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Keltenmuseum Das Haus einer Ahnung von den Ahnen

11.06.2011 ·  Das Keltenmuseum am hessischen Glauberg ist neu und bietet architektonisch ein Wechselbad. Der Glanz seiner Schätze aber zeugt überwältigend von der Zivilisationskraft eines frühen Volkes.

Von Dieter Bartetzko
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Viele Generationen vor uns haben das bestens gekonnt: Treppen, beschwingt, beeindruckend, bequem, machten aus dem kleinsten öffentlichen Gebäude ein Fest. Auch die sonst oft so nüchterne klassische Moderne verstand sich, wie in Mies van der Rohes Weltausstellungs-Pavillon von 1929 oder Hans Döllgasts Himmelstiege der wiederaufgebauten Münchner Alten Pinakothek, auf die erhebende Wirkung verschwenderischer Treppenanlagen. Nur die Spätmoderne betete den Lift als den wahren Gott des Aufwärts an. Doch seit die Postmoderne das Gefühl in die Architektur zurückbrachte, gehören festliche Treppen wieder zum Muss öffentlicher Bauten.

Folgerichtig empfängt das neue Keltenmuseum am hessischen Glauberg seine Besucher mit einer pathetischen Treppenrampe. Kaum aber hat ihr Anblick, gesteigert von der verschwenderischen Weite des gläsernen Foyers, Hochstimmung erzeugt, folgt mit dem Betreten die Ernüchterung. Die Tritthöhen sind zu niedrig, die Abstände zu weit – man findet keinen Rhythmus, muss immer wieder die Schrittfolge ändern. Hindernislauf. So schmälert das Architektenbüro „kadawittfeld“ den zweiten großen Effekt seines Baus: Den stupenden Wechsel von der blendenden Helle unten in die Dämmerung der schwarzen Schauräume droben genießt nur, wer die Treppe ignoriert.

Keltische Fürsten und monumentale Grabhügel

Sei’s drum. Nach einigen Minuten lässt sich fast jeder ein auf Schatzsucherstimmung und Vorzeitatmosphäre. Vor allem, weil durch die fensterartigen Einschnitte der schwarzen Raumteiler schon ausschnitthaft die Hauptattraktion lockt, die überlebensgroße Sandsteinstatue des „Keltenfürsten“, links und rechts unterstützt vom Schimmern der bronzenen Kannen, goldenen Fibeln und eisernen Schwerter aus den drei Prunkgräbern, die hier 1994 entdeckt wurden, und die Mispel, das geheimnisvolle heilige Wunderkraut der keltischen Magier, ist, zum Ausstellungsdesign mutiert, allgegenwärtig.

Wer hätte das geglaubt – keltische Fürsten, monumentale Grabhügel, zentrale frühgeschichtliche Kultstätten im verschlafenen Vogelsbergidyll. Ehe die Sensationsfunde durch die Presse gingen, waren der Glauberg und seine mächtigen Ringwälle, denen um 1240 die Mauern einer staufischen Reichsfeste folgten, vorwiegend Althistorikern und Heimatforschern als bedeutende Zeugnisse des Keltentums und des Hochmittelalters bekannt. Ihnen – aber auch Rechtsextremen. Das wurde publik, als bei der Eröffnung des Museums im Mai zwei Angestellte eines Sicherheitsdienstes, die beim steinernen Keltenfürsten Wache standen, abgezogen wurden. Sie waren als Neonazis erkannt worden.

Es fehlte nicht an sarkastischen Hinweisen, dass beider Uniform – harmloser Standard des Sicherheitsdienstes, so dessen Geschäftsführerin, die auch im übrigen ihre Ahnungslosigkeit beteuerte – mit braunem Hemd und schwarzer Hose an die Kluft von SA und SS erinnert. Womit wiederum die Brücke geschlagen war zur verpönten Phase in der Geschichte des Glaubergs: Die umfangreichsten Grabungen vor 1994 haben dort, gefördert vom „Gauleiter Hessen Nassau“ Jakob Sprenger, betrieben vom „Reichsarbeitsdienst“, zwischen 1933 und 1939 stattgefunden.

Man wolle, erklärte Sprenger damals, „dem Volk vor Augen führen, dass und wie sehr wir bodenständig sind“. Um den Blut- und-Boden-Phrasen ein festes Fundament zu verschaffen, erkundete man, gestützt auf einige Forschungen des neunzehnten Jahrhunderts, die frühkeltischen, einst fünf Meter hohen und zwanzig Meter breiten Erd-Stein-Wälle, ergrub auf dem Gipfelplateau staufische Mauerreste samt einer Straßenzeile hochmittelalterlicher, in Fachwerk über soliden Kellergewölben errichteter Kaufmannshäuser, sammelte kiloweise steinzeitliche, keltische und mittelalterliche Scherben. Das Grabungshaus wurde, zynischer Zufall der Geschichte, mit fast allen Funden und Aufzeichnungen bei einem Bombenangriff 1945 vernichtet.

