28.12.2003 · James Nachtwey, seinerseits Bildjournalist, befindet sich meist dort, wo Kriege herrschen. Doch er fotografiert nicht den Krieg. Er fotografiert Menschen, die den Krieg erleiden. In Berlin sind Werke des 55 Jahre alten Künstlers zu sehen.
Von Andreas KilbWo immer von James Nachtwey die Rede ist, liest man, er sei ein Kriegsfotograf, und er selbst behauptet es auch. Aber es stimmt nicht. Nachtwey fotografiert nicht den Krieg. Er fotografiert Menschen, die den Krieg erleiden. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Nachtwey zeigt keine Panzer im Gefecht, sondern Waisenkinder, die in ausgebrannten Panzern spielen. Er zeigt nicht den Granateneinschlag, sondern den tschetschenischen Jungen, dem die Granate beide Beine abgerissen hat und der an Nachtweys Kamera vorbei ins Leere schaut, als müßte er sich entschuldigen für das, was von ihm geblieben ist. Er zeigt nicht die Massaker in Ruanda, sondern ihre halbverwesten Opfer, die in kleinen Haufen auf den Straßen und in Kirchen liegen, und die Macheten der Täter, die einen viel größeren Haufen bilden, einen Schrotthaufen des Grauens.
Der Heckenschütze aus dem bosnischen Bürgerkrieg, den Nachtwey fotografiert, ist einfach ein Mann mit einem Gewehr in der Hand am Fenster eines Wohnzimmers, vielleicht seines eigenen, vielleicht eines fremden. Und der sterbende Taliban-Kämpfer in der Stadt Kundus ist ein anderer Mann ohne Uniform, der mit einer Waffe neben sich auf der Straße liegt, während sein Blut, das wie verschüttetes Spülwasser aussieht, aus ihm herausfließt. Sein Körper ist wie ein Fragezeichen gekrümmt, und man kann sehen, wie seine Beine strampeln und sein geöffneter Mund schreit, und sich vorstellen, wie das Strampeln dann langsamer und das Schreien leiser werden werden wird; und diesen Moment, in dem der Schock des Getroffenseins aufhört und der Todeskampf beginnt, hat Nachtwey festgehalten. "Seht her", sagt diese Fotografie, aber nicht: "Seht her!" Sie will uns nicht blenden mit dem Schrecken dieser Welt, sie will etwas zeigen, ruhig, sachlich, genau.
family shots
Im C/O Berlin, dem "Cultural Forum for Photography", sind nun knapp 140 Fotos von James Nachtwey zu sehen, in Serien geordnet, ein repräsentativer Querschnitt seines Werks. Wie bei vielen Querschnitten müßte man auch hier Schwachstellen erwarten, Wiederholungen, Leerläufe; aber es gibt sie nicht. Kein Bild Nachtweys gleicht dem anderen, weil kein Mensch dem anderen gleicht. Die Choleratoten in den Flüchtlingscamps zwischen Ruanda und Zaire, die mit Bulldozern in Gruben geschoben oder auf Lastwagen weggekarrt werden, sehen anders aus als die Hungertoten in Somalia oder die Bürgerkriegstoten in Bosnien-Hercegovina. Die Kinder in den rumänischen Waisenhäusern sind auf andere Weise nackt und hilflos als die Kinder in Afrika und in den Elendsvierteln von Jakarta.
