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Diskriminierung in Museen : „Ich mache bei dem Spektakel nicht mit“

  • -Aktualisiert am

Kerry James Marshall im Oktober 2016, vor dem Gemälde „Untitled (Blot)“ während seiner „Mastry“-Ausstellung im Met Breuer in New York. Bild: dpa

Ein Lynch-Mord, der keine Ruhe lässt: Der tote Emmett Till wurde fotografiert und von Bob Dylan besungen. Inzwischen gibt es ihn auf einem Gemälde. Darf Kunst menschliches Leiden ausnutzen? Ein Interview mit dem Maler Kerry James Marshall.

          Herr Marshall, lassen Sie uns mit einer großen Frage beginnen: Was kann die Malerei, was andere Bilder nicht können?

          Gemälde sind ziemlich selbständig. Du brauchst keine technischen Geräte, um sie anzusehen. Sie stürzen nicht ab. Und im Gegensatz zur Fotografie signalisieren sie immer, dass sie von jemandem gemacht worden sind. Ihr Gemachtsein verweist auf ein Bewusstsein, auf Gedanken.

          Im Jahr 1980, nach Abschluss Ihres Studiums am Otis College of Art and Design in Los Angeles, malten Sie „A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self“. In Eitempera, einer ziemlich seltenen Technik.

          Die Technik war wichtig für mich, weil sie auf das dreizehnte Jahrhundert zurückgeht. Ich habe Cennino Cenninis „Handbuch der Malerei“ dafür benutzt.

          Ihnen ist die Tradition der Malerei wichtig, und Sie betonen oft, dass Sie viel von den Alten Meistern gelernt haben. Was kann man von den Alten Meistern lernen?

          Wie Bilder gemacht sind. Wie Wahrnehmung funktioniert.

          Das klingt einfacher, als es ist.

          Du musst ihre Architektur analysieren. In der Renaissance wurden Mathematik und Wissenschaft zu Instrumenten, um zu verstehen, wie man ein Bild strukturiert. Diese Künstler haben verstanden, wie man die Illusion von Wirklichkeit erzeugt.

          Mit den Alten Meistern wird häufig die Vorstellung verbunden, dass Kunst von Genies geschaffen wird, von Ausnahmetalenten also. Kann Kunst gelernt werden?

          Ich glaube überhaupt nicht, dass die Alten Meister dafür stehen, Kunst könne nicht gelehrt werden. Das Ateliersystem beruht auf der Idee, dass man Fähigkeiten erwirbt, indem man für jemanden arbeitet und dabei lernt. Bilder zu machen ist gar nicht so besonders. Und das Individuum, das sie macht, ist auch nicht so besonders. Jeder, der diese Fähigkeiten erlernen möchte, kann es.

          Sie sagten, dass Gemälde Fähigkeiten haben, die anderen Bildern fehlen. Was tun Gemälde im Museum, was andere Bilder nicht können? Was sollten sie tun?

          Sie sollten dort sein, als Beispiel, Seite an Seite mit anderen Beispielen, die dort sind. Um Menschen zu ermöglichen auszuwählen, was für Bilder sie sehen wollen. Das Museum ist eine Enzyklopädie der Möglichkeiten. Je mehr Vielfalt es dort gibt, desto mehr Möglichkeiten hat der Betrachter.

          Bilder haben also die Kraft, Wirklichkeiten zu schaffen?

          Dieses Vermögen haben sie deshalb, weil sie gemacht sind. Sie sind eine Idee oder eine Vorstellung von jemandem. Und damit verbinden wir uns. Mit der Fähigkeit, uns die Realität auszumalen, in der wir leben wollen.

          Sie kommen aus Birmingham, Alabama. Dort gibt es das Birmingham Museum of Art, das 1951 gegründet wurde, vier Jahre bevor Sie geboren wurden.

          Ich bin dort nicht hingegangen, bis ich erwachsen war.

          Warum nicht?

          Weil ich nicht wusste, dass es existiert. Ich war ein Kind. Meine Familie interessierte sich nicht für Kunstmuseen.

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          Sie haben einmal gesagt, dass die meisten Kunstmuseen von Weißen für Weiße geschaffen worden sind. Wann ist Ihnen diese Beschränktheit bewusst geworden?

          Als ich das erste Mal ins Museum ging, wohnten wir bereits in Kalifornien. Es war ein Schulausflug. Und du siehst es sofort, wenn du hineinkommst. Nur scheint es dir zuerst keine Beschränkung zu sein. Du nimmst es hin: Das ist der Ort, so ist der Ort, und das sind die Bilder, die hier sein sollen. Du stellst keine Fragen.

          Wann haben Sie Fragen gestellt?

          Die Fragen kommen, wenn du mitmachen möchtest. Du stellst fest, dass es hier nichts gibt, was du gemacht hast. Und niemand auf den Bildern aussieht, wie du es tust. Also: Warum ist das so?

          Wollten Sie deshalb Künstler werden?

          Nein. Ich wurde Künstler, weil es mir gefiel, Bilder anzusehen, und ich selbst welche machen wollte. Aber dann musst du dich entscheiden, was du genau als Künstler machen möchtest. Die Frage, die ich meinen Studenten stelle, lautet: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Und wer sagt, dass sie so sein sollte?

          Die Welt in Ihren Bildern ist häufig überraschend anders, als wir sie kennen. In der Serie „Untitled“ von 2009 haben Sie Maler gemalt, so als ob es Selbstporträts dieser Künstler wären. Diese Maler posieren mit Pinsel und Palette vor Staffeleien. Sie sind alle schwarz und viele davon Frauen. Warum war es wichtig, Malerinnen zu zeigen?

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