Home
http://www.faz.net/-gqz-7gqoh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.08.2013, 16:50 Uhr

Kölner Ausstellung zur Klecksographie Vom Makel zur Magie

Zwischen Skizzen, formlosen Entwürfen und gewolltem Chaos: Eine Kölner Ausstellung zeigt den Klecks als Kunst.

© dpa Nicht Schmetterlinge, sondern Tintenkleckse sind in diesem Folianten zu sehen

Das kann uns ja gar nicht mehr passieren, da wir heute alle am Computer und, wenn doch einmal mit der Hand, nur ganz ausnahmsweise mit Tinte schreiben. Ein Klecks liegt außerhalb aller Wahrscheinlichkeit, ein „formloser Entwurf“ (Leonardo da Vinci), der kulturtechnisch der Vergangenheit angehört und, wenn er sich verwerten ließe, etwas für den Manufactum-Katalog wäre. Es wird also höchste Zeit, dass er endlich Aufnahme im Museum findet: Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln zeigt „Die Klecksographie - Zwischen Fingerübung und Seelenschau“.

Andreas Rossmann Folgen:

Trotz Leonardo und trotz Giorgio Vasari, der Skizzen „in der Form eines Flecks gestaltet“ sah, betritt der Klecks erst um 1800 die Bild-Fläche. Das „tintenklecksende Säkulum“, vor dem sich Karl Moor in Schillers „Die Räuber“ (1781) noch ekelt, ist kein Fluch mehr. Den gesamten älteren Zeichnungsbestand hat Thomas Ketelsen, Leiter der Graphischen Sammlung am Wallraf-Richartz-Museum, durchgesehen, doch Tintenflecke, die zufällig oder aus Versehen aufs Papier gerieten, fanden sich keine, lediglich Schmutz- oder Wasserflecken sowie - ganz selten - Farbspritzer, die der Verwendung als Vorlagen von Gemälden geschuldet sind. Dem Barockmaler Girolamo Troppa (1637 bis 1710), von dem hier das größte Konvolut an Zeichnungen aufbewahrt wird, sind drei auf seine Kreideblätter geplatscht.

25592276 © Katalog Vergrößern Ausschnitt aus „Klecksographie eines Fabelwesens“, Justinus Kerner (1786-1862)

Vom Makel emanzipiert sich der Fleck in der Romantik. In E.T.A. Hoffmanns „Goldener Topf“ hebt er die enge Welt des ewigen Studenten Anselmus aus den Fugen, und die zufällig aufs Papier gefallene amorphe Masse wird auf der Neuerwerbung eines unbekannten Künstlers (um 1820) zum Mittelpunkt von sechs kreisförmig angeordneten Porträts, deren Profile die Konturen des Flecks übernehmen. Wilhelm von Kaulbach und seine Mitarbeiter Michael Echter und Julius Muhr inspirieren die „gemüthlichen Plauderstunden“, zu denen Ignaz von Olfers, Generaldirektor der Berliner Museen, sie einlädt, zu „Kaffe-Klexbildern“, die ihnen als Ausgangspunkt für humoristische Figurationen dienen. Justinus Kerner (1786 bis 1862) erfindet das klexographische Verfahren des Klappdrucks, um sich auf die symmetrischen Gestalten, die es hervorbringt, seinen Reim zu machen: „Aus Dintenflecken ganz gering / Entstand der schöne Schmetterling / In solcher Wandlung ich empfehle, Gott meine fleckenvolle Seele.“

Mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem Rorschachtest, dem das zufällig entstandene Bild zur Eintrittspforte in die Seele wird, fördert Kerner, Arzt, Naturwissenschaftler und Poet dazu, einen „Bilderschatz der Urbilder“ zutage, die Blicke ins Unbewusste öffnen - Passepartout der Phantasie. Auch Victor Hugo hat „in Stunden nahezu gedankenloser Träumerei“ Fleckenbilder geschaffen, um seiner Phantasie freien, den Fesseln der Intention entbundenen Lauf zu lassen. Hippolyte Lefèbvre befördert den Klecks zur Inspirationsquelle zeichnerischer Experimente, James Ensor zum Geheimnisträger ungeahnter Möglichkeiten. Aus dem Makel wird Magie.

