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Jürgen Teller : Übertreibung ist nicht genug

  • -Aktualisiert am

Action Man and Wonder Woman: Für „Plates/Teller, No. 18“ schmust Lili Sumner mit einer Teller-Puppe, aufgenommen in diesem Jahr. Bild: Jürgen Teller

Derbe Fotografie in fränkischen Portionen: Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert mit Jürgen Tellers schamlosen, fragwürdigen, komisch-ironischen Inszenierungen den offenen Kulturbegriff.

          Eine Zeitverschwendung“, liest man im Gästebuch der Bundeskunsthalle in Bonn, „ein Witz ohne Witz ich war versucht gegen einen Tellerstapel zu treten.“ Der Grund für den offensichtlich mühsam zurückgehaltenen Gewaltausbruch: die Ausstellung „Enjoy your life“ von Juergen Teller. Das kann man erklären, muss man vielleicht sogar. Der deutsche Fotograf Juergen Teller, mit ue, weil es Mitte der Achtziger in England kein ü gab, hat stapelweise weiße Teller in allen Größen über zwei Stockwerke im Museum verteilt. Fotos hängen natürlich auch an der Wand, mit dünnen Nägeln befestigt. Und noch mehr Teller, die sind dann mit seinen bekannten Fotos bedruckt.

          Teller wird im Museum ausgestellt, also müssen Teller ins Museum - und an die Wand. Da klingt zwingend. Zumindest für einen Künstler, der, mit Macht ausgestattet, immer zum Clown mutiert, um die Situation zu entschärfen und ihr den Ernst zu nehmen. Und solch eine Einzelausstellung in einem Museum ist eine ziemlich ernste Angelegenheit. Zumal in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Die es als ihre Aufgabe ansieht, wie auf der Homepage nachzulesen ist, „national wie international ein Schaufenster für jenen offenen Kulturbegriff zu sein, der für die Identität der Bundesrepublik Deutschland von zentraler Bedeutung ist“.

          Juergen Teller soll mit seiner Kunst Identität für Deutschland stiften. Also zieht er mit einem Esel los in den Kanzlerbungalow, der den deutschen Bundeskanzlern von 1964 bis 1999 als Wohn- und Empfangsgebäude diente. Assistenten hatte er auch dabei, denn irgendwer musste ihn ja, nackt auf dem Esel sitzend, fotografieren. Jesus ist auch einmal auf einem Esel irgendwo eingezogen. War aber vermutlich nicht nackt. Doch gibt es einen Grund zu vermuten, dass Teller daran gar nicht denkt. Dazu später.

          „Mit dem Teller nach Bonn“

          Was soll man von einem Modefotografen erwarten, der es für eine gute Idee hält, Victoria Beckham in eine überdimensionale Marc-Jacobs-Einkaufstüte zu stecken und nur ihre Beine herausragen zu lassen, ganz so, als säße sie auf einem Gynäkologenstuhl? Dass er seine Bilder ordentlich gerahmt nebeneinander an die weißen Wände im Museum hängt? Das wäre dann vielleicht doch etwas zu ernst, für einen Fotografen, für den eine nackte Vivienne Westwood die Beine spreizt. Der selbst nackt auf dem Grab seines Vaters steht, nur mit Bierflasche und Zigarette in den Händen und einem Fußball unter dem Spielbein. Dazu muss man wissen, dass sich der Vater von Juergen Teller im Februar 1988 das Leben nahm. Der Sohn hatte wenige Jahre zuvor die Heimat, das mittelfränkische Bubenreuth, verlassen und war nach London gezogen - ohne Geld und ohne Sprachkenntnisse. Der Vater war sich sicher, dass sein Sohn versagen würde. Der Sohn wollte dem Vater zeigen, dass er es zu etwas bringen würde.

          Teller stammt aus einer Geigenbauerfamilie. Nach der Schule hatte er eine Bogenmacherlehre begonnen, die er wegen einer Stauballergie abbrechen musste. In London wartete die große weite Welt auf ihn, ein Leben voller Möglichkeiten. Im Jahr 1991 ergab sich durch Zufall tatsächlich eine dieser Möglichkeiten. Er sollte die damals noch unbekannte Band Nirvana auf ihrer Nevermind-Tournee begleiten. Nirvana wurden berühmt und der junge Fotograf in ihrem Windschatten auch. Das alles klingt nach dem märchenhaften Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur war er nie Tellerwäscher, dafür ist er jetzt Tellerfotograf. Der etwas zu plumpe Wortwitz ist von ihm beabsichtigt. In krakeliger roter Handschrift steht auf dem Ausstellungskatalog neben einem Tellerstapel tragenden Teller geschrieben: „Mit dem Teller nach Bonn.“ Und das zieht er konsequent durch.

          Fummeln mit Charlotte Rampling

          „Plates/Teller“ heißt eine neue Serie, für die er seinen Models, Pornodarstellern und Persönlichkeiten wie dem Schauspieler Lars Eidinger, dem Kunstkritiker Adrian Searle und dem Supermodel Eva Herzigová einen weißen Porzellanteller in die Hand gegeben und dann den Auslöser der Kamera gedrückt hat. Lars Eidinger räkelt sich, nur mit einer hautfarbenen Nylonstrumpfhose bekleidet, im Sand und legt seinen Kopf auf einen Teller, der ihn wie ein Heiligenschein umfängt. Seine Pariser Galeristin Suzanne Tarasieve steht mit erhobenen Händen irgendwo in Paris und hält einen Teller in die Höhe. Teller zwischen die Arschbacken klemmen. Teller als Ersatz für ein Feigenblatt.

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