20.08.2010 · In der Weimarer Republik zeichnete er gegen den Nationalsozialismus an, im „Dritten Reich“ passte er sich an: Die Berlinische Galerie zeigt Einfallsreichtum und Brillanz des Karikaturisten Karl Arnold.
Von Andreas PlatthausEs ist ein Rätsel, warum Karl Arnold verschont wurde. Am 29. Januar 1933, einen Tag bevor Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, hatte der Zeichner im Münchner Satirejournal „Simplicissimus“ eine Karikatur veröffentlicht, die den NSDAP-Führer als Klinkenputzer zeigte: Devot schüttelt er an der Haustür dem Zentrumspolitiker Franz von Papen die Hand, und rings umher schauen ihm weitere mögliche Koalitionspartner dabei zu, darunter Hugenberg als Chef der DNVP, ein Bolschewik für die KPD, ein Sozialdemokrat und der noch amtierende Reichskanzler Kurt von Schleicher sowieso. „Karte genügt, komme sofort!“ lautet der Text zur Zeichnung - und am Tag darauf war Hitler denn auch schon da.
Arnold hatte es vorausgesehen, seit Jahren bereits. Vorsicht hatte ihn das aber nicht gelehrt. Arnold, der 1883 geborene Fabrikantensohn aus Oberfranken, liebte sein Metier, und die Karikatur verlangt Wahrhaftigkeit. In der Berlinischen Galerie kann man sich jetzt nicht nur davon überzeugen, wie konsequent Arnold in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren diesen Anspruch erfüllte, sondern man sieht auch einen Musterfall von grafischer Eleganz. Geschult an der puren Linienkunst seines „Simplicissimus“-Kollegen Olaf Gulbransson, fertigte Arnold Zeichnungen an, die schierer Federtanz auf dem Papier sind. So böse er inhaltlich sein konnte, so klar war er dabei als Zeichner. Sein Strich spiegelt das Selbstverständnis des satirischen Kommentators.
Die Liebe zum lustig-verrückten Berlin
Achtzig Originalzeichnungen zeigt die Berlinische Galerie, alle aus eigenem Bestand, und wen es wundert, dass dieses auf Berlin spezialisierte Museum so viele Arbeiten eines Münchner Zeichners ausstellt, dem sei gesagt, dass Arnolds einzige Buchpublikation den Titel „Berliner Bilder“ trägt. Der 1924 erschienene großformatige Band mit insgesamt achtundvierzig Zeichnungen stellte die Frucht von jährlichen jeweils mehrwöchigen Arbeitsaufenthalten Arnolds in der Reichshauptstadt dar. „Dort bin ich immer gern“, schrieb er 1923 scheinbar harmlos an den Zeichner Alfred Kubin, „die Stadt ist so lustig verrückt.“ Arnolds Humor im Umgang mit Berlin indes war ein sardonischer, das Metropolenleben, wie er es in den zuvor teilweise auch im „Simplicissimus“ als Serie abgedruckten „Berliner Bildern“ präsentiert, zügellos, zynisch und bigott.
Einundzwanzig Zeichnungen zum Buch sind in Berlin zu sehen, mit nur einer Ausnahme alles 2003 in den Besitz des Museums gekommen, als ihm anonym ein großes Karl-Arnold-Konvolut gestiftet wurde, das in seiner Qualität einzigartig dasteht. Durch ergänzende Schenkungen der Familie von Arnold ist in der Berlinischen Galerie ein homogener Werkkomplex entstanden, der nun erstmals ausgestellt und durch eine geglückte Begleitpublikation erschlossen wird. In einem von zwei Räumen hängen die Arbeiten aus dem Umfeld der „Berliner Bilder“, im zweiten dann die Karikaturen aus den Jahren danach bis Januar 1933.
