Was aus der DDR werden würde, hat Klaus Staeck schon 1981 vorausgesehen. In seiner Geburtsstadt Bitterfeld, aus der er direkt nach dem Abitur in den Westen geflohen ist, fotografiert er in jenem Jahr einen Trabant und einen Wartburg, die sich auf einem Trümmergrundstück zwischen Brandmauern ein totes Rennen liefern. Am Horizont versperren Abraumhalden hinter kahlen Bäumen den Blick. Der eine Wagen besitzt noch ein verbeultes Nummernschild, der andere hat es verloren, aber in Fahrt kommt hier nichts mehr. Zehn Jahre später entdeckt Staeck ein paar Straßen weiter zwischen Mülltonnen ein stark verwittertes rotes Schild. In weißer Schrift steht darauf „Vaterland“. Auch so kann man deutsche Geschichte erzählen.
Staecks Fotos sind die Entdeckung der umfangreichen Werkschau des Grafikers und Plakatkünstlers, die jetzt in der Berlinischen Galerie gezeigt wird. Sie verströmen eine Melancholie, die man bei dem politischen Kämpfer und streitbaren Akademiepräsidenten Staeck nicht vermutet hätte. Wo immer er auf seinen vielen Bahnreisen durch Deutschland mit seiner Kamera hinkommt, hält Staeck Augenblicke der Einsamkeit und Verlorenheit fest, sei es bei den traurigen Löwen im Heidelberger Zoo oder vor einer nächtlichen Sparkasse im Rheinort Emmerich. In der Stuttgarter Königstraße fotografiert er im Dezember 2008 einen Obdachlosen, der sich auf einem Einkaufswagen eine Art Schlafstätte eingerichtet hat. Über ihm lädt ein Schaufenster zum Schlussverkauf ein: „Alles muss weg!“ Es ist dieselbe brachiale Verbindung von Text und Bild, die man von Staecks Plakaten kennt; aber im Angesicht der Wirklichkeit, vor dem sujet trouvé, bricht der polemische Gestus weg, die Anklage wird zur Klage.
Bildsprache der Agitation
In seinen Anfängen in den frühen sechziger Jahren hat Staeck noch einen ganz anderen Weltbezug gesucht. Mit abstrakten Holzschnitten, von denen einige auch in Berlin zu sehen sind, reiht er sich in die westdeutsche Nachkriegs-Avantgarde ein, deren Galionsfiguren er in seiner „Edition Tangente“ verlegt – Beuys, Vostell, Spoerri, Roth, Paik. Erst die Achtundsechziger-Bewegung, die der Sozialdemokrat Staeck mit ebenso viel Irritation wie Sympathie betrachtet, weckt sein Talent zur politischen Grafik. Nach dem Vorbild John Heartfields, dessen klassische Fotomontagen die Berlinische Galerie in einer Parallelausstellung zeigt, entwickelt Staeck eine Bildsprache der Agitation, die ihn im Handumdrehen bekannt und berüchtigt macht.
Die Titel von Staecks Plakaten sind politische Ohrwürmer der siebziger Jahre: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“, „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“, „Jeder zweite Abgeordnete ist eine Frau“ – oder, unter dem Porträt eines damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten: „Seit 33 pausenlos in Sorge um Deine innere Sicherheit“. Karl Carstens, der spätere Bundespräsident, reitet bei Staeck auf einer Kuh „für Deutschland“, weil er sich mit Heinrich Böll angelegt hat, und Franz Josef Strauß liest eine satirisch angeschärfte „Bild“-Zeitung unter dem F.A.Z.-Slogan „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Wenn man manche dieser Bilder heute betrachtet, wünscht man sich beinahe die Parteienkämpfe der alten Bundesrepublik zurück, nicht aus Streitlust, sondern zur Klärung der politisch-ästhetischen Lage. Auch Staeck hat offenbar in letzter Zeit ein wenig den Überblick verloren, weshalb er sich auf allgemeine Kapitalismuskritik beschränkt: „Die Bank gewinnt immer“ verkündet eines seiner jüngsten Plakate über dem Foto eines Rouletterads. Ein anderes Plakat verzeichnet Gewinner (Bankhäuser) und Verlierer (das Volk) der Finanzkrise rings um eine abstürzende Aktienkurskurve.
Am Haken der Zeitgeschichte
Der politische Künstler, heiße er Heartfield oder Staeck, hängt immer am Haken der Zeitgeschichte, sie ist seine Muse und seine Nemesis. Viele von Staecks Plakaten haben heute nur noch historischen Wert. Andere, gar nicht wenige, wirken völlig unverbraucht – etwa das „Große Rasenstück“ Dürers, in das Staeck 1987 eine umgekippte Dose Unkrautvernichtungsmittel einmontiert hat. Die Zerstörung der natürlichen Umwelt ist, neben der Freiheit der Kunst, Staecks ältestes Thema; man kann geradezu behaupten, dass er es für die politische Ikonographie der Bundesrepublik entdeckt hat.
Zugleich gewährt der Polemiker Staeck hier einen Blick in sein ästhetisches Geheimfach. Denn die visuellen Formeln für das, was von den Giften und Gasen eines maßlosen Fortschritts bedroht ist, findet Staeck fast jedes Mal in der klassischen Malerei, bei Dürer, Leonardo, Caspar David Friedrich oder Spitzweg; auch die Globalisierungsopfer, die er in einer Collage von 2004 auf den Weg zum Mars schickt, stammen von Hieronymus Bosch. Der Sarkasmus des politischen Künstlers Staeck ist immer auch eine Verteidigung der Idylle, in jeder seiner Bitterkeiten schwimmt ein Tropfen Sentiment. Nicht zufällig pendelt Staeck seit seiner Wahl zum Akademiepräsidenten regelmäßig zwischen Berlin und Heidelberg.
Ein Gesamtwerk alten Stils ist die Auswahl von Plakaten, Objekten, Holzschnitten und Fotografien, die in Berlin gezeigt wird, sicher nicht, aber doch eine künstlerische Lebensleistung eigener Art. Nicht nur seine Gegner, mit denen der praktizierende Rechtsanwalt Staeck zahlreiche Prozesse ausfocht, auch seine Einfälle haben Klaus Staeck groß gemacht. Auf einem Plakat von 1981 setzt er die Mona Lisa in einen Rollstuhl. Überschrift: „Niemand ist vollkommen“. Das zieht immer noch.