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Kölner Möbelmesse Was auf keine Kuhhaut paßt

21.01.2005 ·  Schwebende Wände, ausklappbare Kaffeeküchen und „Buchstabler“: Am Wochenende öffnet die Kölner Möbelmesse fürs Publikum. Der Trend zum „Homing“, dem Rückzug ins eigene Nest, setzt sich fort.

Von Andreas Rossmann
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Alle Jahre wieder. Der Rhythmus ist das Problem der „imm cologne“, wie die Internationale Kölner Möbelmesse seit 2003 heißt, ihr immanenter Widerspruch.

Jahr für Jahr möchte, nein: muß sie mit Neuheiten klotzen, die aber sollen eine halbe Ewigkeit halten und sehr viel mehr als nur eine Saison überdauern. Denn einerseits sollen die Möbel stabil, langlebig, zeitlos sein, andererseits unverwechselbar, innovativ, zukunftsweisend. Den Klassiker von morgen zu präsentieren, das ist der unausgesprochene Wunsch, das geheime Ideal der ambitionierten Hersteller. Doch wie wird er entworfen, gefunden, durchgesetzt?

Mailand ist wichtiger

Dieser Widerspruch bestimmt die Möbelmesse und teilt sie in Spreu und Weizen, Flüchtiges und Beständiges, in Design mit und ohne eingebautes Verfallsdatum. Dem Gesetz, dem der Markt sie hier unterwirft, aber möchten sich viele, gerade auch ästhetisch anspruchsvolle Produzenten nicht mehr bedingungslos aussetzen: Manche lassen sich - wie Fritz Hansen aus Dänemark, die erste Adresse für skandinavisches Design - schon länger nicht mehr blicken, andere kommen nur noch in größeren Abständen, wieder andere stellen ihre Novitäten erst auf der - wichtigeren - Messe in Mailand vor oder schlagen sich auf die andere Seite, in das Off-Programm der zunehmend weitläufigen „Passagen“. Insgesamt aber ist die Beteiligung weiter hoch: 1300 Aussteller aus fünfzig Ländern sind nach Köln gekommen, knapp zwei Drittel von ihnen aus dem Ausland.

Die deutsche Möbelindustrie gibt sich „vorsichtig optimistisch“. Nach einem Minus von 2,1 Prozent im Jahr 2003 zeichnet sich für 2004 ein Wachstum von 1,5 Prozent (so der Anstieg in den ersten neun Monaten) und damit ein Gesamtumsatz von 20,1 Milliarden Euro ab, ein Wachstum, das auch in diesem Jahr, so Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Möbelindustrie e.V., zuversichtlich, „erreicht werden kann“. Die Gründe dafür sieht er einmal im Inlandgeschäft, das sich drei Jahre nach der Einführung des Euro, da die Menschen sich endlich an die neue Währung gewöhnt haben und die neuen Preise anerkennen, stabil entwickle, und zum anderen im Export, der seit vielen Jahren kontinuierlich um rund sechs Prozent pro Jahr steige.

Der Trend zum „Homing“

Das „leichte Wachstumsumfeld“ werde, da beruft sich die Möbelindustrie auf die Zukunftsforscher, durch einen Trend gestützt, den sie schon länger ausmacht und ausgibt: „Das ,Homing', also der Rückzug ins eigene Nest“, so Klaas, „hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht.“ Je rauher und anstrengender die Außenwelt erfahren wird, desto größer werde das Bedürfnis nach Gemütlichkeit und Geborgenheit in den eigenen vier Wänden, und mit der Komplexität und Unübersichtlichkeit der Gesellschaft, so nun die zweite, darauf aufbauende Kompensationsthese, wachse der Wunsch nach einem „eher puristisch eingerichteten Raum“.

„Schlichte Eleganz“ und „fast asketische Einfachheit“ seien angesagt, das Prinzip „Weniger ist mehr“ entfalte Breitenwirkung: „Aus der Lust am Mehr wird der Streß des Zuviel“, pointiert Klaas. Dabei werden vor allem zwei neue Zielgruppen ins Visier genommen: Die Singles und die „Best Ager“ über fünfzig.

