10.12.2009 · „Modefotograf werden ist eigentlich etwas Peinliches“, dachte Juergen Teller früher. Inzwischen hat er seine Meinung geändert. In der Nürnberger Kunsthalle sind jetzt seine Arbeiten mit Kate Moss, Charlotte Rampling und vielen mehr zu sehen - ohne gelackten Wahn, ohne Selbstentblößung.
Von Rose-Maria Gropp„Logisch!“ sei der Untertitel seiner Ausstellung, sagt Juergen Teller, weil er das Wort selbst so oft gebrauche. Was ist da logisch? Er ist einer von denen, die aus der Provinz hinauszogen, um einer Obsession zu folgen, und er wurde dabei weltberühmt. Es ist wie ein Märchen. Und es steckt unauslöschlich in seiner weltläufigen Arbeit. Wer auch nur ein paar Mal internationale Modemagazine durchgeblättert hat, muss ein Foto, das Juergen Teller gemacht hat, gesehen haben - und er wird gestutzt haben, angesichts einer wilden Fremdheit, die selbst die Mode ergreift, die mit seinen Bildern teuer verkauft werden soll.
Das allein macht noch nicht einen Modefotografen zum Künstler. Aber Juergen Teller, Jahrgang 1964, geboren und aufgewachsen in Bubenreuth bei Erlangen und seit mehr als zwanzig Jahren in London lebend, hat nicht nur Mode auf Herzschlagfrequenz mit Punk und Grunge fotografiert. Er hat in seinen Büchern, die lange nicht so bekannt sind, auch einen scharfen Eigensinn und ein brüskes Bekenntnis zum Selbstdarstellungswillen vorgeführt. Juergen Teller spielt in seiner eigenen Liga.
„Modefotograf werden ist eigentlich etwas Peinliches“, das habe er früher immer gedacht - jetzt nicht mehr, sagt er anlässlich der Schau, die heute in der Nürnberger Kunsthalle eröffnet wird. Geschmeidig weicht er ab, hin zu einem Großen der Zunft, zu Helmut Newton, zu den Bildern, die Newton von Charlotte Rampling gemacht hat, als Venus im oder ohne Pelz. Rampling, diese Matriarchin und unzerstörbar schöne Frau, hat hohen Anteil an Tellers Erfolgs; er verehrt sie glühend, so viel ist klar.
Seine Komplizenschaft gilt dem Unvollkommenen
Sie ist zweifach präsent in Nürnberg, in einem Raum mit dreizehn Abzügen aus der Serie „Louis XV“, die 2004 in Paris im Hotel De Crillon entstand. Es sind barock-entgrenzte Szenen eines Tête-à-tête zwischen ihr und ihm, manche melancholisch, manche obszön, sämtliche ihr zur Feier. Dann sind da die Bilder der Reihe „Paradis“, die Teller in diesem Jahr fotografierte, nachts im Louvre. Seine eigenwillige Technik, kategorisch das Blitzlicht einzusetzen, führt in den Hallen zu geisterhaften Effekten. Auf einigen der Fotos stehen Charlotte Rampling und das Model Raquel Zimmermann nackt im Raum. Neben den bleichen Statuen leuchten ihre Leiber warm vor Leben, neben der Mona Lisa arrangiert, entsteht eine lächelnde Trinität, der Lebensalter vielleicht oder der Grazien.
Was Teller seiner starken Freundin Charlotte Rampling nicht antut, tut er auch keiner anderen Frau an, die er fotografiert: Nie treibt er sie in Selbstentblößung, um nicht Entblödung zu sagen. Auf schon anrührende Weise wird das in den Fotos aus der „Go-Sees“-Reihe klar, für die er 1998/99 ein Jahr lang junge Frauen fotografiert hat, die zu seinem Atelier kamen, um Model zu werden. Kein einziges Mädchen ist denunziert, jede in einem Augenblick ihr möglicher Schönheit festgehalten. Es klingt paradox: Aber ausgerechnet er nimmt sie in Schutz vor dem gelackten Wahn, den ihnen die Fashion-Industrie oktroyiert. Seine Komplizenschaft gilt dem Unvollkommenen. Was ihn freilich selbst angeht, seine eigene Person, da ist Juergen Teller im alten schlichten Sinn des Wortes schamlos. Sich selbst stellt er dar, nackt und vergnügt, vulgär oder erotisch, schonungslos oder selbstverliebt, auch dialogisch mit seinen Modellen.
