufliche Supermarktverkäufer und Kellner verkauft haben. Die Beute, darunter Werke von Lucas Cranach d.J. und Albrecht Dürer, nutzte er dazu, sich eine eigene Sammlung anzulegen, an der er sich in einsamen Stunden berauschte, wie er jetzt dem Schriftsteller Pierre Assouline in einem Exklusivinterview anvertraut hat.

Kuriose Form von Größenwahn

Zutage tritt darin eine kuriose Form von Größenwahn. Psychologen hatten dem jungen Mann, Jahrgang 1971, schon während des Prozesses eine unreife, narzißtische Persönlichkeit attestiert. Er führt andere Motivationen ins Feld. Als seine Eltern sich scheiden ließen, nahm der Vater die historische Waffen- und Möbelsammlung mit, ein Verlust, der den Jugendlichen schwer traf: Statt Louis-Philippe-Möbeln umgab ihn fortan Ikea. Breitwieser merkte rasch, daß er nicht die finanziellen Möglichkeiten hatte, sich Ersatz zu verschaffen. Da jedoch viele Museen Sicherheitsmängel aufwiesen, griff er dort zu; zunächst in einem Dorfmuseum, später in Kunsthallen von Montpellier und Angers bis Brüssel, Baden-Baden und Luzern.

Man erfährt von ihm Erschreckendes über europäische Museen. Tage, Wochen dauerte es, bis die Diebstähle bemerkt wurden; die Wärter sahen die Leerstellen an der Wand und in den Vitrinen nicht. Überwachungskameras dienen primär der Abschreckung, viele zeichnen nicht auf, haben große tote Winkel oder sind Attrappen. Der Meisterdieb lobt einzig die deutschen Museen, weil sie auf Grund ihrer historischen Verluste besser achtgäben. Ansonsten meint er: „Es ist schwerer, eine DVD bei Virgin zu stehlen als ein Meisterwerk in einem europäischen Museum.“

Rare Schätze zerstört

Assouline sitzt dieser selbstverliebten Sicht leider auf. Nichts ist unglaubwürdiger: Breitwieser handelte suchtartig, das gibt er zu; auch war ihm das Besitzgefühl wichtiger als die Kunst selbst. Ein wahrer Liebhaber aber würde Werke nicht aus dem Fenster werfen, um sich ihrer zu bemächtigen. Als seine Mutter von der Verhaftung des Sohnes erfuhr, versenkte sie einzelne Stücke im Kanal oder stellte sie ins Freie. Rare Schätze wurden so zerstört, etwa Cranachs Porträt der Prinzessin von Cleves (Baden-Baden).

Von schlechtem Gewissen ist bei Breitwieser keine Spur. Dutzende Werke blieben verschollen, sie wurden vielleicht doch verhökert. Breitwieser aber denkt über eine zukünftige Karriere als Kunstexperte nach; seine Erfahrungen sollen ihn wohl als Fachmann empfehlen. Das hieße wirklich den Bock zum Gärtner machen.

Quelle: F.A.Z., 01.03.2006, Nr. 51 / Seite 42
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