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Kriegsfotografie : Schlachtenbilder aus dem Telefon

  • -Aktualisiert am

Eine Ausstellung in Düsseldorf stellt gegenüber, wie zwei Generationen von Magnum-Fotografen den Krieg abbilden – und kapituliert am Ende vor dem Reiz der Ästhetik.

          Zeitgeschichte, heißt es, sei Geschichte, die noch qualmt. Es qualmte nicht wenig in diesen Tagen. In Libyen, in Syrien, im Jemen, jüngst wieder in Ägypten. Aber es ist nicht der Qualm, der in unsere Wohnzimmer zieht und vom Krieg kündet, es sind die Bilder.

          Was können wir von diesen Zeugnissen lernen? Die „Macht der Bilder“ demonstrieren will die Ausstellung im NRW-Forum in Düsseldorf. Sie zeigt die Aufnahmen zweier Generationen von Magnum-Fotografen. Für die eine stehen David Seymour, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson und George Rodger. Alle vier waren von den dreißiger bis in die fünfziger Jahren immer dort, wo es qualmte. An der brennend heißen Front des Spanischen Bürgerkrieges, bei der Landung der Alliierten in der Normandie, bei den Kämpfen um Indochina.

          In einem zweiten Teil der Ausstellung entwerfen fünf junge Magnum-Fotografen, der älteste von ihnen Jahrgang 1974, ihr Bild von der „Arabellion“. Die junge Generation zeigt uns eine Ästhetik des Aufstands, ja des Bürgerkriegs. Junge Ägypter feiern da die Abdankung Mubaraks, sie jubeln und sprühen mit brennenden Spraydosen Feuerkaskaden in die Kairoer Luft. Von Straßenbrücken herab bewerfen Mubarak-Anhänger ihre Gegner. Auf dem Wüstenboden kniet ein libyscher Widerstandskämpfer und betet zum selben Gott wie seine Feinde. Die Fotografen heißen Alex Majoli, Dominic Nahr, Peter van Agtmael, Thomas Dworzak und Moises Saman: Kriegsfotografie ist eine Männerdomäne.

          Und ein hochgefährlicher, anspruchsvoller Beruf. Kurze Zitate an der Wand, neben anderen von solchen Granden der Fotografieethik wie Roland Barthes und Susan Sontag, sollen dem Besucher der Ausstellung einen Eindruck von der Komplexität des Genres geben, von den Gewissensnöten, von Nutzen und Nachteil, damals und heute. Allein: Mit diesen paar Gedankensplittern ist es nicht getan. Erst recht nicht, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden. „I don’t want to be a war photographer“ steht da an die Wand geschrieben, und man hört schon die Dialektik trapsen. Aber der junge Peter von Agtmael, von dem dieses Bonmot stammt, sagt im Interview den entscheidenden Nachsatz „...for 50 years“.

          Wir können den Ikonen nicht trauen

          Gern würde man alle Interviews mit den jungen Kriegsfotografen hören, doch weil sie in den Video-Kammern der Ausstellungen viel zu leise abgespielt werden, gehen sie im Geklapper des Museumscafés unter, zudem wurden sie nicht übersetzt. So bleibt noch der luzideste Gedanke über Reporterethik unverständlich. Auch sind einige der – leidlich lektorierten – Bildunterschriften in Kniehöhe angebracht, bisweilen verdeckt vom Bilderrahmen oder dessen Schatten. Das ist keine lässliche Sünde. Ein Foto zeigt eben das, was es zeigt. Erst die Bildunterschrift konstituiert die Wahrheit eines Bildes. Ohne Bildunterschrift wird man zurückgeworfen in die semiotische Beliebigkeit.

          Stattdessen neigt die Ausstellung zu einem fotografischen Geniekult; sie erklärt nicht, sie setzt sich mit den Bildern nicht auseinander. Dabei wissen wir heute, dass wir vor allem den Ikonen nicht trauen konnten. Welches Bild könnte das besser demonstrieren als das des „Loyalistischen Soldaten im Augenblick des Todes“ von Robert Capa, entstanden 1936. Monumental vergrößert empfängt es den Besucher der Ausstellung im historischen Teil. Ein junger Mann, das Gesicht in Tarnfarbe, das Gewehr gerade noch in der Hand, fällt rücklings ins Gras, getroffen von einer Kugel. So hieß es. Aber ist das Bild echt? Seit mehr als drei Jahrzehnten zweifeln Experten. Heute ist sicher, dass es nicht der angegebene Mann, Francis Borrell Garcia, am besagten Ort war. Was wirklich passiert ist, lässt sich wohl nicht mehr endgültig klären.

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