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Jörg Immendorff Wie malt man mit schlafenden Händen?

23.03.2006 ·  Die Krankheit ist nur eine andere Möglichkeit unserer selbst: Ein Gespräch mit dem Maler Jörg Immendorff über sein Leiden, Politik, Religion und die Bibel, die er gerade mit seinen Bildern geschmückt hat.

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Der Maler Jörg Immendorff hat sich in seinen Werken mit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart, mit der sozialen Relevanz der Kunst und den Möglichkeiten des Künstlersein auseinandergesetzt. Bekannt wurde er vor allem mit seinem Zyklus „Café Deutschland“.

Nun hat der sechzig Jahre alte Immendorff, der an der Muskelkrankheit ALS leidet, die seinen Körper lähmt, aber nicht seinen Willen, weiter Kunst zu produzieren, vierundzwanzig Bilder aus seinem Œuvre für eine bewußt einfach gestaltete Bibel ausgewählt.

Herr Immendorff, hat sich Ihrer Vorstellung des Schöpferischen durch Ihre Krankheit verändert?

Ich würde beinahe sagen, ich wäre selbst ohne meine Gebrechen zu einer Arbeitsweise gelangt, wie ich sie heute praktiziere. Wie malt man mit schlafenden Händen? Da gibt es viele Parallelen zu Partituren, die in Gruppen aufgeführt werden. Ähnlich verstehe ich meine heutige Bilderproduktion. Wir haben hier jeden Tag kleine Kammerkonzerte. Das heißt, ich bin der Komponist, ich hecke etwas aus. Das wird dann durchgespielt und von Helfern realisiert. Dann treibe ich die individuelle Handschrift meiner Helfer aus, was mehr Mühe kostet, als gegen meine eigene anzugehen.

Sie haben gerade eine Bibel mit einer Auswahl Ihrer Bilder geschmückt. Jörg Immendorff und die Bibel: Wie paßt das zusammen?

Ich bin schon als Kind über die Bibel gestolpert, nicht erst jetzt, als ich das Buch der Bücher für „Bild“ und Bertelsmann gestaltet habe. Das war in einer Zeit - einige kennen das ja noch -, als man in der Schule Fleißkärtchen bekam mit Bebilderungen biblischer Szenen, die etwas verkitscht waren. Da ich nicht einer der Fleißigsten war, war ich immer besonders stolz, wenn ich eines bekam. Schon meine erste Bekanntschaft mit der Bibel war also bildnerischer Art. Später erfolgte sie dann im Zuge meiner Entwicklung, sich mit Gegenbildern zu beschäftigen, vorgegebene Bilder nicht als ausreichend zu empfinden und deshalb eigene zu entwerfen. So wuchs in der Beschäftigung mit der Bibel etwas in mir, was meinen Bewußtseinshorizont erweitern half.

Die Bibel hat also schon früh einen prägenden Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

Ich habe Trompete im Kirchenchor gespielt. Ich mußte immer in die Wälder, um zu üben, weil wir in einer Siedlung wohnten und die Trompete ja nicht gerade ein leises Instrument ist. Also bin ich, aus Rücksicht auf die Nachbarn, zum Üben in den Wald gegangen. Aber selbst die Tiere sind geflüchtet. Für kirchliche Jugendtreffen war ich nicht geeignet, und auch mit den Pfadfindern bin ich nicht klargekommen. Im Internat gab es dann Karikaturen von mir als Maler mit Rollkragen und Spitzbart. Ich wurde als arrogant eingestuft, weil ich mich gern zurückzog. So war ich eben. Ich weiß nicht, ob die frühe Scheidung meiner Eltern und das Aufwachsen ohne Vater dabei eine Rolle gespielt hat. Jedenfalls habe ich mich in meine Bilder verrannt und vergraben. Sonst wäre ich vielleicht früher einen Pakt mit dem Stoff der Bibel eingegangen.

Wann haben Sie den Faden wieder aufgenommen?

Das war in den neunziger Jahren, als ich das Vergnügen hatte, die Ausstattung für Strawinskys „The Rake's Progress“ zu entwerfen. Ich habe die Oper zur Künstleroper gemacht, was nach wie vor einmalig ist, weil ich andere Künstlerfiguren mit einbezogen habe. Beuys war „Truelove“, Baselitz war Chef des Irrenhauses Bethlem, eine wichtige Rolle, auch wenn er sich beschwerte. Lüpertz war „Nick Shadow“ und Penck die „Türkenbab“. Sie erinnern sich vielleicht an Hogarth' Stich, wo der Vater von Tom Rakewell sich aus dem Ledereinband einer Bibel Schuhe machen läßt. Diese Schuhe kann man als Todsünde des Geizes deuten. Man kann aber auch mit dem Gedanken spielen, daß diese Schuhe sich nun einige angezogen haben, die es nicht gut mit der Bibel meinen. Wenn ich mir die Bibel als Pflug vorstelle und die Menschheit als den großen Sämann, so entstehen böseund gute Pflanzen. Nun traut man ja einem Achtundsechziger, einem ehemaligen sogenannten Maoisten, Bibelnähe nicht zu. Ich gestehe, daß mir in der Schule vieles davon verleidet wurde. Einiges mußte ich auswendig lernen, wie die Geschichte, in der Jesus mit seinen Jüngern loszieht, sie ein Hufeisen finden, aber keiner sich bücken und es aufheben will. Woraufhin Jesus selbst es aufhebt, verkauft und von dem Geld Trauben kauft, die er dann - Träubchen für Träubchen - fallen läßt. Und plötzlich bücken sich die Jünger eifrig.