All dies behandelt eine Abteilung im neuen Keltenmuseum. Fotos, Zitate und Kommentare nüchtern den Nazirausch aus. Doch es ist ein Wort George Orwells, das den so banalen wie ungeheuren Trick entlarvt, mit dem das NS-Regime eine zivilisierte Gesellschaft zurück in die Barbarei lockte: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft“ steht in Riesenlettern über der Dokumentation.

Ungelenke Künstler waren die Kelten offenkundig nicht

Die Besonnenheit, mit der hier die Rattenfängereien des „Dritten Reichs“ bloßgestellt werden, der Mut, mit dem die Dauerausstellung immer wieder zugibt, dass wir trotz intensiver Forschung noch immer verschwindend wenig über die Kelten wissen, dazu die Freude und der Stolz, mit denen den Grabfunden auch Magie zugestanden wird, dürften verhindern, dass der Glauberg, wie der Marburger Politikwissenschaftler Reiner Becker fürchtet, zum „Magnet für Neonazis“ wird. Ganz von der Hand zu weisen sind diese Bedenken allerdings nicht. Von Zeit zu Zeit verabreden Neonazis Treffen auf dem Glauberg. Doch für die allgemeine Haltung dürfte jener achselzuckende Kommentar einer jungen Besucherin zutreffen, der auf einer Schriftwand im Museum zitiert ist: „Das Keltenkreuz ist verboten, weil die Nazis es benutzten – aber da können die Kelten auch nichts dafür.“

Nicht als Blutsverwandter, sondern als Fremdling einer versunkenen Epoche steht denn auch der steinerne Keltenfürst frei im Tageslicht, das durch die riesige Glaswand der Museumsfassade fällt. Nichts da von völkischem Trivialmythos, Fackelschein und braunem Rassegewaber. Im Gegenteil: Wer mag, kann die Micky-Maus-Witze wiederholen, die nach seiner sensationellen Entdeckung im Juni 1996 kursierten, ausgelöst vom stilisierten Laubkranz um den Kopf der Figur, der für heutige Augen grotesken Ohren gleicht. 1,86 Meter groß, 230 Kilo schwer, aus hell flirrendem, regionalem Sandstein gemeißelt, um 500 vor Christus entstanden, brütet dieser bärtige Hüne blicklos vor sich hin.

Seine muskulösen, in sonderbarem Missverhältnis zum Rumpf stehenden Beine, (die Füße fehlen), ebenso der gemusterte Harnisch und der spitz-ovale Schild, den er vor Brust und Bauch hält, verweisen auf die zeitgleichen Kuroi, die griechischen Jünglingsstatuen, und etruskische Kriegerfiguren. Tumbe Barbaren oder ungelenke Künstler waren die Kelten offenkundig nicht, sondern international informiert, mit dem Hang, fremde Formen ihrer Weltsicht anzupassen.

Mündliche Überlieferung der eigenen Geschichte

Gefunden wurde der Keltenfürst in einem Graben, der einen monumentalen künstlichen Grabhügel umrundete. In seiner Nähe entdeckte man die Fragmente von drei weiteren, ähnlich großen Steinfiguren. Götter? Ahnen? Porträts der Fürsten, die hier bestattet worden waren? Es fällt auf, dass Rüstung, Waffen und Schmuck der Statue fast identisch mit denen sind, die man bei den Skeletten (bisher drei, davon eines in einem zweiten kleineren Grabhügel) in den Fürstengräbern am Glauberg fand.

In Vitrinen, die im Museum aus dem (Grabes-)Dunkel einzelner Lehr-Kojen leuchten, sind diese Stücke samt anderen Beigaben zu sehen: Fibeln, auf denen Menschen, Dämonen und Fabeltiere kauern, fein verzierte, elegant geschwungene Kannen, Ohr-, Arm- und Fingerringe aus Gold, ornamentierte Eschenholzstäbe unbekannter Bestimmung, Reste von Leder und Leinen. Etruskische und griechische Vorbilder sind auch hier unverkennbar, sogar Einflüsse des Alten Orient. Staunend liest man, dass eine besonders aufwendig gearbeitete Fibel mit blutroten Korallen besetzt war; zweieinhalb Jahrtausende Verwitterung haben nur eine farblose knochenartige Masse zurückgelassen. Doch wie weltläufig müssen diese Fürsten gewesen sein, was ging ihren Untertanen durch den Sinn, wenn sie ihre Oberen so geschmückt sahen?

