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Komische Kunst Der Phantomschmerz des Hutmachers

30.04.2004 ·  Vor Weltschmerz wehklagende Hunde, geruchsempfindliche Krokodile und apokalyptische Handykosten: Mit Bernd Pfarr und Hans Traxler präsentiert das Wilhelm-Busch-Museum Hannover zwei doppelt urkomische Künstler.

Von Patrick Bahners
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Ein vernunftbegabter Hund? Das muß ja wohl eine Comicfigur sein. "Komische Kunst" heißt schließlich die Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum, in der Purzels Kant-Krise dokumentiert wird. "Als Purzel gewahr wurde, wie wenig er im Leben bislang gemäß Kants kategorischem Imperativ gehandelt hatte, überkam ihn großes Wehklagen." Das vom Gewissensblitz getroffene Tier sitzt auf der Straße, die Vorderpfoten aufgestützt, die Hinterpfoten von sich gestreckt. Weit aufgerissen die Schnauze, die so lang ist wie die des großen bösen Wolfs und noch mehr Zähne sehen läßt. Und diesem Weltrachen entringt sich Klagen, das zum Himmel dringt. Purzel schreit. Er schreit sich die Seele aus dem Leib, so er denn eine hat, und die Zunge, die er ganz gewiß hat. Wir sehen sie zartrot ausgestreckt, das empfindsamste Stück Hundehaut, das Purzel die ganze Bitterkeit eines vernunftwidrigen Daseins spüren läßt.

So weit, so komisch oder jedenfalls so comisch. Aber was hat der Hund denn nun zu sagen beziehungsweise zu schreien? Wären Purzels wunderbare Abenteuer eine Comicgeschichte, dann stieße die Zungenspitze einen Keil von sich, der sich zu einem Ballon weitete, auf dessen weißer Oberfläche die Klage in Schriftform niedergelegt wäre. "O Verzweiflung! O dräuend Ungemach!" stünde da zu lesen oder "Verloren bin ich, ganz verloren!" In der Welt der Gemälde von Bernd Pfarr müßte lauter noch als Purzel Peter Sloterdijk klagen, denn sie ist eine blasenlose. Pfarr ist ein begnadeter Comiczeichner, aber er hat immer schon davon geträumt, alle Ballons platzen zu lassen.

Mein Zoowärter stinkt

Überlassen wir für einen Moment Purzel seinem Weltschmerz und betrachten wir auf einem anderen Bild Hektor, das Krokodil, das gleichfalls Klage führt, über die vom Personal des Exotariums ausgehende Geruchsbelästigung. Und wie klagt Hektor, den schon sein Name als einen heroischen Charakter ausweist? Trägt er etwa eine krokodilstränenförmige Sprechblase des Inhalts "Mein Zoowärter stinkt!" vor sich her? Nein, er hat diese Wörter säuberlich auf ein Plakat geschrieben und macht von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch, ohne den Mitgeschöpfen mit seinem Protest in den Ohren zu liegen. Daß Hektor die Lärmbelästigung vermeidet, offenbart die moralische Distanz zwischen dem Reptil und dem zweibeinigen Aufpasser, der die Gefängnisluft verpestet.

Wort und Bild illustrieren einander wechselseitig und stehen sich in jener Distanz gegenüber, die aus der Intimität erwächst, wie alte Eheleute. Ein gewisser altmodischer Ton verbindet den Dichter und den Maler, jene dezente Umständlichkeit, die auch Pfarrs berühmtestem Sohn eigen ist, Sondermann, dem Lebenskünstler mit Sinn für korrekte Kleidung. Purzel sah nicht einfach, wie mickrig sein Leben im Lichte des bestirnten Himmels aussah, sondern wurde dieses Umstands gewahr. Daß die Lippen, die bei Laokoon halb geschlossen sind, sich himmelweit öffnen, wirkt deshalb nicht geschmacklos, weil Pfarr die leidende Kreatur ins Tierfell steckt.

Augenblick der Menschwerdung

Der einzige unartikulierte Aufschrei des von der Kette gelassenen Selbstdenkers bleibt ohne Übersetzung oder Antwort. Kein Kamerad, der ins Geheul von den schlechten Zeiten einstimmen könnte. Purzel sieht nicht, daß wir ihn sehen. Vernunftbegabt heißt nicht vernünftig: Wer sich für vernünftig hält, hat sein Talent verschleudert. Pfarr hat den Augenblick der Menschwerdung ins Bild gefaßt, deren Gelingen beim Menschen selbst nicht weniger zweifelhaft ist als bei seinem besten Freund: Jeder, der sich dem Sittengesetz unterwirft, gelangt zu der schrecklichen Einsicht, daß womöglich noch nie eine Handlung dem kategorischen Imperativ gemäß war, also aus Pflicht geschah. Warum ist das komisch? Weil uns das Jaulen im Halse steckenbleibt. Aber was hat das noch mit Comics zu tun?