Haben solche Motive direkt in Ihre Bilder Eingang gefunden?

Nein. Aber mit der Zeit entstand in meiner Kunst etwas, das - ich will nicht sagen bewußt parallel zur Bibel, aber doch in Verbindung mit der Bibel - die Essenzen aus den dort versammelten Geschichten darzustellen versuchte. Dinge, die über das Materielle hinausgehen, die Visionen betreffen. Das ist mein Terrain, oder besser: das Terrain der Kunst. Das Schöpferische im Menschen ist doch eine Art Restglanz des Göttlichen. Und dieser Glanz hat mich in meiner Isolation oder bei meinem Weg ins Dickicht gestärkt.

Zweifellos ist es reizvoll für einen Künstler, all die Geschichten und Gleichnisse der Bibel in heutige Bilder zu fassen. Weshalb aber haben Sie bereits existierende Werke ausgewählt, um Sie in Beziehung zur Bibel zu setzen?

Ich hätte mich überfordert gefühlt, eine Illustration zu machen. Ich bin kein Chagall und kein Rembrandt. Ich kann keine Bibelstoffe bebildern. Zumal diese ja im Kontext einer anderen Zeit entstanden sind. Heute ist das etwas ganz anderes. Heute wird selbst der Tod eines Papstes zu einer PR-Veranstaltung. Wenn ich Menschen sehe, die mit ihrem Handy Fotos vom toten Papst machen, dann fehlt mir ein Stück Metaphysik.

Kann die Kunst etwas Metaphysisches zurückgewinnen?

Bei meinem letzten Besuch in der Sixtinischen Kapelle in Rom ist mir aufgefallen, daß sich das Religiöse oder Metaphysische selbst in der Begegnung mit Michelangelos Fresken nicht verordnen läßt. Man kann niemand zwingen, solche Dinge zu sehen und zu fühlen. Ebensowenig kann und möchte ich jemanden etwas vorschreiben. Ich kann nur empfehlen, auf diese andere Dimension zu achten. Deshalb nehme ich den Text der Bibel und stelle meine Werke dazu, daneben, dazwischen, als ob sie jemand ins Buch geschmuggelt hätte. Daß man sich fragen muß, was diese Bilder dort zu suchen haben, gefällt mir sehr gut.

Sie wollten bewußt kein Künstlerbuch machen?

Es sollte einen eher profanen Charakter haben, die typische Bibel-Ästhetik. Sonst wäre das ein Immendorff-Buch geworden.

Werden Ihre Bilder dadurch nicht auf Illustrationen einer allgemein menschlichen Sinnsuche reduziert?

Die anderen Bezüge verschwinden ja nicht. In Bildern wie „Café Deutschland“ geht es weiterhin um die Bearbeitung der beiden deutschen Teilstaaten, um die Freundschaft mit Penck und die Frage, wie wir gegen eine Realität ankommen, die nicht nach unserem Geschmack ist. Wir haben uns die Wiedervereinigung einfach gemalt. Dafür wurde ich ausgelacht. Auch damals konnte es meine Kunst keinem recht machen. Oder nehmen Sie meine politischen Bilder, auch sie handeln vom Hunger und von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Das sind doch mehr als Etiketten. Da kommen Emotionen zum Ausdruck, das reicht in andere Dimensionen.

Ihr Werk kreist um Fragen der Einheit, um Politik, Freundschaft und Künstlertum. Bei ihrem Bibel-Projekt erscheint all das nun plötzlich in einem heilsgeschichtlichen Zusammenhang. Wie läßt sich das vestehen?

Was heißt denn Einheit? Der Kampf der Widersprüche tobt doch in mir. Ich bin zwar ein Produkt der Gesellschaft, aber Dinge wie „schlechtes Gewissen“ oder das Abwägen zwischen Gut und Böse gehen darüber hinaus. Ich habe als Kind einmal eine Indianerfigur gestohlen. Und dieser Indianer, der brannte in meiner Tasche. Ich habe es dann meinen Eltern gebeichtet und mußte ihn voller Scham zurückbringen. Diese Dinge, die in uns vorgehen, sind vor einem religiösen Hintergrund entstanden. Muß ich auf eine Kanzel springen, um die Bibel zu rechtfertigen? Wir können doch in Zeiten, wo es blutige Auseinandersetzungen um Karikaturen gibt, wo Mißtrauen regiert, nicht einfach zum Tagesgeschäft übergehen - bis hin zu den Fragebögen zur Einbürgerung, die ich nicht korrekt beantworten könnte. Der Islam und das Christentum - und auch andere Weltreligionen - sind wunderschöne Früchte am großen Weltenbaum, die es zu respektieren gilt. Hier darf nicht eine Religion gegen eine andere ausgespielt werden. Ich bin kein Kirchenmann, ich habe da lediglich meinen Zugang als Künstler und Mensch.

Wie bewältigen Sie Ihr Leiden?

Meine neue Art, Bilder zu produzieren, läßt mich durchaus frohlocken, trotz meiner Krankheit. Jeder leidet doch an etwas. Beinahe hätte ich gesagt, ich bin froh, daß ich die persönliche Handschrift los bin. Das Loslassen ist eine Erleichterung, auch wenn es natürlich absurd ist zu sagen: Laßt mich krank. Aber die Krankheit ist am Ende nur eine andere Möglichkeit unserer selbst.

Die Fragen stellte Thomas Wagner.

Quelle: F.A.Z. vom 24. März 2006
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