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Kolumne „Bild der Woche“ : Unterwegs mit den Rolling Stones

  • -Aktualisiert am

Josef Koudelka. „Ireland“. Croagh Patrick Pilgrimage. 1972 Bild: ©Josef Koudelka / Magnum Photos

Ein Bild aus Josef Koudelkas „Exiles“-Serie: Sind die drei zu sehenden Männer Hirten, Lehrer, drei irre Iren? Und warum sind sie auf Knien? Über das Wandern als fotografische - und menschliche - Disziplin.

          Der erste Blick ist irritierend und fesselnd. Drei Männer auf ihren Knien. Verstörte Gesichter. Adrette schwarze Kleidung. Im Hintergrund eine kleine Gruppe am Ufer eines Sees. Eine surreale Landschaft: vorne steinig scharf, hinten luftig ephemer. Was sehen wir hier? Warum diese Pose? Sind diese Männer verkrüppelt? Ist das ein Ritual?

          Das Foto ist von dem tschechischen Fotografen Josef Koudelka. Viele, die seinen Namen niemals gehört haben, kennen seine ikonischen Fotos von der Niederschlagung des Prager Frühlings. 1970 wandert er nach London aus, wird von Magnum als Agentur-Mitglied aufgenommen, bleibt aber in seinem Stil Einzelgänger, ein Nomade. In seinen tschechoslowakischen Jahren ist er leidenschaftlich den umherziehenden Roma gefolgt und hat sie fotografiert („Gitanes“, 1975). Nun, in der Emigration, wird dieses Thema zum Modus Vivendi: Er lebt ohne Wohnung, reist kreuz und quer durch Europa, schläft unter freiem Himmel, isst, was es zu essen gibt, und macht Tausende, Zehntausende Bilder, meistens von Menschen, die genauso wenig zum Leben haben wie er selbst.

          Er hat aber eine Kamera und macht aus seinem Exil „Exiles“, eine kaum endende Serie. Seine Auswanderung wird zu einer zwanzigjährigen Wanderung: Rastlos folgt er den großen Menschenversammlungen wie Pferdemärkten, Gipsy-Festivals und Pilgerfahrten. Grenada, Almería, Ennordres, Den Haag, Killorglin, London, Sevilla – die Liste seiner Reisen ist erstaunlich. Er sucht kein Heim, er wandert mit Wandernden, pilgert den Pilgernden nach, folgt seiner Passion, der Fotografie. Dabei sehen wir in seinen „Exiles“ keine Menschenmengen, sondern eher kleine Gruppen oder Einzelne, denn „das Wichtigste ist, was im Hintergrund geschieht“, wie Koudelka sagt. Sind wir hier am Rande eines größeren Geschehens? Bemerkenswert ist, dass die „Exiles“-Bilder der derzeit bei C/O Berlin zu sehenden Ausstellung „Invasion / Exiles / Wall“ nicht mit genauen Namensorten unterschrieben sind. Die Titel lauten einfach nur „Spain“ oder „England“ unter Angabe des Jahres, wie auch hier: „Ireland, 1972“, als hätte uns der Fotograf einfache, narrative Erklärungen vorenthalten wollen. Verweilt man länger bei der Betrachtung, wenn man nichts Genaues weiß? Sollen das Bild und die Menschen „un-heimlich“, un-verortet bleiben?

          Sie scheinen in der Luft zu schweben

          Sind die drei Männer Hirten? Lehrer? Drei irre Iren? Sind die beiden äußeren Brüder? Ist es Leid, was ich hier sehe? Und was ist bloß mit dem linken Bein des ersten? Bei dem einen ist der Mund leicht verzerrt, die Nase ist gebrochen, sein Profil zeigt Spuren eines Dramas. Der in der Mitte ist ein leiser Typ, in sich versunken, kontemplativ. Der Dritte ist ein Träumer, er schaut blind an der Kamera vorbei, in die Ferne, von einer Vision erfasst. Die Knienden stützen sich auf ihre Wanderstöcke, wie sich auch die Komposition des Fotos auf Wanderstöcke stützt.

          In der Serie „Exiles“ findet man viele Bilder, die den Maßstab von Menschen, wie bei unseren Knienden, in Frage stellen und formalistisch menschliche Proportionen vermessen: eine alte zwergwüchsige Frau putzt die Türklinke, die auf ihrer Augenhöhe ist, ein Mann hat keinen Kopf, sondern einen Regenschirm und Blumen, von einer Dame ist nur der Torso zu sehen, ein Ellbogen und ein Knie ragen aus dem Türrahmen heraus. Das Ambiente „zerschneidet“ Menschen optisch und häufig auf humorvolle Weise. Die Menschen treten in komplexe Beziehungen mit einem Haus, einer Straße, ihrem eigenen Schatten, sie sind selten in voller Größe zu sehen, als würden sie nicht so ganz zum Maßstab des Ortes oder der Landschaft passen. Häufig ist ein Teil von ihnen nicht zu sehen, ist irgendwie versetzt, „displaced“, so wie Josef Koudelka selbst, denn für ihn ist das Wandern das „Maß aller Dinge“.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Erst durch eine Recherche erfährt man, dass die drei Männer Teilnehmer der Pilgerwanderung auf den heiligsten Berg Irlands, den Croagh Patrick, sein müssen. Bis zu 30 000 Katholiken pilgern jedes Jahr am letzten Julisonntag hierher, um Saint Patrick, der hier im Jahre 441 vierzig Tage und Nächte gefastet haben soll, zu ehren. Man sagt, man könne von hier aus 365 Inseln sehen, eine für jeden Tag. Ein christlicher Ort, an dem man dreitausend Jahre keltischer Tradition verspürt. Die Männer scheinen in der Luft zu schweben. Sie sind an einer „Station“ angekommen, sie tun Buße, beten, führen ein sehr komplexes Ritual aus, auf ihren Knien, wie Jahrhunderte zuvor. Koudelka, Luftfahrtingenieur von Beruf, sieht die büßenden Männer als Teil der Landschaft und der Zeit, auf ihren Köpfen durch einen Sonnenstreifen gesegnet. Oder ist das schon der Glanz des Atlantiks?

          Quelle: F.A.S.

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