Der gläserne Verbraucher

Die Möbelindustrie will da nichts dem Zufall überlassen, vielmehr hat sie eigens sechs Weise beauftragt, die Tendenzen aufzuspüren und auf einem „internationalen Trendboard“ zu bündeln: „Transformation“, „Emotional Sensuality“, „Multiple Identity“ und „Time as a Value“ lauten die internationalen Wegmarken. Soll heißen: Die Konsumenten wollen Möbel, die ihnen und ihrem Lebensgefühl entsprechen, die Gefühle auslösen und ausdrücken, die immer neue Funktionen offenbaren, die gleichsam mit ihnen mitwachsen und doch zeitlos bleiben. Sonst noch was? Wie hier die Branche, auch das alle Jahre wieder, den gläsernen Verbraucher und das omnipotente Produkt auf ein fiktives Heilsversprechen hin zusammenführt, strotzt nur so vor kasuistischer Komik.

Erfrischend unkonventionell nehmen sich hingegen die Entwürfe zum „ideal house“ in den Atrien der Hallen 1 und 3 aus, zu denen diesmal zwei prominente Designerinnen aufgefordert wurden: Hella Jongerius aus Rotterdam und die in Mailand tätige Spanierin Patricia Urquiola. Beide verweigern sich der Vorstellung, ein Ideal umsetzen zu können, und markieren konzeptionelle Positionen. Die Niederländerin entführt in eine Inszenierung schwebender Wände, die wie Gebäudefassaden oder Seitenflügel in einem Theater hintereinander aufgehängt sind. Möbel, Nippes, Trödelkram sind darin verstaut, auch einzelne Designerstücke von Kollegen oder eigene Porzellanarbeiten: Ein Speicher der Erinnerung, ein Sammelsurium von Geschichten.

Luftige Versuchsanordnungen

Dagegen läßt Patricia Urquiola das „house“ zur „housse“, französisch für „Möbelbezug“, werden: Eingefaßt von einem Baugerüst, ist es mit einer textilen Haut überspannt, innen hängen, scheinbar schwebend und an Seilzügen zu bewegen, Sitzgelegenheiten und ein Bett, Wohnutensilien und Accessoires, und in einer Ecke steht eine Installation von Tobias Rehberger. Das Haus als eine Art großräumliches Mobile, das sich ständig verändert und spielerisch verändern läßt. Luftige Versuchsanordnungen beide, die nicht auf dem Teppich bleiben.

Den Trend nach festen Werten und gesicherten Positionen sehen viele Hersteller in der erstarkenden Nachfrage nach modernen Klassikern bestätigt. Dabei geht es nicht nur um Originalversionen, sondern auch um Variationen, Abwandlungen, „Nachbesserungen“ und - leider allzuoft - um Verballhornungen: So legt Vitra nicht nur das Daybed von George Nelson (1948) oder den EDU Desk von Charles & Ray Eames (1949) wieder auf, sondern bietet deren Lounge Chair (1956) auch wieder in cremefarbenem Leder an.

Klubsessel mit Kuhfell

Tecta polstert den Kragstuhl von Axel Bruchhäuser (1976) für eine bequemere Modellreihe, wie eine doppelelastische Torsionsfederung unterstreicht, Richard Lampert hält das ursprünglich geschweißte Stahlrohrgestell für Tischplatten von Egon Eiermann (1953) in einer klappbaren (und mithin mobileren) Fassung vor, und Thonet bezieht den schwingenden Klubsessel S 35 von Marcel Breuer (1930) nicht mehr „nur“ mit einem Korbgeflecht, sondern auch wieder mit Kuhfell.

Seine größte Tradition aber schreibt das Frankenberger Unternehmen mit einem neuen Jahrgang fort, einem leichten Kufenstuhl von Piero Lissoni, der die Elemente der Thonet-Sprache - gebogenes Stahlrohr und Holz - schmal macht und die geflochtenen Texturen mit einer Kunststoffnetz-Bespannung aktualisiert: So ist ein dezentes, feingliedriges Möbelstück von „integrativer“ Qualität entstanden.