25592274 © Katalog Vergrößern „Tintenfleck mit sechs Profilbildnissen“, Unbekannter Künstler (Deutsch), um 1820

“Ich habe in den Wolken und an den Mauern schon Flecken gesehen, die mich zu schönen Erfindungen verschiedenster Dinge anregten“, schreibt Leonardo da Vinci, und Giovanni Molinari, Alexander Cozens und Johan Anton de Peters folgen ihm jeder auf seine Weise. Die kleine, kuriose Schau holt den Klecks aus der Schmutzecke und skizziert seine Karriere nach. Das zwanzigste Jahrhundert erreicht sie nur knapp, der Naturwissenschaftler Erich Haeckel ist mit der aquarellierten Zeichnung „Wolken in der Malacca-Straße, 11.3.1901“ ihr jüngster Gewährsmann. Wie es weitergeht mit dem Klecks, wie er der Moderne den Weg bereiten hilft und wozu er es danach noch bringt, steht auf anderen Blättern. So zeigt die Ausstellung nicht nur schwarze, sondern lässt auch weiße Flecken.

Die Klecksographie. Bis zum 13. Oktober im Wallraf-Richartz-Museum, Köln. Das Katalogheft kostet zehn Euro.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kunst in der digitalen Welt Wenn die Fliege durchs Museum schwirrt

Zwei Ausstellungen in Hannover und Kassel führen durch die Kunst der digitalen Welt: Die beste Antwort auf die Frage, was heute ein Bild ist, liefert der französische Starkünstler Pierre Huyghe. Mehr Von Kolja Reichert

04.02.2016, 16:53 Uhr | Feuilleton
Touristenandrang Asiens sauberstes Dorf" liegt in Indien

Das Dorf Mawlynnong im Nordosten Indiens hat einen Ruf zu verteidigen. Und zwar den als sauberstes Dorf" Asiens. Seit ein Reisejournalist vor gut zehn Jahren Mawlynnong so bezeichnete, strömen Touristen in den entlegenen Flecken. Bis zu 250 Besucher zählt das selbst nur 500 Menschen zählende Dorf jetzt pro Tag. Lärm und Gedränge sind die Folgen. Mehr

01.02.2016, 13:56 Uhr | Reise
Museum Angewandte Kunst Wo einst der Urzeitbüffel rastete

Stets dieselbe Ecke: Richard McGuire hat mit Here einen Comic der philosophischen Art geschaffen - und das Frankfurter Museum Angewandte Kunst zimmerte für die Schau ZeitRaum nach den Bildern begehbare Räume. Mehr Von Michael Hierholzer

29.01.2016, 16:04 Uhr | Rhein-Main
Privataudienz Leonardo DiCaprio zu Besuch beim Papst

Papst Franziskus hat den Schauspieler Leonardo DiCaprio zu einer Privataudienz empfangen. Bei dem Treffen sprachen sie nach Angaben des Vatikans vor allem über den Klimawandel. Mehr

28.01.2016, 18:18 Uhr | Gesellschaft
Blick auf das Kleinste Der Mikronaut

Wir erforschen den Weltraum, aber was im Mikrokosmos passiert, ist uns fremd. Ein Schweizer Biologe zeigt uns seine geheimnisvolle kleine Welt. Mehr Von Elena Witzeck

09.02.2016, 10:23 Uhr | Technik-Motor
Glosse

Bücher über Bord

Von Andreas Platthaus

Müssen Schriftsteller Bücher lieben, wenn sie Ballast darstellen? Iwan Bunin erleichterte sich unterwegs und warf Gelesenes gnadenlos über Bord. Heute ist das nicht mehr so einfach. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“