08.06.2004 · In der „Sky-Lobby“ hängt eine Reihe neuer, teilweise eigens für das Kanzleramt gemalter Werke. Über ihre Botschaft wird der Kanzler an einsamen Abenden nachdenken dürfen.
Die Kommunikation zwischen Herrschern und Künstlern ist nicht immer einfach. Von dem Maler Apelles schreibt Aelian, er habe in Ephesos ein Reiterporträt von Alexander dem Großen angefertigt; der Herrscher habe sich jedoch nicht so euphorisch über das Bild geäußert, wie der Maler es sich erhoffte, hingegen Alexanders Pferd habe dem gemalten Artgenossen auf dem Bild fröhlich zugewiehert, worauf der eitle Apelles bitter erklärte, das Tier habe mehr Kunstverstand als der Herrscher. Philipp IV. soll dem verdutzten Velázquez mit den Worten "Hier fehlt noch was" den Pinsel aus der Hand genommen und ein rotes Kreuz auf das Selbstporträt des Künstlers gepinselt haben.
Wer am Montag abend die "Sky-Lobby" des Berliner Kanzleramtes betrat, traf dort zwar keinen malenden Kanzler, aber dafür eine Reihe neuer, teilweise eigens für das Kanzleramt gemalter Werke an, die gerade vom Hausherrn in Augenschein genommen wurden. Werke von Bernd Zimmer, Michel Majerus, Franz Ackermann und anderen.
Das gab es noch nicht
Die zum Teil anwesenden Künstler wurden von den Kanzleramtsbürokraten gebeten, dem Kanzler ihre Arbeiten zu erklären. Corinne Wasmuht sagt, daß das, was sich in ihrem surrealen Gemälde spiegele, die zerwühlten Betten ihrer Freunde seien. Aha! Zerwühlte Betten im Kanzleramt, das gab es auch noch nicht.
Ein Bild heißt "Häuserpilze". Es sei ironisch, daß die Häuser da wie Pilze aus dem Boden schießen, sagt der Künstler Helmut Middendorf, dann fällt ihm nichts mehr ein. Der Kanzler macht seine Sache gut, er ahnt, daß Maler lieber drei Bilder malen als eines zu erklären. Er sagt "Da muß man nix sagen, muß einem einfach gefallen" und poltert Middendorf auf die Schulter und ist den Künstlern in seiner Wortkargheit vielleicht sogar näher als die Kulturbeamten, die elegant vor einem Baselitz herumtänzeln und den Geist von Nay und Pollock herbeizitieren.
Keine Skulptur, kein Video
Die neuen Gemälde wurden von einer Kommission ausgewählt, es sind interessante Werke darunter, aber man fragt sich doch, warum ausschließlich Malerei ausgewählt wurde; keine Skulptur, kein Video, kein Litfaßsäulenprojekt, wie es eine Künstlerin plante, darf hier oben mit dem Gebäude spielen.
Sobald Kunst ins Magnetfeld der Politik gerät, das war schon im Sieneser Palazzo Pubblico so, ist sie auch ein Selbstbild des Staates, eine ästhetische Botschaft, und über die Botschaft dieser Zusammenstellung wird der Kanzler noch an manchem einsamen Abend nachdenken dürfen: zerwühlte Betten. Schöne Bilder, die "Melancholie" und "Nach dem Knall" heißen - was hat all das an diesem Ort bloß zu bedeuten?