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Krieg und Medizin Die Traumatisierten sind unter uns

06.04.2009 ·  Fernsehen, Computer, Teflonpfanne - sie alle verdanken ihre Erfindung dem Krieg. Doch in der Medizin war der Krieg war nicht nur der Vater vieler Fortschritte. Das zeigt eine Dresdner Ausstellung, die den historischen Bogen bis nach Afghanistan schlägt.

Von Julia Encke
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Dass der Krieg der „Vater aller Dinge“ sei, wie es nach Heraklit heißt, war in der Kultur- und Medientheorie über sehr viele Jahre hinweg eine der großen Lieblingsthesen. Wo immer es eine medientechnische Neuerung gab, fand man sie waffentechnisch oder kriegsstrategisch begründet: Der Film hatte seinen Ursprung in der militärischen Luftaufklärung, das Fernsehen war eine Parallelentwicklung der Radarsysteme, dem Computer fiel das Decodieren feindlicher Kommunikation oder die Steuerung von Interkontinentalwaffen zu. Und eine Weile lang war diese These, die man bei Michel Foucault, Paul Virilio und vor allem bei Friedrich Kittler finden konnte, innovativ und interessant. Nur verkam sie dann irgendwann zum Stereotyp mit autoritärer Schlagkraft. Wirklich alles wurde unter diesem Blickwinkel gelesen, Widersprüche wurden eingedampft, bis man das Heraklit-Zitat nicht mehr hören konnte.

Und so ist man froh, wenn die neue Ausstellung des Dresdner Hygiene-Museums über „Krieg und Medizin“ einen anderen Weg einschlägt. Wenn sie darauf verzichtet, die „Geburt der Medizin aus dem Geist des Kriegs“ zu beschreiben, sondern ganz lapidar feststellt, dass in Kriegszeiten medizinisch-wissenschaftliche Durchbrüche historisch gesehen eigentlich eher ausblieben. Das heißt natürlich nicht, dass die Erfahrungen im Feld nicht immer auch entscheidende Impulse gaben, vorhandene medizinische Techniken weiterzuentwickeln. Das war und bleibt ja die Herausforderung: Mit immer ausgefeilteren Waffensystemen treten kontinuierlich neuartige Verletzungen auf den Plan, die es zu behandeln gilt.

Historisch und politisch zugleich

Massenhafte Gasvergiftungen hatte es vor dem Ersten Weltkrieg genauso wenig gegeben wie die verheerenden Gesichtsverletzungen, deren Abbildungen in der Weimarer Republik zu Emblemen der Anti-Kriegsbewegung wurden: zerschossene Münder, fehlende Gesichtshälften, verstümmelte Kinnpartien. In Dresden sind um 1916 gefertigte Gesichtsprothesen aus Blech zu sehen, welche die amerikanische Bildhauerin Anna Coleman Ladd anhand von Gipsabdrücken herstellte. Allerdings schwitzten die Versehrten unter den Masken und fühlten sich unwohl mit dem metallenen Gesichtsersatz. In einem zähen Prozess feilte die plastische Chirurgie ihre Techniken aus.

Hygiene-Museum Dresden: Krieg und Medizin. Die Traumatisierten sind unter uns

Es gab aber eben auch die gegenteilige Bewegung. Keinen Fortschritt, sondern eher einen Rückschritt, den die Dresdner Ausstellung in ihrem Gemeinschaftsprojekt mit der Londoner Wellcome Collection in den Blick rückt. Sie betrifft vor allem psychische Verletzungen - von den „Kriegszitterern“ bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung von heute: „Auf alle sechs oder sieben großen Kriege der letzten Zeit“, stellt John A. Parrish im Katalog fest, „folgte in Gesellschaft und Militär zunächst eine unmittelbare Phase der Verleugnung, auf die sich eine Phase der Übertreibungen dieser nicht sichtbaren Verletzungen und dann eine dauerhafte Form der Verleugnung anschlossen“. Man ignorierte die Opfer und vergaß sie.

Beeindruckend ist hier vor allem das zeithistorische Filmmaterial: Da gibt es Aufnahmen der Behandlung von „Kriegszitterern“ von 1916-1918 in einer „Vorher“- und „Nachher“-Abfolge, die suggerieren, es handele sich bei den psychischen Störungen eher um eine Frage mangelnden „Willens“ als um eine „echte“ Krankheit. Da sieht man das Auftragswerk „There Will Be Light“, das John Huston 1946 für die US-Armee drehte und das nahelegt, psychische Störungen seien leicht zu heilen. Dass die Methoden der Kriegspsychiatrie in ihren Anfängen entsetzlich waren; dass Ärzte Strom auf erblindete Augen, taube Ohren und gelähmte Glieder leiteten, Patienten zwangsexerzieren ließen und so das System des Krieges reproduzierten, blenden diese propagandistischen Dokumente aus.

Mit ausgesuchten Objekten schlägt „Krieg und Medizin“ einen Bogen vom Krimkrieg bis in den Irak und nach Afghanistan. Die Ausstellung ist damit nicht allein historisch, sondern zugleich politisch zu verstehen, gerade angesichts der Auslandseinsätze der Bundeswehr. Und sie ist auch ein Plädoyer für eine größere gesellschaftliche Beachtung unsichtbarer psychischer Verletzungen. Denn die Traumatisierten sind unter uns.

Bis 9. August. Der Katalog ist im Wallstein-Verlag erschienen.

Quelle: F.A.S.
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