Auf seltsame Weise unbehelligt
In den Wochen nach der „Machtergreifung“ wurde von Polizei und SA in der deutschen Presselandschaft aufgeräumt: Wer gegen den Nationalsozialismus angeschrieben oder angezeichnet hatte, musste zumindest damit rechnen, seinen Beruf nicht mehr ausüben zu dürfen. Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, hielt noch bis März in der Redaktion durch und floh dann nach Frankreich. Der sozialdemokratische „Vorwärts“ war da schon verboten, und Erich Ohser als dessen prominentester Karikaturist konnte sich auf diesem Feld etliche Jahre in Deutschland nicht mehr betätigen. Thomas Theodor Heine, Arnolds Redaktionskollege beim „Simplicissimus“, stand auf den Verhaftungslisten der Gestapo und entkam nach Prag. Aber Karl Arnold zeichnete weiter, seine „Berliner Bilder“, die an Schärfe den bitterbösen, im NS-Staat natürlich geächteten Blättern von George Grosz (der rechtzeitig in die Vereinigten Staaten emigriert war) nicht nachstanden, blieben noch bis 1938 lieferbar, und der „Simplicissimus“ selbst, zu dessen Eigentümern Arnold gehörte, kam weiterhin jede zweite Woche an den Kiosk.
Nun weiß man, dass die Redaktion des Blattes ihren jahrzehntelangen Mitarbeiter Heine sofort geopfert hatte, um einen Konflikt mit den NS-Behörden zu vermeiden. Zudem hatte der „Simplicissimus“ in den Weimarer Jahren genauso kräftig nach links wie nach rechts ausgeteilt. Aber speziell Arnold hatte dabei vor allem die Nationalsozialisten und speziell Hitler im Visier: 1932 verkündete er „Lasst uns Denkmäler bauen!“ und publizierte dazu die Zeichnung einer Skulpturengruppe mit einer vollständig entschleierten Salome, die gerade den Kopf des enthaupteten Täufers auf dem Tablett gereicht bekommt. Diese Nackte trägt Hitlers Haupt und Johannes die Züge eines Juden. Daneben steht noch ein Obelisk „für den bekannten Soldaten“, den abermals Hitlers Kopf ziert. Oder Arnolds berühmtester Titel für den „Simplicissimus“, gezeichnet gleichfalls 1932 nach der preußischen Landtagswahl mit dem großen Stimmenzuwachs der NSDAP: Es zeigt ein subtiles Tuscheporträt Friedrichs II., das von einem knallig-farbigen Hitler zurückgedrängt wird. Der Text dazu lautet: „In Meinem Staate kann jeder nur nach Meiner Façon selig werden!“ Solcher Frivolitäten pflegte man sich im „Dritten Reich“ zu erinnern. Karl Arnold aber blieb unbehelligt.
Meister aller Stile
Drei Gründe mag es dafür geben. Arnolds „Berliner Bilder“ konnten als Kritik an der „Systemzeit“ der Weimarer Republik ausgegeben werden. So bewarb sie denn auch der Verlag. Zudem enthielt sich Arnold fortan wie die gesamte Redaktion des „Simplicissimus“ aller direkt politischen Satire - 1942 erlitt der noch nicht sechzigjährige Künstler dann einen Schlaganfall und sollte bis zu seinem Tod 1953 nie wieder zeichnen. Und es ist wahrscheinlich, dass Arnolds Tätigkeit im Ersten Weltkrieg als Herausgeber der „Liller Kriegszeitung“, eines illustrierten Blattes für die deutschen Soldaten, dem damaligen Meldegänger Hitler bekannt war. Die „Kriegszeitung“ wurde an der Westfront sehr geschätzt.
Die Ausstellung mit dem so harmlos-populär klingenden Titel „Hoppla, wir leben!“ (nach einer von Arnold geschätzten Operette) lädt nicht nur dazu ein, diesem biographischen Sonderweg nachzugehen, sie führt auch hinter der Fassade der makellosen Zeichnungen einen Virtuosen vor, der mit seinen angeschnittenen Figuren und Objekten den Einfluss des Japonismus bis in die Karikatur trägt, der mit seinen markanten und höchst subtil komponierten Doppelporträts eine Plakativität in die Titelblätter des „Simplicissimus“ bringt, die zum Besten der Grafik jener Jahre zählt, und der sich in den Skizzen zu den später gedruckten Blättern als ein Meister aller Stile erweist. Kurz: Neben den Karikaturisten tritt der Künstler, und diese Betrachtungsweise sollte auch im Falle des Werks etlicher Kollegen Schule machen.
Von Helden und Künstlern…
Harry LeRoy (Cimon)
- 20.08.2010, 16:05 Uhr
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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