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Junge deutsche Fotografie Bitte nehmen Sie nicht Platz

03.01.2007 ·  Wer einen Überblick über die aktuelle deutsche Fotografie gewinnen möchte, ist in der Wanderausstellung „gute aussichten“ richtig. Erfrischend prallen hier die gegensätzlichsten Positionen aufeinander - vom Hyperrealismus bis zur Montage.

Von Catrin Lorch
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Wenn zwei Holzstühle zusammenwachsen, wird nicht unbedingt eine Bank daraus, und der Wäschetrockner, der so viele Arme ausstreckt, dass die Leine ein Spinnwebmuster zeichnet, ist unfaltbar geworden. Wenn Vanessa Jack die Schere ansetzt, bringt sie Möbel und Haushaltshelfer in Form - und zugleich außer Funktion. Stuhllehnen versperren die Sitzfläche; weil ihnen die Perspektive verrutscht ist, kreuzen sich die Trittstufen der Leitern zum unbesteigbaren Gerüst, Schaukelbretter schweben gegeneinander.

Wer die Treppenfluchten eines H. C. Escher kennt, kann sich ungefähr vorstellen, was die Studentin von Thomas Ruff im vergangenen Jahr an der Düsseldorfer Kunstakademie mit Schere und Klebstoff gebastelt hat, nur, dass ihre Collagen die stabilen Verhältnisse des Haushaltes weniger in Traumgebilde als vertrackte Konstrukte verwandeln. Den praktischen Helfern sind stählerne Beinchen gewachsen, und sie haben sich aus Küche und Garage fortgestohlen, um ein freigestelltes Leben auf vornehm chamoisfarbenem Karton zu beginnen.

Die Wirklichkeit montiert

Man kann sich gut vorstellen, dass „Schaukel“, „Regal“ und „Stuhl“ die leeren Flure und Hallen möblieren, die Irina Jansen als digitale Laserbelichtungen immerhin in einer Breite von mehr als einem Meter präsentiert. Nur sparsam getönt, strahlen sie die Reinheit eines Operationssaales aus und die ideale Unbelebtheit des Architekturmodells. Säulen und Pilaster wachsen wie Stalagmiten in der Tropfsteinhöhle, und spätestens die Aufnahme „Säulensaal“ aus dem Jahr 2006, die von einem wandbreiten Panoramaspiegel gebrochen wird, gibt einen Hinweis darauf, dass auch hier die Wirklichkeit eine montierte ist - nur, dass die Nahtstellen der Eingriffe fast unsichtbar sind, denn statt der Schere arbeitet Irina Jansen mit dem Bildprogramm des Computers.

Weil der Kopf des Besuchers gerne Ordnung schafft, positioniert die Vorstellung noch ein paar Körper in diese Kulissen, vielleicht aus den etwas überhell abgezogenen Gruppenfotos von Sonja Irouschek, deren Aufmarsch in vermutlich vorsätzlichem Anachronismus an Familien-Sommerlager an finnischen Waldseen erinnert, wenn sie nicht auf Baryt in dunkle Seide gekleidete Damen in nostalgische Porträts verwandelt.

Erfreulich frisch

Doch die Bilder der Ausstellung „gute aussichten“, die im ersten Halbjahr 2007 durch Deutschland wandern wird, sind durch keinen inneren Zusammenhang verklammert. Auch bei der dritten Ausgabe dieser Fotoschau geht es einzig um einen Überblick aktueller Tendenzen. Mehr als achtundachtzig junge Fotografen waren diesmal von insgesamt achtundzwanzig Institutionen vorgeschlagen worden, neun von ihnen haben die vier Mitlgieder der Jury ausgewählt, zu der Mario Lombardo, Art Director der Spex, der Fotograf Juergen Teller, Ludger Derenthal, Leiter des Museums für Fotografie in Berlin, und Josefine Raab, die Initiatorin des Projekts, gehörten.

„gute aussichten“ ist so vor allem die Gelegenheit, junge Fotografen zu entdecken, bevor die Kuratoren und Agenturen sie für Gruppenschauen und Bildstrecken einspannen; nicht alle werden so bald wieder in Ausstellungen zu sehen sein, viele studieren noch oder haben gerade die Meisterklassen und Workshops verlassen. Zur Ausstellung ist ein handlicher Katalog erschienen.

Erfreulich ist die Frische der Konzepte, die sich im Nebeneinander so unterschiedlicher Positionen zeigt wie den kontrastreichen Schwarzweiß-Stilleben von Roman Schramm, der in Aufsicht Hüte und Tassen zur Serie „Changing Objects“ arrangiert, und der sehr nahsichtigen, zurückhaltenden Farbfotografie einer Regine Petersen, die neben Mädchen auf Sofas auch ein antikes Skelett auf seinem Sockel in den Fokus nimmt. Gerade die vorsätzliche Ruhe vieler Positionen ist sympathisch - Regine Petersen hat immerhin so lange gewartet, bis dem einnickenden Foxterrier die Schnauze aufs Tischtuch gesunken ist.

„Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie 2006/2007“. Im Forum für Fotografie, Köln, bis 14. Januar, im Haus der Photographie, Deichtorhallen, Hamburg (19. Januar bis 18. Februar), in der vhs photogalerie in Stuttgart (15. März bis 29. April), im Berliner Museum für Fotografie (Mai bis Juli) und in den Goethe-Instituten in Nikosia, Zypern (14. bis 28. Februar), London (29. März bis 13. Mai) und Washington, Vereinigte Staaten (März bis Juli).

Website: www.guteaussichten.org

Quelle: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite 38
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