Anhaltspunkte – keltischer Aberglaube erlaubte nur die mündliche Überlieferung der eigenen Geschichte und Mythen – liefern einzig die Berichte griechischer und römischer Geschichtsschreiber. Als ehemals von Keltenheeren Bedrohte schilderten sie blutrünstige Barbaren mit primitiven Bräuchen, kaum mehr als Kopfjäger. Doch was in ihren Sätzen über gelehrte Druiden und umsichtige Fürsten als widerwillige Anerkennung durchschlägt, bestätigen immer häufiger Funde wie die am Glauberg: Die Kelten waren, eigenwillig, aber doch, gelehrige Akteure im frühen europäischen Zivilisationsprozess.

Atemraubende Weiten

In der Museumshalle des Keltenfürsten schaut man nach draußen auf den rekonstruierten Grabhügel samt den ihn umkreisenden Graben sowie eine eingetiefte axiale Prozessionsstraße, die im weiten, zu fernen Hügelketten sich neigenden Grasland abrupt abbricht. Vor dem Grabhügel ragen mächtige Holzpfosten auf, nach Originalbefund gebeilt. Archaisch wirkt das alles, vorzeitlich und ohne einen Gedanken an die heitere Gelassenheit griechischer oder römischer Tempelhaine. Zur numinosen Aura des Orts passt, dass man in einem der Rundgräben die Gebeine einer älteren Frau und eines Säuglings fand. Wurden sie bestattet? Geopfert? Von Plünderern hinabgestoßen, so wie der steinerne Fürst, der ebenfalls hier lag? Wer zerschlug seine Nachbarskulpturen? Warum wurden diese Stätte und das Plateau des Glaubergs um 400 vor Christus verlassen? Die Archäologen hoffen auf Antworten durch weitere Grabungen.

Den Besucher treibt es irgendwann auf den Berg. Hinter den überwucherten Wällen öffnet sich eine abgeschiedene Welt, still, trotz der vielen Neugierigen, die umherstreifen. Nichts deutet auf die keltische Großsiedlung mit Fürstensitz hin, die hier vermutet wird. Ein Tümpel blieb von jenem ausgedehnten Weiher, den die ersten Siedler der Jungsteinzeit hier vorfanden. Die Kelten, so stellten Ausgräber fest, ummauerten ihn hangabwärts bis zum Quellhorizont und gewannen ein gigantisches Wasserreservoir von 150 Metern Länge und 60 Metern Breite. Auch die mittelalterlichen Überreste sind spärlich; Fundamente eines Gehöfts, eines Wachhauses, eine Kemenate, Kaufmannskeller, alles winzig und isoliert.

Wo am Saum der Kuppe sich der Baumbewuchs lichtet, schaut man in atemraubende Weiten. Dann wird deutlich, dass der Berg das Umland um 150 Meter überragt. Unwillkürlich sucht man Verbindungslinien zwischen ihm und dem Grabhügel unten. Dabei fällt immer wieder der Blick auf das neue Museum. Von oben zeigt es mit dem Flachdach seine ärgste Schwäche – blanken Funktionalismus. Wirr wuseln Versorgungsleitungen, durchstoßen Oberlichter die versiegelten Flächen, klafft eine Ausstiegsluke und trippelt ein Gittergang zu einer Aussichtsterrasse; schäbiger Kontrapunkt zur glanzvoll schnittigen Schaufront, die sich dem Ankömmling entgegenreckt.

Ein metropolitaner Fremdling

Doch das ist eher Folge einer Berufskrankheit als persönliches Versagen des Architektenteams. Denn kaum ein Architekt gestaltet, was an seinen Bauten nicht unmittelbar dem öffentlichen Blick ausgesetzt ist. Ansonsten aber haben „kadawittfeld“ sich bemerkenswert einfühlsam mit der speziellen Bauaufgabe auseinandergesetzt: Wie eine schräg im Hang steckende Schatulle oder ein eckiger Feldstecher ist das Museum geformt, in reizvollem Kontrast zwischen verglastem Sockel und kompaktem, überkragendem Oberbau, der eine verglaste Stirnseite bietet.

Architektonisches Lokalkolorit ist zugunsten einer maßvollen Variante der zweiten Moderne vermieden. Vorläufig noch ein metropolitaner Fremdling und lautstarker Kronzeuge der stetigen Verstädterung Europas, eine Art Filiation des architekturseligen Frankfurter Museumsufers also, beschwört das Gebäude doch auch den genius loci: Der Oberbau ist mit Corten-Stahl verkleidet und zitiert mit seinem rotbraunen Edelrost die Epoche keltischer Hochblüte, die frühe Eisenzeit. Fraglich ist, ob der edle Eindruck andauert oder irgendwann in Verrottung übergeht.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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