02.06.2007 · Konstantin der Große, der sich erster christlicher Kaiser nannte und zugleich als heidnischer Sonnengott anbeten ließ, zählt zu den faszinierendsten Figuren der abendländischen Geschichte. Die einstige römische Residenzstadt Trier präsentiert nun Glanz und Elend seines Imperiums.
Von Dirk SchümerErster christlicher Kaiser - das ist ein gewaltiger Ehrentitel für einen Herrscher, der sich als heidnischer Sonnengott anbeten ließ und als Mörder von Sohn und Gattin ein nicht gerade gottgefälliges Leben führte. Konstantin, welchen die Nachwelt „den Großen“ zu nennen pflegt, gehört schon darum zu den faszinierendsten Figuren der abendländischen Geschichte, weil seine schillernde Persönlichkeit kein einheitliches Bild hergibt, weil es aber gerade diese Persönlichkeit war, die den verfolgten und armen Christenglauben per Handstreich zur privilegierten Kirche der Macht ausstattete - mit Folgen, die weit über unsere Gegenwart hinausreichen. In Trier, wo der Sohn eines balkanischen Generals und späteren Mitkaisers ab 306 rund zehn Jahre lang residierte, unternimmt nun eine Tripel-Schau mit kostbarsten Exponaten aus den großen Museen der Welt den heroischen Versuch, unsere Zeit an diesen blutigen Apostelkaiser heranzuführen.
Eigentlich hätte es nicht erst dieser Ausstellung bedurft, um auf den Schatz an spätantiken Mosaiken, an archäologischen Fundstücken wie Gläsern, Mithrasaltären, Hermenköpfen, Münzen hinzuweisen, den das Rheinische Landesmuseum ohnehin beherbergt. Keine andere Stadt nördlich der Alpen kann - ab heute ergänzt um die passenden Leihgaben - ähnlich den Prunk und die Logistik einer kaiserlichen Hofhaltung vorführen: Die aus Trümmerteilen zusammengepuzzelten Fresken einer Decke, die mit molligen Eroten und würdigen Philosophenköpfen ins engste Umfeld Konstantins führt, vielleicht sogar in Gemächer seiner Gemahlin Fausta, sind die bedeutendsten Reste höfischer Malerei aus dieser Zeit überhaupt. Dazu gibt es ein paar Schritte vor dem Museum die Ruinen der kolossalen Kaiserthermen, die Mauern der Urbasilika, der ältesten Kirche Deutschlands, sowie die ergänzten Reste von Konstantins Audienzaula, deren Haustechnik, die Hypokaustik, heute mit christlicher Note als „Krypta“ hergezeigt wird. Mehr imperiales Rom ist hierzulande nirgendwo.
Heidnische und frühchristliche Motive
Wundersam genug konnten die Trierer Kuratoren Alexander Demandt und Josef Engemann die edelsten Ergänzungsstücke in aller Welt ausleihen, auf denen der selbstbewusste Synkretismus dieser Umbruchzeit anschaulich zu beobachten ist. Weil es ja - außer ein paar Kritzeleien in Katakomben - noch keine christliche Ikonographie gab, widmeten die Bildhauer bewährte Muster um: Aus einem strahlenden Apollojüngling mit Gefolge wird ein athletischer Christus im Kreise der Jünger; ein weintrunkener Dionysos findet sich als entspannter Jonas in der Kürbislaube wieder. Zuweilen sieht man heidnische und frühchristliche Motive - zu Letzteren zählen später vernachlässigte Motive wie Apostelwunder oder die traditio legis an Paulus und Petrus - direkt beieinander. Wie sollte es auch anders sein unter einem ab 312 bekehrten Herrscher, der sich auf seinem erhaltenen Triumphbogen beim Kolosseum in altrömischer Manier jedoch als Triumphator in Gesellschaft des Sonnengottes „Sol invictus“ darstellen ließ?