Von den Comicbildern sind in Bernd Pfarrs Gemälden die leeren Flächen übriggeblieben. Die unbezeichneten Hintergründe, Platzhalter purer Möglichkeit, haben ein Eigenleben angenommen, drängen als Wände und Mauern ins Bild hinein. Pfarrs Acrylfarben lassen sie schimmern, verheißungsvoll oder bedrohlich. Eine wirtschaftswundersame Duftigkeit schwebt in den Straßen Pfarrs. Die Menschen sind so geschäftig, daß wir immer nur ein oder zwei Exemplare der Gattung zu Gesicht bekommen. Es ist merkwürdig, daß die Stimmung uns an die fünfziger Jahre erinnert, obwohl die äußeren Zeichen der Amerikanisierung abwesend sind, jene Embleme des Massenkonsums, an denen sich eine Kunst nicht satt sehen kann, die die Dinge weniger komisch nimmt. Wenn du die Freiheit suchst, Purzel, blick dich um. Pfarrs Deutschland ist ein Traumland. Die Kriegsverluste waren hier Gelegenheiten für die Phantasie. Auf der Tabula rasa ließ sich noch einmal eine alte Welt errichten.

Parodien klassischer Szenarien

Höhere Fügung ist es, daß man im oberen Stockwerk die Kant-Studien fortsetzen kann: Weise war die Museumsleitung, als sie zwei Frankfurter Künstlerfreunde gleichzeitig nach Hannover lud. Oben hängen die Bildgeschichten von Hans Traxler, von denen viele wie Pfarrs erste Acrylbilder für das Magazin der "Zeit" entstanden sind. Diese Parodien klassischer Szenarien sind längst selber Klassiker - Feldmarschall Blücher, der genau drei Bücher besaß, oder die Dichterin Colette, die dem Berliner Volksmund zufolge "bis eens im Bette" lag. Wieder und wieder geht man nach Canossa, um sich Traxlers herrliche Verse auf der Zunge zergehen zu lassen: "Am König bilden sich zwei Zapfen. / Der Papst mag jetzt noch einen Krapfen."

Es ist unlängst behauptet worden, in der komischen Dichtkunst offenbare sich der deutsche Genius. Wie dem auch sei, in diesem Präzisionshandwerk ist Traxler jedenfalls ein Großmeister, den man neben den Patron des Museums stellen darf. Es muß beim Schmieden komischer Verse nämlich alles glattgehen, damit die eine holprige Stelle die Pointenautomatik auslöst: "Herr Wagner hechtet schnell zur Seite. / Herein tritt Ludewig der Zweite." Perfekt paßt zu dieser lakonischen Geläufigkeit der feine Strich, eine Ökonomie der Charakterisierung, die das die Karikatur definierende Moment der Übertreibung auf ein Minimum oder, besser gesagt, ein Optimum zurücknimmt.

Triebgesteuerte Wunderkinder

Unter dem Titel "Kant, Kant!" hat Traxler nun die Genese des Satzes geschildert, dessen Geltung Purzel auf den Menschen kommen ließ. Bei Pfarr dürfen Bruno, der Bär, der mit seiner Gitarre vor einem Saal voller Großwildjäger auftritt, oder Gerd, die Gazelle, die es beim Elfmeter mit dem König der Tiere zu tun bekommt, vernünftige Abwägungen anstellen, also hypothetische Imperative ausprobieren. Bei Traxler erweisen sich umgekehrt berühmte Männer, schöne Frauen und Wunderkinder als triebgesteuert. Kant fragt nicht lange nach der Verallgemeinerbarkeit der Maxime der Profitmaximierung und betreibt ohne die Skrupel eines Edi Birkel Werbung für seine Erfolgsformel.

Aber wie kam der kategorische Imperativ also zustande? Nun, er ist ein Satz, und Sätze werden aufgeschrieben. Da diesen Satz aber die Vernunft vorgibt, kann Kant ihn nur abgeschrieben haben. Wie das vor sich ging, würde Purzel nicht überraschen. Die vernünftige Welt ist nämlich eine und sieht daher überall gleich aus. Eines Nachts erschien das Gespenst der Rationalität in Königsberg im Schlafzimmer: "und sprüht und sprüht mit bleicher Hand / an Kantens kahle Zimmerwand". Wie war das noch gleich bei Heine mit Gottes Hand? Sie schrieb und schwand. Bernd Pfarr und Hans Traxler, sie malen und schreiben. Und bleiben.

Bernd Pfarr, Komische Kunst. Hans Traxler, Bildergedichte. Wilhelm-Busch-Museum Hannover, beide Ausstellungen bis zum 31. Mai. Die bei Kein & Aber und Sanssouci verlegten Begleitbücher kosten 25 beziehungsweise 17,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2004, Nr. 101 / Seite 45
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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