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Veröffentlicht: 20.09.2015, 12:32 Uhr

Fußballschau in Bochum Spielend aus dem Abseits geholt

Lebenswege, die der Fußball schrieb: „Von Kozurra bis Özil“ in Bochum erzählt von der integrativen Kraft des Fußballs. Eine Ausstellung mit brennender Aktualität.

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Nur noch wenige Wochen, dann wird am 24. Oktober in Dortmund das Deutsche Fußballmuseum eröffnet. Nicht nur die Leser dieser Zeitung, die im Vorgriff darauf jeden Freitag ein Objekt der künftigen Ausstellung vorgestellt bekommen, sondern auch die Bewohner des Ruhrgebiets sind erwartungsfroh und vorbereitet. Ausstellungen zur Geschichte des Sports haben hier Tradition. Die Schau „Der Ball ist rund“ im Gasometer Oberhausen, mit der im Jahr 2000 der hundertste Geburtstag des DFB gefeiert wurde, legte den reliquienreichen Grundstein für das neue Pantheon, das sich an deren Dramaturgie und Präsentation wird messen lassen müssen. Dass Dortmund bei der Standortwahl den Zuschlag bekam, war auch eine Entscheidung für die dichteste Fußballlandschaft der Republik, die, wie nun eine Ausstellung in Bochum zeigt, auch die vielfältigste ist: „Von Kuzorra bis Özil – Die Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet“. Denn der Fußball ist im Revier nicht nur zu Hause, er trägt auch wesentlich dazu bei, dass sich hier viele schnell zu Hause fühlen.

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Der Titel lockt mit zwei großen Namen, zwei Ausnahmespielern, die beide in Gelsenkirchen (der eine 1905, der andere 1988) geboren wurden, das Trikot von Schalke 04 trugen und Schlüsselfiguren der Nationalmannschaft wurden. Vor allem aber sind sie Söhne von Einwanderern, der eine von masurischen, der andere von türkischen – eine Gemeinsamkeit, die sie mit vielen Spielern, von der Bundes- bis in die Kreisliga, teilen. Die Ausstellung ist nicht auf Stars fixiert und blickt über den Spielfeldrand: der Fußball nicht (nur) als Karrierelaufbahn, sondern als Anker im Alltag, der junge Menschen vereint und ihnen Zusammenhalt beibringt, als Instanz der Integration, die sie spielend aus dem gesellschaftlichen Abseits holen kann. Zugleich stehen Kuzorra und Özil für die beiden Zuwanderergruppen, die den Fußball im Ruhrgebiet am stärksten prägen: Polen und Türken.

Szene ethnischer Vereine wird bunter

Welche Rolle die Sportvereine dabei übernehmen (können), die aktuellen Herausforderungen meistern zu helfen, wird in vielen Beispielen erzählt und in die historische Perspektive gerückt. Während der nationalpolnisch ausgerichtete Sokólverband in den zwanziger Jahren seine eigene Meisterschaft austrug, spielten die Kinder assimilationsbereiter Migrantenfamilien in den bürgerlichen Vereinen der Nachbarschaft. Die erste Meisterelf des FC Schalke 04 enthielt 1934 so viele polnische Namen, dass der Club als „Polackenverein“ verschrien war. „Die deutsche Fußballmeisterschaft in den Händen der Polen“, titelte die Sportzeitung „Przeglad Sportowy“, woraufhin die Vereinsführung in einer Gegendarstellung erklärte, dass die Spieler „alle im westfälischen Industriebezirk geboren“ seien. In der Bundesrepublik entfiel die Klausel in der Spielordnung für Amateure, die ausländische Spieler ausschloss, erst 1969; bis 1972 wurde in Nordrhein-Westfalen ein „Gastarbeiterpokal“ ausgespielt, den der Arbeitsminister 1966 gestiftet hatte.

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Turkiyemspor Essen, Sardegna Oberhausen, Croatia Mülheim, Hellas Bochum, Marokko Herne, Genclikspor 1994 Recklinghausen, FK Sarajevo Bosna Dortmund, Polonia Hagen – die Szene ethnischer Vereine wird größer und bunter. Schon 1991/92 begann der Aufstieg von „Africa United“ als dritter Mannschaft der TG Essen, wo seit 2009 mehrere nach Nationen gegliederte Teams um einen African Nations Cup spielen. Das „Team 3“ der DJK Teutonia Ehrenfeld in Bochum bilden Asylbewerber aus aller Herren Länder, die hier Unterstützer finden, die ihnen Behördenbescheide übersetzen und sie aufs Amt begleiten.

Wir sind wie eine Familie

Erdal Keser, Dariusz Wosz, Souleymane „Samy“ Sané – Lebenswege, die der Fußball geschrieben hat: Keser, in Hagen aufgewachsen und in der Jugend zu Borussia Dortmund gewechselt, für die er zwischen 1980 und 1988, unterbrochen von zwei Jahren bei Galatasaray Istanbul, am Ball war, gehörte zu den ersten türkischstämmigen Spielern in der Bundesliga und sichtet heute für den türkischen Fußballverband Talente, um sie (wie die Altintop-Brüder oder Nuri Sahin) für die Nationalmannschaft zu gewinnen; Wosz, aus Polen über die DDR zum VfL Bochum gekommen, wo er als „Zaubermaus“ Kultstatus genießt, kickt im Alter von 46 Jahren noch in der Kreisliga A; und der Senegalese Sané ist in Wattenscheid, wo er als „Jahrhundertspieler“ in die Annalen der SG 09 einging, hängengeblieben und hat drei Söhne, die in der Talentschmiede von Schalke 04 reüssieren. Oder Brüdergeschichten wie die von Mesut Özil, der inzwischen für den FC Arsenal, und Mutlu Özil, der immer noch für Firtinaspor 95 Gelsenkirchen aufläuft. Anders die unvollendete Karriere von Hianick Kamba, der als Neunjähriger aus dem Kongo nach Essen kam, die Jugendmannschaften von Schalke 04 durchlief, 2001/02 vor dem Durchbruch stand und, als seine Eltern abgeschoben wurden, den Anschluss verlor und heute in der Bezirksliga Rassismus zu spüren bekommt.

Das Thema ist vielschichtiger als die kleine Schau im Industriemuseum Zeche Hannover ausbreiten kann, die durchgelaufene Fußballschuhe neben Ansichtskarten von Sokol-Vereinen legt, Einbürgerungsurkunden und Trikots, darunter Leihgaben von Mesut Özil, Mannschaftsfotos und Pokale aufbietet. Vertieft wird es im lesenswerten Katalog, so in einem Beitrag zum Frauenfußball, zu dem auch zwei Kopftücher, das eine Fifa-geprüft, das andere von einer Spielerin von Türkspor Dortmund, im Vergleich gezeigt werden. Brennende Aktualität gewinnt die Ausstellung in Videobeiträgen, die Vereine wie Rhenania Hamborn, der 2003 als „Stützpunkt für Integration“ ausgezeichnet wurde, vorstellen: „Wir sind wie eine Familie hier“, erzählt eine türkischstämmige Spielerin, „jeder kennt die Probleme und wie man ist.“

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