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Kölner Ausstellung zur Klecksographie : Vom Makel zur Magie

Zwischen Skizzen, formlosen Entwürfen und gewolltem Chaos: Eine Kölner Ausstellung zeigt den Klecks als Kunst.

          Das kann uns ja gar nicht mehr passieren, da wir heute alle am Computer und, wenn doch einmal mit der Hand, nur ganz ausnahmsweise mit Tinte schreiben. Ein Klecks liegt außerhalb aller Wahrscheinlichkeit, ein „formloser Entwurf“ (Leonardo da Vinci), der kulturtechnisch der Vergangenheit angehört und, wenn er sich verwerten ließe, etwas für den Manufactum-Katalog wäre. Es wird also höchste Zeit, dass er endlich Aufnahme im Museum findet: Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln zeigt „Die Klecksographie - Zwischen Fingerübung und Seelenschau“.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Trotz Leonardo und trotz Giorgio Vasari, der Skizzen „in der Form eines Flecks gestaltet“ sah, betritt der Klecks erst um 1800 die Bild-Fläche. Das „tintenklecksende Säkulum“, vor dem sich Karl Moor in Schillers „Die Räuber“ (1781) noch ekelt, ist kein Fluch mehr. Den gesamten älteren Zeichnungsbestand hat Thomas Ketelsen, Leiter der Graphischen Sammlung am Wallraf-Richartz-Museum, durchgesehen, doch Tintenflecke, die zufällig oder aus Versehen aufs Papier gerieten, fanden sich keine, lediglich Schmutz- oder Wasserflecken sowie - ganz selten - Farbspritzer, die der Verwendung als Vorlagen von Gemälden geschuldet sind. Dem Barockmaler Girolamo Troppa (1637 bis 1710), von dem hier das größte Konvolut an Zeichnungen aufbewahrt wird, sind drei auf seine Kreideblätter geplatscht.

          Vom Makel emanzipiert sich der Fleck in der Romantik. In E.T.A. Hoffmanns „Goldener Topf“ hebt er die enge Welt des ewigen Studenten Anselmus aus den Fugen, und die zufällig aufs Papier gefallene amorphe Masse wird auf der Neuerwerbung eines unbekannten Künstlers (um 1820) zum Mittelpunkt von sechs kreisförmig angeordneten Porträts, deren Profile die Konturen des Flecks übernehmen. Wilhelm von Kaulbach und seine Mitarbeiter Michael Echter und Julius Muhr inspirieren die „gemüthlichen Plauderstunden“, zu denen Ignaz von Olfers, Generaldirektor der Berliner Museen, sie einlädt, zu „Kaffe-Klexbildern“, die ihnen als Ausgangspunkt für humoristische Figurationen dienen. Justinus Kerner (1786 bis 1862) erfindet das klexographische Verfahren des Klappdrucks, um sich auf die symmetrischen Gestalten, die es hervorbringt, seinen Reim zu machen: „Aus Dintenflecken ganz gering / Entstand der schöne Schmetterling / In solcher Wandlung ich empfehle, Gott meine fleckenvolle Seele.“

          Mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem Rorschachtest, dem das zufällig entstandene Bild zur Eintrittspforte in die Seele wird, fördert Kerner, Arzt, Naturwissenschaftler und Poet dazu, einen „Bilderschatz der Urbilder“ zutage, die Blicke ins Unbewusste öffnen - Passepartout der Phantasie. Auch Victor Hugo hat „in Stunden nahezu gedankenloser Träumerei“ Fleckenbilder geschaffen, um seiner Phantasie freien, den Fesseln der Intention entbundenen Lauf zu lassen. Hippolyte Lefèbvre befördert den Klecks zur Inspirationsquelle zeichnerischer Experimente, James Ensor zum Geheimnisträger ungeahnter Möglichkeiten. Aus dem Makel wird Magie.

          “Ich habe in den Wolken und an den Mauern schon Flecken gesehen, die mich zu schönen Erfindungen verschiedenster Dinge anregten“, schreibt Leonardo da Vinci, und Giovanni Molinari, Alexander Cozens und Johan Anton de Peters folgen ihm jeder auf seine Weise. Die kleine, kuriose Schau holt den Klecks aus der Schmutzecke und skizziert seine Karriere nach. Das zwanzigste Jahrhundert erreicht sie nur knapp, der Naturwissenschaftler Erich Haeckel ist mit der aquarellierten Zeichnung „Wolken in der Malacca-Straße, 11.3.1901“ ihr jüngster Gewährsmann. Wie es weitergeht mit dem Klecks, wie er der Moderne den Weg bereiten hilft und wozu er es danach noch bringt, steht auf anderen Blättern. So zeigt die Ausstellung nicht nur schwarze, sondern lässt auch weiße Flecken.

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