Sein Faible für die Verehrung der Sonne ging nahtlos mit dem christlichen Monotheismus einher, den Konstantin der Legende nach vor der Entscheidungsschlacht gegen seinen Mitregenten Maxentius an der milvischen Brücke zu Rom annahm, dabei durch eine Vision mit dem Kreuzeszeichen geleitet. Während die Historiographie heute annimmt, dass es die „Konstantinische Wende“ im Herbst 312 tatsächlich gab, blieb der Kaiser doch zeitlebens Machtmensch genug, um die heidnische Übermacht in Adel, Administration und Heer nicht vor den Kopf zu stoßen. Immerhin wurde er als Stifter der römischen Lateransbasilika, wie der Jerusalemer Grabeskirche zum Begründer des christlichen Sakralbaus. Diverse Modelle dieser allerersten Basiliken - mit dem Design römischer Shoppingcenter - überraschen durch die Größenverhältnisse: Das kaisernahe Trier übertraf syrische Stadtkirchen, die heute noch stehen, um ein Vielfaches, und konnte mühelos mit Rom mithalten.
Hochnäsiger Wahrheitsanspruch
Konstantin, der sich als ungetaufter Begierdekatholik selbstverständlich zum Herrn der ersten Konzile aufschwang und von den frühen Sektierereien unter Katholiken, Ariern, Donatisten sichtlich genervt war, hatte im Bischof Ossius von Córdoba einen genialen Organisator und in Eusebius, seinem Biographen, einen quecksilbrigen Propagandisten, der auch noch die schändlichste Bluttat seines Patrons zu beschönigen und die - allerdings geringen - politischen Misserfolge zu beschweigen wusste. Hier zeigt sich noch vor Ambrosius und Augustin ein handfestes Patriziat, das keinerlei Probleme hatte, direkt aus der Märtyrerzeit zum hochnäsigen Wahrheitsanspruch überzugehen.
Bis zur ersten Ketzer- und Heidenverbrennung sollte es nicht mehr lange dauern. Die frischen Kirchen wurden, weil sie plötzlich keine Gemeindesäle mehr waren, mit Juwelen zum himmlischen Jerusalem ausgestaltet. Und der Kaiser, der seine Gemeinde mit Steuervorteilen, Beförderungen, Erbschaften, Baugroschen bereicherte, avancierte nebenbei zum christusgleichen Überirdischen, als der er sich auch nach seiner späten Taufe und seinem Tod 337 in der Gründungsstadt Konstantinopel zwischen zwölf Apostel-Kenotaphen bestatten ließ.
Denkmalpflegerische Großtat
Weil im türkischen Istanbul nur mehr wenig an den Gründervater erinnert, musste die Ewige Stadt, in der Konstantins obskure Mutter Helena residierte, auch für ein spektakuläres Falsifikat dieser Schau sorgen: den Riesenschädel jener Statue, die einst die Maxentiusbasilika schmückte und deren gigantomane Reste heute im Konservatorenpalast verwahrt werden. Mit geradezu konstantinischer Grandezza ließen die Trierer Ausstellungsmacher aus einem Block Carraramarmor den Kopf computergetreu nachfräsen - später wird der Gigant, dessen Augen von uns Winzlingen weg zu den Göttern weisen, dem römischen Original aus dem sauren Regen helfen - eine denkmalpflegerische Großtat.
Solchen Prunkstücken zum Trotz gehören die Alltagsgegenstände zu den eigentlichen Höhepunkten, weil hier das Einsickern des Christentums quasi in Echtzeit zu beobachten ist: fast schamhafte Einritzungen von Konstantins Siegeszeichen - einer kreuzweise Kombination der Buchstaben Chi und Rho - auf Soldatenhelmen, ergreifende Inschriften von Kindergräbern, kostbare Glasarbeiten mit jüdischem Thoraschrein, bronzene Lämpchen mit Petruswundern, aber auch irdene Trinkbecher mit lebensklugen Inschriften wie: „Sauf mich aus!“.
