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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Sammlung Haubrich in Köln Der Kunstsammler, der sich Ludwig nannte

 ·  „Ich habe mich der modernen Kunst verschworen“, schrieb Josef Haubrich im Jahr 1913 - und schuf eine kapitale Sammlung. Jetzt holt Köln seine Kunst und ihn endlich zurück ins Rampenlicht.

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© Museum Ludwig „Dame in grüner Jacke“ (1913): dies Meisterwerk von August Macke verdankt Köln der Großmut Josef Haubrichs

Sein Name zieht nicht mehr in Köln. Dabei steht Josef Haubrich (1889 bis 1961) für ein großes Kapitel der Kunstmetropole. Mit seiner Sammlung der Moderne, die er durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg gerettet und 1946 der Stadt zum Geschenk gemacht hat, leistete er „den bedeutendsten deutschen Beitrag zur Kunst der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“. Doch das Museum, das seine Schätze beherbergt, trägt nicht seinen, sondern den Namen des Sammlers, der ihn, seine „Großtat als Vorbild vor Augen“, so gerühmt und, nach eigener Einschätzung, übertroffen hat: Peter Ludwig. Nicht einmal den Zusatz „Sammlung Haubrich“ hat der ihm gewährt.

Die letzte (schmale) Publikation zu Haubrichs Wirken ist 1959 erschienen und wurde 1971 geringfügig erweitert. Zu seinem neunzigsten Geburtstag 1979 wurde posthum die Kunsthalle nach ihm benannt. Doch das Gebäude wurde wie der benachbarte Kunstverein 2001 für den Museumskomplex am Neumarkt abgerissen. Geblieben ist der Josef-Haubrich-Hof, die Adresse immerhin der Stadtbibliothek - und eines Ärztehauses.

„Haubrich“ als Markenzeichen

An seinem letzten Domizil, das ihm Kölns seinerzeit prominenter moderner Architekt Wilhelm Riphahn 1951 mit einem dreigeschossigen Turm für die Schlafzimmer und einem im Halbkreis ausschwingenden Wohnraum, hinter dessen Kurvenrückwand die Bibliothek liegt, in Müngersdorf entworfen hat, erinnert kein Schild an ihn. Und sein Nachlass ging beim Einsturz des Historischen Archivs am 3. März 2009 verloren.

Der Name Josef Haubrich zieht nicht mehr. So wenig, dass auf die mehr als überfällige, von Julia Friedrich initiierte und kuratierte Ausstellung, die den Sammler und seine Sammlung endlich ins öffentliche Bewusststein zurückholt, ein Allerweltstitel geklatscht wurde: „Meisterwerke der Moderne“ steht in großen Buchstaben oben, „Die Sammlung Haubrich im Museum Ludwig“ klein darunter. Gleich nach dem Krieg war das anders. Da beherrschte der Name die von Joseph Fassbender gestaltete Graphik, die, weil Stadt und Museen in Trümmern lagen, für die erste Ausstellung in der Alten Universität warb. Auch bei den Präsentationen der Sammlung, die danach im Triumphzug durch ganz Deutschland und halb Europa, bis Berlin, Paris und Turin, tourte, war „Haubrich“ das Markenzeichen. Seine Sammlung dokumentierte, so Leopold Reidemeister, der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, „den kulturellen Aufbauwillen Kölns und darüber hinaus Deutschlands“.

Das Verdienst von Kasper König

Was für ein Botschafter für die Kunstmetropole, die so zu ihrer Pionierrolle kam! Die Stadt war völlig zerstört, nur der Dom stand noch, und diese wundervolle, dem Bildersturm der braunen Barbaren entrissene Kunst leuchtete. Köln hungerte, aber es lebte nicht vom Brot allein. Doch erst als das Wallraf-Richartz-Museum 1957 im Neubau von Rudolf Schwarz wiedereröffnete, fand die Sammlung, und Haubrich wurde dafür gefeiert, in Köln ihren festen Platz.

Es ist das Verdienst von Kasper König, dass die Sammlung Haubrich diese herausgehobene Stellung endlich zurückgewinnt: Als er im Winter 2000 Direktor des Museums Ludwig wurde, endete die Wohngemeinschaft mit dem Wallraf-Richartz-Museum auf dem Domhügel, von dem es in den Neubau von O.M. Ungers neben St. Alban zog. Die Räume der Kölner Malerschule wurden frei, und König wies diese Beletage der Sammlung Haubrich zu. Ein erster Akt der Wiedergutmachung und ein kulturpolitischer Schachzug: Für die internationale Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, die Peter Ludwig hier versammelt hat, sind die Favoriten der Sammlung Haubrich die Alten Meister. Mit der Neupräsentation schließt sich für Kasper König, dessen Ära am 31. Oktober endet, wie er im Vorwort des Katalogs schreibt, ein Kreis: Peter Ludwig ist der Platzhirsch, doch seine ganze Größe gewinnt er durch das Fundament, auf dem er steht.

Nun sind auch die Rückseiten zu sehen

Die Ausstellung zeigt 77 Werke, die fast alle bekannt sind: Die Inkunabeln der Sammlung wie Kirchners „Weiblicher Halbakt mit Hut“ oder Mackes „Dame in grüner Jacke“, die Gemälde von Chagall, Feininger, Heckels, Jawlensky, Kokoschka oder Nolde, die Plastiken von Lehmbruck, Maillol, Mataré und Sintenis.

