10.04.2005 · In der Neuen Nationalgalerie in Berlin hat die Künstlerin Vanessa Beecroft etwa hundert nackte Frauen aufgestellt. Doch es klappt nicht mit der inszenierten Anonymität, nicht mit der Scham, die sich in der Masse Publikum verliert.
Von Georg DiezFreitag abend. Um zehn nach acht geht es los. Durch den großen Raum der Neuen Nationalgalerie schiebt sich eine Frau im Rollstuhl, hinter ihr geht, in einigem Abstand, ein älterer Herr.
Der Raum ist leer, bis auf etwa hundert nackte Frauen, und er leuchtet in das Dunkel hinein, das sich langsam über die Stadt senkt. Die Neue Nationalgalerie ist immer noch der vielleicht schönste Bau von ganz Berlin, und im Grunde funktioniert er dann am besten, wenn das Licht die schwere Stahlkonstruktion zu tragen scheint.
Beecrofts Kunst entsteht im doppelt inszenierten sozialen Akt
Die Frau im Rollstuhl durchquert den Raum eher zögerlich. Etwa fünfzehn Meter vor den nackten Frauen hält sie an, es ist etwas zwischen ihr und den Frauen, es ist etwas wie Scham, und im nächsten Augenblick ist diese Scham verschwunden. Um 20 Uhr 12 ist die Performance Nummer 55 von Vanessa Beecroft, die gerade angefangen hat, eigentlich zu Ende.
Um 20 Uhr 12 drängen sich die nächsten Menschen durch die schmale Tür der Neuen Nationalgalerie, all die Menschen, die in langen Schlangen unten an der Treppe warten und noch mal vor der Glastür. Die Schlangen ziehen sich um das Gebäude, und wer seine Assoziationen spazierenführen will, der denkt fast automatisch von der Papst- hin zur MoMA-Schlange und wieder zurück. Um 20 Uhr 12 drängen die nächsten der vielen hundert Menschen in den strahlenden Glasraum. Und tatsächlich zerstört gerade der Moment die Performance, der sie eigentlich ausmachen soll.
Diese Kunst war schöner ohne Publikum. Da standen einfach nackte Frauen in einem riesigen Raum, ziellos, verloren, geboren. Da war es wie Beckett für das Pradazeitalter, warten, glücklich sein, verzweifeln. Da war es wie die Malereien in einer Steinzeithöhle, Kunst ohne Urheber und ohne Adressaten. Aber natürlich will Vanessa Beecrofts Kunst mehr, natürlich braucht sie das Publikum, entsteht sie gerade erst durch das Publikum, entsteht in einem doppelt inszenierten sozialen Akt. Hier die Frauen, die ausgestellt und als Masse aufgestellt sind, aber die Botschaft senden könnten, wir sind doch Individuen, und Nacktheit ist möglich und würdevoll und ohne Scham. Dort das Publikum, das sich um die Frauen drängt, denn um diese Anziehung geht es ja.
Es klappt nicht
Die Frauen stehen in Reihen hintereinander, mal setzt sich die eine hin, mal steht die andere auf. Da ist die, die sich flach auf den Steinfußboden legt, die Arme verschränkt, den Kopf auf die Arme gelegt. Da ist die mit dem überschminkten Tattoo. Da ist die mit den hennaroten Haaren, die versucht, leer zu schauen, was ihr nicht recht gelingt. Da sind die beiden rothaarigen Ernstgesichter, doppelte Traurigkeit in der ersten Reihe. Da ist die Dunkelhäutige, die einfach sitzt, aber wie von selbst eine Pose einnimmt. Da ist die dürre Grauhaarige. Da ist die Braunhaarige, die sich beschwert, weil mal wieder jemand fotografiert hat. Es klappt einfach nicht mit der inszenierten Anonymität, es klappt auch nicht recht mit dem Voyeurismus, es klappt nicht mit der Scham, die sich in der Masse Publikum verliert.
