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Jubiläum Deutsches Ledermuseum : Alles gut, aber wo sind die Schrumpfköpfe geblieben?

Mit Antilopenhaut bezogen: Helmmaske der Ejagham, Cross River, Nigeria, vermutlich erste Hälfte 20. Jh., zu sehen in der Jubläumsausstellung des Ledermuseums. Bild: Ledermuseum OF

Die postkoloniale Ethik schlägt auch in Offenbach zu. Das Deutsche Ledermuseum feiert sein hundertjähriges Bestehen mit einer ganz speziellen Jubiläumsausstellung.

          In diesem Museum kann man Museumsgeschichte studieren: Die Vitrinen sind unübersichtlich angeordnet und eng bestückt, viele weiße Papierschilder drängen sich darin. Die Räume sind dunkel, um die empfindlichen Exponate nicht zu beschädigen, und die Besucher müssen Lichtschalter bedienen. Die im Jahr 1981 eingerichtete Dauerausstellung des Deutschen Ledermuseums in Offenbach ist selbst schon museal.

          In diesem Jahr feiert das Museum sein hundertjähriges Bestehen. Höchste Zeit also, die Angelegenheit zu entrümpeln und zu entstauben. Seit drei Jahren ist die neue Direktorin Inez Florschütz für die Sammlung verantwortlich, die eigentlich aus drei Sammlungen besteht: die Angewandte Kunst, das Schuhmuseum und die ethnologische Sammlung mit Lederstücken aus aller Welt. 30.000 Exponate sind es insgesamt, die meisten ruhen derzeit im Depot.

          Einen Anfang mit dem dringend nötigen frischen Wind macht die jüngst eröffnete Jubiläumsausstellung „Leder.Welt.Geschichte“. Zwei Räume des Museums wurden von der Kuratorin Anna Tappeiner gründlich ausgeräumt, bis hinunter auf den Betonestrich. Das ist nötig, denn Raum für thematische Sonderausstellungen gibt es derzeit viel zu wenig, und gerade diese sorgen doch dafür, dass Besucher immer wieder kommen. Daher ist die Jubiläumsschau auch ein Versuchsballon, der einer künftigen Neugestaltung des Museums den Weg weisen könnte. Anstatt eine geschlossene enzyklopädische Darstellung der Weltgeschichte in Leder zu zeigen, setzt sie lieber gezielte Schlaglichter und konfrontiert jeweils zwei Exponate in einer Vitrine, die etwas gemeinsam haben. Goethes lederne Hutschachtel steht neben Schuhen seiner letzten Liebe Ulrike von Levetzow. Der äußerst naturgetreue Spielzeugelefant von Ludwig XV., ein Publikumsliebling, bekommt ein Püppchen der Inuit aus Karibuleder mit Seehundfelljacke beiseitegestellt. Eine moderne Tasche aus veganem Leder kontrastiert mit einem Reisekorb Papst Clemens IX. aus dem 17. Jahrhundert.

          Handlich: Reisekorb von Papst Clemens IX., Rom 17. Jahrhundert.
          Handlich: Reisekorb von Papst Clemens IX., Rom 17. Jahrhundert. : Bild: Michael Kretzer

          Zudem treffen das zuerst und das zuletzt erworbene Exponat aufeinander und das älteste auf das jüngste. Denn die Geschichte der Sammlung ist selbst schon erzählenswert: Im Jahr 1917 von Schulleiter Hugo Eberhardt als Vorbild- und Mustersammlung für die Studenten der Technischen Lehranstalten – heute Hochschule für Gestaltung – gegründet, wurde ein Schwerpunkt auf Lederwaren gesetzt, dem in Offenbach wichtigsten Industriezweig. Eine von den Eberhardts zufällig im Urlaub erworbene Truhe aus Meran bildete den Grundstein der Sammlung, dann kamen weitere Stücke dazu, von Anfang an war auch der Spielzeugelefant dabei. 1938 zog das Museum an seinen heutigen Ort; der Bau, ein ehemaliges Lagerhaus der Offenbacher Messe, wurde im Laufe der Jahrzehnte zweimal erweitert.

