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Kontinent im Aufruhr : Trans Europa Express

Was wir aus dem öffentlichen Raum alles machen könnten: die Aktionistengruppe Play zeigt es mit situationistischen Happening-Flößen und herumschwimmenden Häusern auf der Biennale in Venedig Bild: nma

Nie wollten Politik und Kunst so sehr eins sein – und überall wird nach „unserer Identität“ gesucht: 4200 Kilometer quer durch Europa, von Macron in Paris zur Kunstbiennale in Venedig und an den Grenzzaun in Ungarn.

          Als wir an der französischen Grenze ankamen, regnete es, es regnete so, dass man die Schilder nach Lauterbourg und Roppenheim und Beinheim nicht mehr erkennen konnte, und im Radio diskutierten die Moderatoren, was wohl passieren würde, wenn all die jungen Wähler, die im ersten Wahlgang für den linksradikalen Altstalinisten Mélenchon gestimmt hatten, nicht zur Wahl gehen oder den Front National wählen würden und am Ende doch Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl gewinnen würde. Die Begriffe „Schicksalswahl“ und „Ende von Europa“ fielen. Danach kam auf France Culture ein Vorbericht zur Kunstbiennale in Venedig, bei der, hieß es, auch geflüchtete Syrer Kunst machen würden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In Verdun hingen die aufgeweichten Wahlplakate an den Wänden, jemand hatte über Marine Le Pens Gesicht ein Plakat für den Kandidaten der Sozialisten, Benoît Hamon, geklebt, jemand anders hatte es zur Hälfte heruntergerissen, so dass der Sozialist Hamon jetzt das schulterlange Haar von Le Pen trug. Die einzigen Läden, die aufhatten, waren ein Beerdigungsinstitut, die Waschstraße und eine Poulet-Rôti-Bude: ein Sonntag in der Provinz. Auf einer Betonbrücke auf dem Weg zu den Massengräbern des Ersten Weltkriegs steht „Mélenchon“, mit einem Ausrufezeichen. Vor ein paar Jahren hatte Mélenchon in seinem Buch „Bismarcks Hering – das deutsche Gift“ geschrieben, dass die Deutschen alt, schmutzig, dick, egoistisch und faul seien: „Wer will schon Deutscher sein? Niemand . . . nicht einmal die Deutschen selbst.“

          ***

          In Paris hat Emmanuel Macron seine Anhänger in den Hof des Louvre eingeladen. Kurz vor acht wird es sehr ruhig, man merkt, wie tief der Trump-Schock sitzt, wie sehr neuerdings alle mit den unglaublichsten Worst-Case-Szenarios rechnen, dann aber, als die erste Hochrechnung auf den Leinwänden auftaucht, Fahnengewinke, Geschrei, Umarmungen: Macron ist mit rund 66 Prozent zum jüngsten Präsidenten Frankreichs gewählt worden, er hat nicht nur die Wahl gewonnen, sondern auch Europa gerettet, denn wer weiß, sagt einer mit einer Kokarde an der Mütze, was bei einer Stichwahl zwischen Marine Le Pen und dem trübseligen François Hollande oder dem bis in die Knochen korrupten konservativen François Fillon passiert wäre. Auf der Rue de Rivoli fahren die, die nicht mehr hineingelassen wurden, einen Autokorso.

          Feierlaune am Wahlabend in Paris
          Feierlaune am Wahlabend in Paris : Bild: nma

          Kurz vor 23 Uhr betritt dann endlich Macron den Hof des Louvre. Auf den Bildschirmen sieht man ihn im Mantel in den kalten Pariser Abend hineinwandern; er wirkt fragil vor dem sehr langen und sehr schwarzen Schatten, den er wirft, es wird der letzte Satz von Beethovens Neunter eingespielt, die „Europahymne“. Als Mitterrand 1981 zum ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften Republik gewählt wurde, feierte er an der Place de la Bastille, dem Ort der Revolution; warum geht Macron, dessen Bestseller „Révolution“ heißt, in den Louvre?

          Macron also tritt auf die Bühne und erklärt den Abend zu einem historischen, es gebe nichts Vergleichbares. Es gibt tosenden Applaus, hinten glitzert die Glasfassade der Pyramide.

          Auf Twitter verschicken die ersten Verschwörungstheoretiker Bilder von Macron vor dieser Pyramide, einem Dreieck, das an das Symbol der Freimaurerlogen und an das der Illuminaten erinnert, die angeblich nach der Weltherrschaft streben. Dann aber macht auch Macron selbst das gläserne Kunstwerk zum zentralen Bild seiner Politik, die die Identität seines Landes in dessen Kultur, seiner Kunst und seiner Architektur sucht: „Der Louvre“, sagt Macron, sei „von der französischen Revolution bis zum Wagemut dieser Pyramide der Ort aller Französinnen und Franzosen: Europa und die Welt erwarten, dass wir den Geist der Aufklärung verteidigen.“

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