Ein paar Bilder wie Karl Hofers „Maskerade“ waren lange nicht mehr, doch nur drei sind, weil sie auf den Rückseiten von Gemälden gefunden wurden, zum ersten Mal zu sehen. Und doch wird ein neuer Blick auf die Sammlung geworfen, es entsteht der Eindruck, das Museum sei größer geworden. Aber nein, eine Sinnestäuschung: Riesige Spiegel scheinen die Wände aufzuheben, die zweiseitig bemalten Leinwände hängen frei im Raum, und wer dazwischentritt, kann sich beim Zuschauen zusehen.

Der Jugend verpflichtet

Die Auswahl ist monographisch auf Haubrich ausgerichtet, Werke wie Marcs „Wildschweine“ oder Pechsteins „Grünes Haus“, die, von anderer Seite erworben, bisher daneben hingen, warten einstweilen im Depot. Die Sammlung als Biographie des Sammlers.

Die Lebensleistung Haubrichs wird so herausgestellt, doch ist das, streng genommen, nicht in seinem Sinn. Denn Haubrich hat nicht für sich, sondern „in öffentlichem Interesse“ gesammelt: „Ich habe eine Verpflichtung gegenüber der Jugend. Sie soll Gelegenheit haben, zu sehen und lernen, was zwölf Jahre unter Zwang vorenthalten wurde.“ Als Sohn des Direktors einer Ortskrankenkasse stammt er nicht aus groß-, sondern aus gediegen bürgerlichem Haus, studiert Jura in München, Berlin und Bonn und tritt 1915 als Anwalt in eine Kölner Kanzlei ein. Sein Interesse gilt zunächst der alten Kunst und, der Mode folgend, Ostasiatischem. Die Sonderbundausstellung 1912 wird zum Augenöffner: „Danach habe ich mich der modernen Kunst verschworen.“ Haubrich begeistert sich für die Maler der „Brücke“, die Expressionisten, die Neue Sachlichkeit. Schon das erste Gemälde, das er 1923 erwirbt, ist nichts fürs Wohnzimmer: Das veristische „Bildnis Doktor Hans Koch“ von Otto Dix zeigt den Düsseldorfer Urologen, Spritze in der rechten, Stauschlauch in der linken Hand, als süffisant angriffslustigen Schlächter.

Haubrich machte „einfach“ weiter

Die Kanzlei läuft gut, die Sammlung wächst, Haubrich kauft in Galerien und direkt aus Ateliers, mit vielen Künstlern, nicht nur mit den Kölner „Progressiven“, ist er befreundet. Den „heiteren Mensch, den Freuden des Lebens zugeneigt“, so Eduard Trier über Haubrich, zeigen Porträts als beleibten Herrn mit Glatze und leichtem Strabismus divergens, der den bürgerlichen Habitus auch als Maske nutzt. Dass er seinen zweiten Vornamen zum Nachnamen des Pseudonyms macht, unter dem er für die „Rheinische Zeitung“ Kunstkritiken verfasst, zeugt von selbstironischer Weitsicht: „Dr. Josef Ludwig.“

Den Bürger Haubrich hat der Nationalsozialismus bedroht: Aus dem Kölnischen Kunstverein wird er 1934 ausgeschlossen, seine Kanzlei muss er, der keiner Naziorganisation angehört, in die Wohnung verlegen, seine dritte Frau, eine jüdische Ärztin, deren Tochter er 1938 in die Schweiz gebracht hat, nimmt sich 1944 das Leben, sein Sohn aus erster Ehe ist 1945 gefallen. Der Sammler Haubrich aber macht „einfach“ weiter: Es ist verpönt, aber Privatleuten nicht verboten, „entartete Kunst“ zu erwerben, auch Werke verfolgter Künstler kauft er noch, im Krieg bringt er Stücke seiner Sammlung „Rücken an Rücken mit Lochner“ in einem Tiefkeller der Deutschen Bank in Sicherheit.

Ein Fest für die Sinne

Die Kölsche Unbekümmertheit, die der Sammler Haubrich an den Tag legt (und die noch in einem Fernsehinterview von 1959, das die Ausstellung einspielt, nachklingt), ist nicht, wie meistens im Rheinland, opportunistisch, sondern oppositionell. Als er seine Kollektion der Stadt als Geschenk anbietet, erbittet sich Haubrich, der später in die SPD eintritt und zeitweilig dritter stellvertretender Bürgermeister ist, das Gehalt eines Beigeordneten als Gegenleistung. Doch nicht für sich selbst, sondern für einen Fond, mit dem er für die Stadt Kunst kauft und die Sammlung ergänzt. Auch zentrale Werke wie Kirchners „Fünf Frauen auf der Straße“ sind damals erst dazugekommen.

Der Neupräsentation wurde eine zweijährige Provenienzforschung vorgeschaltet, in der Dorothee Grafahrend-Gohmert der Herkunft jedes der zweihundertfünfzig Werke nachgegangen ist. „Ich hatte befürchtet, in ein Wespennest zu stechen“, sagt die Kunsthistorikerin, die nicht alle Fälle aufklären konnte. Doch der naheliegende Verdacht, dass Haubrich „verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ erworben haben könnte, hat sich nicht, bisher zumindest, bestätigt. Es gibt mithin nicht den geringsten Grund, Josef Haubrich nicht zu ehren. Wie die Ausstellung ihn aus der Versenkung holt, ist Fest für die Sinne und kulturpolitischer Coup zugleich: Köln zeigt sich, endlich einmal, von der allerbesten Seite.

Meisterwerke der Moderne. Die Sammlung Haubrich im Museum Ludwig. Museum Ludwig. Bis 31. August 2013. Der Katalog, erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, kostet 36 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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