Unbekannte Klassiker

Aber es gibt auch unbekannte Klassiker, die neu oder wieder entdeckt werden: Cassina hat den asymmetrischen Tisch „Ventaglio“, den Charlotte Perriand, einst Assistentin von Le Corbusier, 1972 für ihr Ferienhaus schuf, endlich ins Programm genommen, und Nils Holger Moormann holt den zusammenlegbaren Hocker „Sitzmichel“ aus Flugzeugsperrholz des vergessenen Schweizer Designers Jacob Müller aus der Versenkung, der 1948 entstanden ist und nun erstmals in Serie geht.

Der Minimalist aus dem Chiemgau überrascht auch mit einer - bis zu zweiundzwanzig Modulen umfassenden - Kaffeeküche, die an die Wand gehängt und nach Bedarf aufgeklappt wird, und kennt für die Unterbringung von Büchern bei aufgebrauchter Wandfläche die ultimative Lösung: Der „Buchstabler“, entworfen von Tom Fischer, ist ein drehbarer Regalturm, der sich, auf einem Sockel aus Zementguß und mit quadratischer Grundfläche, von vier Seiten mit Paperbacks füllen läßt. Konkurrenzmodelle wie das vertikale Regal von Bruno Rainaldi, das CCI offeriert, können es damit weder gestalterisch noch ordnungstechnisch aufnehmen.

Unauffällige Eleganz

Die wachsende „Macht“ der modernen Klassiker vermittelt sich auch subkutan. So ist das Modular der Sideboards von Zeitraum, das sich diesmal im Rahmen des Off-Programms „Passagen“ in der ehemaligen Bundesbahndirektion präsentiert, der Proportionslehre von Le Corbusier verpflichtet: Die Sitz- und Stau-, Liege- und Ablageelemente, die sich, aus amerikanischem Nußbaum und mit Stoffen von Kvadrat, zu einer Wohnlandschaft kombinieren lassen, bestechen durch eine strenge, unauffällige Eleganz, wie sie auch das Bett „Doze“, das vorne zu schweben scheint, ausstrahlt.

Ein neues Podium für ganz junges Design (und allzu viel Schnickschnack) ist der Messe mit dem erstmals gastierenden „Blickfang“ im Großen Rheinsaal zugewachsen: Dem anziehenden Titel aber wird hier neben einer extrem filigranen Schreibtischlampe von Aluette allein ein Doppelbett von Maude gerecht, für dessen Gestell der Zürcher Architekt Michael Mettler mit Birkenschichtholz als einzigem Material auskommt: Tief genug, daß die Füße nicht zu sehen sind, und hoch genug, um nah heranzutreten, wird es von einem Rahmen für Bücher oder aufgestellte Sitzkissen an den Kopf- und Fußenden auf harmonische Seitenverhältnisse gebracht.

Verknautschte Anmutung

Daß Architekten wieder mehr tun, was sie immer auch getan haben, nämlich Möbel entwerfen, mag sich dieser Messe, und sei es als Reflex auf die stagnierende Bauwirtschaft, ablesen lassen. Gegenüber den Designern behaupten viele von ihnen einen Vorsprung an konstruktivem Know-how. Ob ihnen dabei Frank Gehry mit einer Lampe für Belux - die wie aus runden Pizzaböden zusammengeleimt, markenzeichengerecht eine verknautschte Anmutung kultiviert - den Weg erleuchten wird, ist allerdings sehr die Frage.

Wenn Tecta drei sehr ungleiche Stühle - von Schinkel (1825), Gropius (1911) und Stefan Wewerka (1979), die alle derselbe schwarz-weiße Stoff von Helene Jungnick bespannt - in einer Reihe ausstellt, dann ergibt das auch eine Demonstration von Tradition. Gute Möbel, so mag das auch heißen, brauchen lange Vorläufe, um zu wachsen und zu reifen, und junge Unternehmen einen sehr langen Atem, ehe sie den etablierten Paroli bieten können. So bestätigt diese Möbelmesse, die letzte, die - vor dem Umbau für RTL - in den Rheinhallen stattfindet, mit ihrem andauernden Widerspruch und gegen ihre Absichten auch einen Satz von El Lissitzky: „Gegenstände wachsen wie Organismen nach den Gesetzen der natürlichen Auslese.“

Die „imm cologne“, Internationale Möbelmesse Köln, ist am Samstag und Sonntag für Publikum geöffnet. Der Eintritt kostet im Vorverkauf acht, an der Tageskasse zehn Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005, Nr. 17 / Seite 40
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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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