Von Britannien bis Armenien
Nicht nur dieses Durch- und Nebeneinander eines vibrierenden Vielvölker- und Vielsprachenreiches, das von Britannien bis Armenien reichte, fasziniert uns mehr als die edle Größe augustäischer Kunst. Man meint, den höfischen Masken von Soldatenkaisern mit Dreitagebart, den entrückten Monumentalköpfen, die dann bei Bedarf wieder zu friedlichen Apolloi umgemeißelt wurden, und den sich umarmenden Tetrarchen mit Eisendiadem die Wackligkeit dieses Imperiums anzufühlen. Aber das ist nur Deutung aus späterer Sicht, die genauso in die Irre führt wie die Verklärung Konstantins durch das siegreiche Christentum, das damals den Untertanen des Imperiums nicht anders vorgekommen sein mag als eine vorübergehende Fanatikersekte aus dem Osten.
Konstantin selbst, der neue Christus, ließ zwar einige heidnische Tempel abreißen und Kulte verbieten, pflegte aber weiter Gottkaisertum und Eingeweideschau, praktizierte mithin eine Religion, die Hartwin Brandt in seiner Biographie treffend als „Christentum light“ charakterisiert. Dieser Kaiser ließ sich vom Monotheismus darum überzeugen, weil ein unangefochtener Gott die Einpersonenherrschaft personifizierte. Und neben sich ließ dieser Autokrat, dessen Ästhetik sehr viel näher bei Stalin steht als bei Mutter Theresa, niemanden gelten.
Im Zeichen des Egomanen
Was im Zeichen dieses Egomanen heute in Trier möglich ist, zeigt eine Vitrine mit drei weltweit einzigartigen Goldmedaillons zu Ehren Konstantins; sie kommen aus dem British Museum, aus dem Louvre und aus Washington und waren noch nie gemeinsam ausgestellt. Ähnliche Superlative gelten für einen polierten Silberschatz aus dem rhätischen Augst, für Goldringe mit Christogramm, für gehämmerte Schatzkästlein, die alle wie durch ein Wunder die Barbarenstürme überdauert haben.
Konstantin, der sich am Ende seiner dreißig Regierungsjahre als Weltherrscher panegyrisch mit dem Titel „Victor“ feiern ließ, hielt das Ende Roms hingegen für unmöglich, weil er in einem ewigen Imperium lebte. Und hatte er nicht recht? Die dritte Abteilung der Schau im nagelneuen Trierer Stadtmuseum an der Porta Nigra zeigt, dass Rom zwar bis heute lebt und unser aller Vorstellung von Politik und Herrschaft durchtränkt, dass aber ausgerechnet Konstantin, von ein paar Kulten der Ostkirche und in Sardinien abgesehen, kein triumphales Nachleben beschieden war. Er wurde nicht einmal zum katholischen Heiligen, obgleich er den Sonntag und das Weihnachtsfest per Edikt verankerte.
Das Gesamtbild Konstantins, mit dem man müde, aber beglückt die drei Ausstellungen verlässt, liegt irgendwo zwischen der getürkten Bewunderung der frühen Christen und dem anerkennenden Ekel des calvinistischen Neuheiden Jacob Burckhardt. Dieser Imperator Flavius Constantinus war auf seinem Thron sicher kein idealtypischer Christ, aber auch kein mieserer Machtmensch als die meisten Herrscher nach ihm bis zu bibelfesten Angriffskriegern unserer Tage. Insofern bleibt Konstantin, was er immer war: nicht der erste und schon lange nicht der letzte heidnische Herrscher.
Die Folgen für die Kirche!
Daniel Rossmann (Danielrossmann)
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Karl der Große wundert sich
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konstantin und die folgen
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obskur
Peter von Katow sen. (Katow)
- 04.06.2007, 12:33 Uhr