25.09.2007 · Der Symbolist Libeskind zeigt sich wieder einmal in prächtiger Fabulierlaune: Sechs Jahre nach der Einweihung des Jüdischen Museums in Berlin durfte er seinem Meisterbau nun ein stahldurchzucktes Glashaus anfügen.
Von Heinrich WefingDaniel Libeskind ist wieder da. Zurück im Jüdischen Museum in Berlin. Sechs Jahre nach dessen pompöser Einweihung am Vorabend des 11. September durfte der durch die Welt wirbelnde Architekt, der im New Yorker Titanenkampf um die Neubebauung von Ground Zero beinahe zerrieben wurde, seinem zinkblechschillernden Meisterbau nun auch noch ein stahldurchzucktes Glashaus anfügen. Eine fast siebenhundert Quadratmeter große Multifunktionshalle, deren rasant schräge Ästhetik den Symbolisten Libeskind wieder einmal in prächtiger Fabulierlaune zeigt.
Für rund acht Millionen Euro hat er den Hof des 1735 errichteten denkmalgeschützten historischen Kammergerichts, das heute so etwas wie das behäbige Eingangsgebäude der dekonstruktivistischen Architekturikone nebenan ist, komplett verglast und in einen lichten Saal verwandelt, in dem fortan Vorträge, Empfänge und Dinner und all die anderen Veranstaltungen stattfinden können, die heute notwendig zum Geschäft der Museen gehören. Und weil Libeskind eben Libeskind ist, hat er die kleine Bauaufgabe so bilderreich und kompliziert gemacht, wie es eben ging.
Gedreht und verschraubt
Statt in dem annähernd quadratischen Hof der barocken Dreiflügelanlage nur einfach vier Stützen aufzustellen und ein Glasdach einzuziehen, hat Libeskind ein Ensemble von Stahlelementen ersonnen, die er munter faltet, knickt, dreht und verschraubt wie ein Riesenkind seine gewaltigen Mikadostäbe. „Sukkah“, hebräisch für „Laubhütte“, heißt der Entwurf hübsch metaphorisch, und tatsächlich kann man in der komplizierten Metallkonstruktion so etwas wie ein enormes Flechtwerk erkennen, wenn man denn mag - scharfkantige Äste und Bäume, deren Kronen ein Dach aus Glas tragen. Den Statikern, die das Gebilde durchrechnen mussten, dürften darüber die Haare grau geworden sein, aber es ist ein eigenwilliger, einprägsamer Raum entstanden, wie es noch keinen gibt in Berlin, wo längst jeder Innenhof für Stehempfänge überglast ist.
Unübersehbar sind die Bezüge dieses verwegenen Geästs zur Katastrophen-Ästhetik des Hauptgebäudes, vor allem in der zackigen Linienführung auf Fassaden und Dächern. Zugleich aber erlaubte die komplexe, selbsttragende Netzstruktur auch eine konstruktive Lösung, die die historische Substanz des von Philipp Gerlach für Friedrich Wilhelm I. errichteten Barockbaus weitgehend unangetastet lässt. Die Stützenbündel stehen frei vor dessen Außenwänden, auf die sie schöne, wilde, konfuse Schattenrisse zeichnen, während sich die Ostfassade des Neubaus als dekorativ gefaltete Glasfront zur postmodernen Idylle des Museumsgartens öffnet.
Bis zu fünfhundert Menschen werden Platz finden in dem Glashof, der sich durch eine im Boden eingelassene Hebebühne auch für Konzerte und Podiumsveranstaltungen herrichten lässt. Heute eröffnet Kulturstaatsminister Neumann, aus dessen Etat ein gutes Viertel der Baukosten stammt, den Neubau gemeinsam mit Michael Blumenthal, dem Direktor des Jüdischen Museums, und Daniel Libeskind. Am Wochenende wird der Hof dann dem Publikum geöffnet, die Familienführung bei freiem Eintritt trägt den hübschen Titel „Wohin mit dem rechten Winkel?“. Libeskind dürfte auch daran seinen Spaß haben.