          Hugo Eberhardts Interesse galt bald mehr seinem Museum als seiner Schule, so dass die Sammlung stetig wuchs. Der letzte Leiter baute vor allem die ethnologische Sammlung aus, einen Schwerpunkt bilden Schattentheaterpuppen aus aller Welt, dazu Kleidung und Gegenstände aus Amerika, Afrika, Asien. Das zuletzt erworbene Exponat ist übrigens ein Rupfenspielzeug aus der DDR, ein Reitnashorn mit Lederbesatz, das in diesem Jahr angekauft wurde. Viele Ausstellungsgegenstände, erzählt Direktorin Florschütz, ersteigert das Museum heute übrigens auf Ebay.

          Es ist wohltuend, dass vor allem im zweiten Raum der Sonderausstellung Objekte aus aller Welt nebeneinanderstehen dürfen, denn bisher war alles Außereuropäische ins Obergeschoss verbannt. Die Idee, die Geschichte europäischer und außereuropäischer Gebrauchsgüter getrennt zu erzählen, erscheint völlig überholt und soll bei der Neugestaltung des Museums aufgebrochen werden. Nun darf die Samurairüstung neben einem Fußball der Olympischen Sommerspiele von 1936 in Berlin stehen und ein Parka aus Seehunddarm von den Aleuten, eine Art Natur-Gore-Tex-Windjacke, neben der wirklich sehr wilden Tracht eines Saltners aus Tirol. Sie alle haben ihre Form durch jahrhundertelange Anwendung gefunden. Die Schrumpfköpfe allerdings, lange Zeit Teil der Sammlung, werden heute aus ethischen Gründen nicht mehr ausgestellt. Eine leere Vitrine weist auf diesen Umstand hin.

          Andere dunkle Kapitel der Sammlungsgeschichte, etwa die Kollaboration im Dritten Reich, beleuchtet der umfangreiche Katalog, der zur Sonderausstellung erschienen ist. Und wie geht man mit der Kolonialgeschichte um? Momentan wird in der Cafeteria noch recht lapidar auf einen Krokodiljäger namens Theo Ripper verwiesen, der im Auftrag einer Offenbacher Gerberei die Nachfrage nach exotischem Handtaschenmaterial am Songwe-Fluss in Deutsch-Ostafrika befriedigte.

          Empfangsbereit: Kofferradio Offenbach, 1951.
          Empfangsbereit: Kofferradio Offenbach, 1951. : Bild: Michael Kretzer

          Nicht nur die Auffassung darüber, was ein Museum und was Ausstellungen heute leisten müssen, hat sich seit 1981 grundlegend geändert. Auch die Technik ist fortgeschritten. Dank LED-Leuchten, die die Exponate nicht ausbleichen, muss heute kein Besucher mehr in dunklen Räumen nach Lichtschaltern tasten. Und mit multimedialer Technik lässt sich Materialgeschichte ganz anders erzählen als auf papiernen Schautafeln, wie die Installation „Linking Leather“ zeigt. Sie wurde von Studenten der Hochschule für Gestaltung entwickelt und soll in eine künftige Dauerausstellung integriert werden. Dazu gehört auch ein Fühltisch, auf dem die unterschiedlichen Lederarten betastet werden dürfen: rauhe Python, die weiche Fleischseite von Rindleder, echtes und falsches Krokodil sowie Pansenleder, gegerbter Rindermagen, der in Notzeiten verarbeitet wurde. Ein Mehrwert, über den sich vor allem Schülergruppen freuen.

          Nach einer langen Schattenexistenz hat sich das Ledermuseum viel vorgenommen. Wer sich Zeit für die Sonderausstellungen und den Katalog nimmt, erkennt, wohin die Reise gehen soll. Die Richtung stimmt, nun müsse sich Inez Florschütz und ihr Team an die Umsetzung machen. Es wird Zeit, dass der große Schatz, die einzigartige Sammlung aus aller Welt, gehoben und angemessen zugänglich gemacht wird.

          Wehrhaft: Samurai-Rüstung aus Japan, der Zeitpunkt der Herstellung ist unbekannt.
          Wehrhaft: Samurai-Rüstung aus Japan, der Zeitpunkt der Herstellung ist unbekannt. : Bild: Michael Kretzer

          Die Ausstellung „Leder. Welt. Geschichte“ ist noch bis 25. Februar 2018 zu sehen. Der empfehlenswerte Katalog „100 Jahre Deutsches Ledermuseum“ ist bei Kerber erschienen und kostet 40 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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