Zeugnisse einer Familienreise
Die Kategorie Narzissmus ist zu ausgeleiert für seine Form der programmatischen Selbstvergewisserung, er ist da eher ein Gewohnheitstier. In Nürnberg kann man von der Straße in die Kunsthalle schauen, um dem großformatigen Halbakt in weißer Hose eines hübschen weichen Manns zu begegnen: dem Selbstbildnis des Künstlers in jungen Jahren, als Playmate des Monats Dezember. Das hat wirklich Witz.
Die kleine Schau ist in acht Räumen intelligent gestaltet, es gibt frühere, teils bekannte Arbeiten, aber die neueren und ganz frischen dominieren. Zauberhaft sind die beinah dreißig Fotos aus der Serie „Ed in Japan“. Es sind Zeugnisse einer Reise mit seiner Frau, der Londoner Galeristin Sadie Coles, und dem kleinen Sohn Ed, glückvolle Momente voller Zärtlichkeit und bewundernden Staunens für das Gastland. Wenn dort ein Glas Babynahrung samt Plastiklöffel mit einem Ikebanagesteck vor einem Rollbild zum Stillleben verschmilzt, dann ist das ein Zeichen perfekter Ordnung und inneren Friedens.
Er steckt Victoria Beckham in die Tüte
Die Formate der Abzüge sind ganz unterschiedlich, manche Bilder sind ausgesprochen groß, das unterscheidet die Wahrnehmung in der Ausstellung gravierend von der in den Büchern und Zeitschriften. Auf die Frage, was er hochziehe und was er in der Intimität belasse, sagt Teller nur, dass er sich das sehr genau überlege. Das tut man beim Betrachten ganz automatisch auch und steht zum Beispiel in einem kleinen Raum, der ausschließlich „Mother and Crocodile“ von 2002 gewidmet ist, einem Porträt seiner Mutter, die ihren Kopf in den aufgerissenen Rachen eines ausgestopften Krokodils steckt, Teil jenes abgründigen Heimatmuseums, an dem er seit Jahren baut.
Natürlich stieg Juergen Teller nicht aus dem Nichts auf, er weiß gut, an wem er sich orientiert. Das sind Figuren wie William Eggleston und Nobuyoshi Araki; gewissermaßen auch ein Kollege wie Mario Testino, zu dessen industrieller Aalglätte er zickige Kontrapunkte setzt. Der Bruder im Geiste, wenngleich fern kommerzieller Verwertung, ist Wolfgang Tillmans, mit dem ihn Bilder verbinden, die wie beiläufig hingeschmissen wirken, aufreizend genialisch. Eine von Tellers Portalsfiguren begleitet ihn fast demonstrativ: William Eggleston hat sich, Charlotte Rampling im Arm, für die Kampagne hergegeben, die Teller für den Designer Marc Jacobs fotografiert hat. Auf einem anderen hat er die Fußballergattin Victoria Beckham zur Gänze in eine Tüte gesteckt, aus der nur noch die Beine mit Schuhen herausschauen. Diese Unverfrorenheit verleiht ihm die stärkste Macht.
Jetzt aber muss Teller sich hüten, nicht vom Hofnarren zum Hofberichterstatter zu werden: Seine jüngste Serie „Der Schlüssel im Schloss“ entstand in Schloss St. Emmeram, in den Räumen der Gloria von Thurn und Taxis. Es sind tollkühne knallige Fotos, aber sie sind eben nur das. Es bleibt die Anmutung von der Altkleiderkiste der selbsternannten Fürstin. Seit Jahrzehnten liegt Juergen Teller der Kontrakt mit dem schieren Kommerz vor, er unterzeichnet ihn nicht. Täte er das, es wäre jammerschade.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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