Jedes Elend ist spezifisch, jede Qual hat ihre besondere Signatur, die entziffert werden will. Diese Entzifferung besorgen Nachtweys Fotos. Sie stellen die Toten, die Gezeichneten, die Verlorenen in den Kontext ihrer Verlorenheit, sie sind family shots des Grauens, so wie es family movies vom bürgerlichen Alltag gibt. In Christian Freis Dokumentarfilm "War Photographer", der vor einiger Zeit bei uns im Kino lief, kann man sehen, wie Nachtwey zu seinen Aufnahmen gelangt. Er stellt sich den Leuten vor, die er porträtiert, gibt ihnen die Hand, redet mit seiner leisen, sonoren Stimme auf sie ein, bis sie ihn in ihr Haus lassen, ihre Hütte, an ihr Krankenbett, ins Totenzimmer ihrer Kinder, Nachbarn, Geschwister. Er hat den bosnischen Totenwäschern die Hand geschüttelt, die den armlosen Rumpf des gefallenen Soldaten abspritzen, den rumänischen Hilfsschwestern, die die aidskranken Waisenkinder tragen, kleine, kompakte Bündel aus Augen und Knochen, und dem beinamputierten Jungen in Tschetschenien.
Historiograph des weltweiten Bürgerkriegs
Diese Hände sieht man auch auf Nachtweys Bildern: Hände am Abzug, am Drücker, Hände, die im Todeskampf verkrampft sind, Hände, die die Toten bergen. Ein Foto aus Somalia, entstanden 1992, zeigt ein verhungertes Kind, das in ein Grabtuch eingenäht wird. Von den drei Frauen, die diese Arbeit verrichten, erkennt man nur die Arme, die Fingerspitzen, die den toten Jungen mit unendlicher Vorsicht zurechtlegen, während eine weitere Hand schon das Tuch anhebt, in dem er verschwinden wird. Es ist ein Bild ohne jede Rhetorik, die Beschreibung eines einfachen Vorgangs, und doch gleicht es frühneuzeitlichen Darstellungen der Beweinung Christi, weil in ihm ebenso wie in den Gemälden die Trauer ganz in die Gestik der Personen geflossen ist, in die Finger und Hände, die jene Tränen zu weinen scheinen, welche die Augen nicht mehr vergießen können.
Und dann bemerkt man, daß dieses Kind schön ist. Nicht einfach hübsch, sondern überirdisch schön, von einer Schönheit, wie sie vielleicht nur den Toten und ihren Abbildern eignet. Es gibt Leute, die den Fotos von James Nachtwey vorwerfen, sie seien zu schön, zu ästhetisch, zu bewußt komponiert, aber ebensogut könnte man diesem Kind vorwerfen, es sehe zu gut aus für ein Hungeropfer. Die ästhetische Qualität von Nachtweys Aufnahmen schärft unseren Blick auf das, was sie zeigen, sie verwandelt das Gesehene in ein Bild, das zurückschaut. Es ist ein Album der Menschheit, das hier entsteht, eine Bestandsaufnahme des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts, verfaßt mit der sachlichen Kälte eines Xenophon oder Thukydides. Vielleicht sollte man Nachtwey eher einen Bildchronisten nennen, einen Historiographen des weltweiten Bürgerkriegs, zu dem der Krieg der Staaten und Blöcke ausgeartet ist.
Mitgefühl, hat Susan Sontag in ihrem neuen Buch geschrieben, sei eine instabile Emotion; es müsse in Handlung übersetzt werden, oder es zerfalle. Bei Nachtwey aber zerfällt nichts, die Wut und die Trauer nehmen nicht ab, sooft man diese Fotos betrachtet. Das liegt daran, daß sie mehr transportieren als Nachrichten. Ihre Wahrheit erschöpft sich nicht im Dokumentarischen, sie rührt an das, was hinter allem Mitgefühl steckt: Selbsterkenntnis. "Das bist du", sagen diese Bilder. "Das sind deine Kinder, deine Verwandten und Freunde - morgen, übermorgen, wer weiß. Alles ist möglich." Man verläßt die Ausstellung mit dem Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Alles kann geschehen, denn alles ist schon passiert. Vor einigen Tagen wurde James Nachtwey auf einer Patrouillenfahrt im Irak schwer verletzt. In kritischem Zustand liegt er im amerikanischen Militärkrankenhaus in Landstuhl. Seine Bilder kommen ohne ihn zurecht. Sie schreien für sich.