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Spanischer Kunststreit : Notfalls mit Polizeigewalt

Stammt aus dem Kloster Santa Maria de Sigena in Aragonien und wird im Diözesan- und Regionalmuseum im katalonischen Lleida ausgestellt: Priorinnenstuhl der Blanche d’Aragon et d’Anjou aus dem frühen 14. Jahrhundert. Bild: Picture-Alliance

Vierundvierzig Kunstwerke soll ein katalanisches Diözesanmuseum einem aragonischen Kloster zurückgeben. Für die Separatistien ein Zeichen dafür, wie schutzlos ihre Region den spanischen Ministern ausgeliefert ist.

          Im katalanischen Alltag ist die neue Wirklichkeit bisher fast nicht zu spüren. Die Intervention aus Madrid schien sich nach der Absetzung der Regionalregierung in Barcelona zunächst auf einen mikroinvasiven Eingriff zu beschränken. Doch spätestens am kommenden Montag könnte das Diözesanmuseum der katalanischen Stadt Lleida schmerzhaft die Folgen des Artikels 155 der spanischen Verfassung zu spüren bekommen: Der Provinzgerichtshof von Aragonien hat angeordnet, dort 44 Kunstwerke abzuholen – notfalls mit Polizeigewalt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit Jahren dauert der Rechtsstreit zwischen den Regionalregierungen von Katalonien und Aragonien über den Schatz aus dem einstigen königlichen Kloster von Sigena an. Jetzt könnte er das Museum in Lleida einige seiner Paradestücke kosten: An prominenter Stelle sind dort drei reich verzierte hölzerne Sarkophage aus dem fünfzehnten Jahrhundert ausgestellt. Auch Fragmente eines Alabaster-Altars aus Sigena sind zu sehen. Weitere Gemälde aus dem Kloster liegen im Magazin. Auch das Nationale Kunstmuseum in Barcelona soll laut einem zweiten Urteil Fresken an das Kloster zurückgeben.

          Die letzten Mönche hatten 1936 bei ihrem Umzug in die Nähe von Barcelona ursprünglich knapp hundert Kunstwerke für rund 300.000 Euro an die katalanische Regionalregierung verkauft. Nach Ansicht der Richter waren diese Transaktionen jedoch nicht rechtsgültig, denn seit 1923 ist das romanische Kloster nationales Kulturerbe. Der Klosterschatz bilde ein „unteilbares Ganzes“ und dürfe nicht auseinandergerissen werden, urteilten die Richter in Huesca. Eigentümerinnen seien die Nonnen, die sich mittlerweile in der Ruine des während des Spanischen Bürgerkriegs schwer zerstörten Konvents angesiedelt haben.

          Ausgerechnet der alte Kunststreit

          In Villanueva de Sigena reagierte die Bürgerinitiative „Sijena Sí“ (so die lokale Schreibweise des Ortsnamens) mit „unermesslicher Freude“ auf die Nachricht von der bevorstehenden Rückkehr ihres Klosterschatzes. Zur Zuversicht trug in Madrid der spanische Kulturminister Íñigo Méndez de Vigo bei: „Ich gehorche dem Richter. Dazu bin ich verpflichtet.“ Mit dieser Ankündigung rief er jedoch in Katalonien große Empörung hervor. Die Ende Oktober entlassene Regionalregierung kämpft seit Jahren mit allen juristischen Mitteln dafür, dass die Werke in Lleida und Barcelona bleiben.

          Aus Brüssel meldete sich der frühere Regionalpräsident Carles Puigdemont zu Wort. Die konservative Regierung in Madrid treibe die „Enteignung von Kulturerbe“ voran, und die Sozialisten seien dabei ihre Komplizen. Die sozialistische Partei unterstützt die Anwendung des Artikels 155, mit dessen Hilfe Puigdemont und seine Regierung abgesetzt wurden.

          Spanische Minister leiten seit fünf Wochen aus der fernen Hauptstadt kommissarisch in Barcelona die Regierungsgeschäfte – bisher sehr zurückhaltend: Nur wenige Beamte wurden entsandt. Im katalanischen Kulturministerium hält die Generalsekretärin den Betrieb aufrecht. Der Kontakt zum Kulturminister Íñigo Méndez de Vigo besteht nach Informationen der Zeitung „La Vanguardia“ weitgehend aus Telefongesprächen und E-Mails. Umso größer war die Überraschung, dass nun ausgerechnet der alte Kunststreit innerhalb weniger Tage im Sinne der Nachbarregion beendet werden soll.

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          Für die den Separatisten nahestehende katalanische Zeitung „El Nacional“ handelt es sich um eine durchsichtige Aktion mit dem Ziel, den spanischen Konservativen und den Sozialisten bei den nächsten Wahlen in Aragonien zu helfen: Das Beispiel zeige, wie schutzlos Katalonien den Interessen der spanischen Minister ausgeliefert sei. „Die Museen gehören uns“, stellte die radikale CUP-Partei angesichts des drohenden Verlusts fest. In Lleida versteht man zwar, wie bedeutsam die Kunstwerke für Aragonien sind; Fachleute warnen jedoch vor irreparablen Schäden, die durch einen Umzug entstehen könnten. Die Museumsleitung will notfalls bis vor den Obersten Gerichtshof ziehen, um eine Herausgabe zu verhindern.

          In der Vergangenheit kämpfte Katalonien selbst erfolgreich um die Rückgabe historischen Erbes: Vor elf Jahren kehrten umfangreiche Archivbestände aus Salamanca nach Barcelona zurück. Unter dem Franco-Regime waren sie aus Katalonien in die weit entfernte Universitätsstadt verschleppt worden. Die Rückkehr des Klosterschatzes nach Aragonien stellten die Separatisten jedoch als eine „Beleidigung der katalanischen Identität“ dar, kritisiert die spanische Zeitung „El País“. Aus nationalistischen Motiven werde Kulturerbe instrumentalisiert, das allen gehöre.

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