Denn natürlich geht es Vanessa Beecroft vor allem um Blicke. Es geht um Frauenbilder, um den Körper als Projektionsfläche und Gefäß, das wir mit uns herumtragen, es geht um Voyeurismus oder eben sehr schnell nicht mehr. „Erotisch ist das aber nicht“, sagte ein Mann mit Schnauzbart und Berliner Dialekt, es waren also auch ein paar echte Menschen unter dem sehr internationalen und recht jungen Publikum, in dem sich auch der obligatorische Prominente mittreiben ließ. Es geht um Blicke des Begehrens, die rasch abgleiten an Blicken der Leere, vielleicht Blicken des Stolzes - Blicke, die Vanessa Beecroft von den jungen und nicht ganz so jungen Frauen will. Aber diese Blicke neutralisieren sich auf eine Art, die den Abend künstlerisch zerfließen läßt. Was sich einstellt, ist nicht mehr als eine Ahnung von Ausgezogenheit.
Wie funktioniert Nacktheit?
Die Menschen drängen jetzt in vier, in fünf Reihen um die Frauen, die nur eine Strumpfhose tragen und teilnahmslos ins Ungefähre starren, die die Arme hängen lassen oder vor dem Körper verschränkt halten. Die Hitze nimmt zu in dem weiten Raum, ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid wird von ihrem Vater auf die Schultern gehoben und fragt, warum die eine Frau lächelt, die andere aber nicht. „Die sollten lieber alle ein bißchen lächeln“, sagt der Vater - und eines der Probleme dieser Performance ist eben die Unklarheit, wie ernsthaft das sein muß, warum Lächeln verboten ist, wie entschieden die Inszenierung ist, wie wichtig es ist, daß sie nicht gebrochen wird, wie kalt der Steinfußboden ist, was die hübsche Blonde denkt und was die mit den kurzen Beinen und ob es ein Problem ist, wenn die Gedanken wandern, bei den Frauen und beim Zuschauer, und kreisen und sich in der warmen Luft verlieren.
„Das Foto, was ich gesehen habe, ist schöner“, sagt ein Mann mit Lederjacke. Aber immer noch drängen sie, die Leute vor der Tür, auch nach über einer Stunde ist da noch eine Schlange, kommen sie und starren, starren auf eine Nacktheit, die sie doch so gut kennen, starren auf eine Nacktheit, die nicht stark genug dagegenhält. Wie funktioniert Nacktheit, wie funktioniert öffentliche Nacktheit, diese Fragen beantwortet Vanessa Beecroft an diesem Abend auf die leichteste Art und Weise: Jeder ist sich selbst der Nackteste.
Die Kritiker sahen ein anderes Kunstwerk
Sie selbst steht in einigem Abstand am Rand des Raumes und schaut sich ihre Inszenierung an, Vanessa Beecroft, die Italienerin mit dem amerikanischen Nachnamen, eine hübsche Frau, dunkelblonde Haare, mit hochhackigen Schuhen, schwarzen Pluderhosen und einem schwarzen Trägerhemd, das den Blick auf das Schlangentattoo auf ihrer rechten Schulter freigibt. Es ist einiges bekannt, über ihre Eßstörungen, über die Antidepressiva, die sie nimmt, über ihre Angst davor, nackt zu sein. Sie ist eine öffentliche Künstlerin, die Blicke steuern kann, in diesem Fall in dem Glaskasten der Neuen Nationalgalerie. Außen stehen immer noch Menschen und schauen hinein und schauen eher auf die Menschen, die die Nackten anschauen, als auf die Nackten selbst, die sie eh nicht sehen.
Ein paar Kunstkritiker waren schon einen Tag zuvor da und konnten die Performance vorab besichtigen - und diese Kritiker, die eine Performance ohne Performance sahen, ein Kunstwerk ohne den elementaren sozialen Kontext des Premierenabends, diese Kritiker schrieben vom Alter der Frauen und davon, wie sie nach ihren Haarfarben rot, blond, braun geordnet wurden und daß das ja die Farben der Deutschlandfahne seien. Sie standen dort mehr oder weniger allein, sie hatten den Blick, den die Frau im Rollstuhl hatte, sie hatten einen Moment der Einsamkeit vor so viel Fleisch, vor so viel Frau, vor so viel Nacktheit, die nur in eine Strumpfhose gepackt war. Sie sahen ein anderes Kunstwerk. Vor der Tür der Neuen Nationalgalerie stehen auch kurz vor zehn noch Menschen und warten. Sie wollen etwas sehen, sie wollen etwas erkennen, sie wollen im Zweifelsfall sich selbst erkennen. Aber dieser Spiegel ist stumpf.