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Veröffentlicht: 03.09.2016, 21:09 Uhr

Kunstmuseum in Québec Jeff Koons kann einpacken

Politik verträgt sich hier gut mit Kultur: In Kanada weihte Ministerpräsident Trudeau das nationale Kunstmuseum ein, das alles anders als die amerikanischen Nachbarn macht.

von Antje Stahl
© Bruce Damonte Blick in den Anbau des Musée national des beaux-arts du Québece: Ein lichter Raum für den Kanon globalisierter Kunstgeschichte wie für Kunst der Region.

Der Architekt Shohei Shigematsu bittet Kanada um Asyl. Er meint das auf der Pressekonferenz im Musée national des beaux-arts du Québec, kurz MNBAQ, zwar nicht ganz ernst, und die Journalisten, die aus aller Welt eingeflogen wurden, um über den von ihm entworfenen Museumsbau zu schreiben, haben herzlich gelacht, und auch der größte Geld- und deshalb Namensgeber für den sogenannten Pierre Lassonde-Pavillon bescheinigte dem Japaner einen außergewöhnlichen Humor. Aber natürlich war auch etwas Wahrheit in Shigematsus Witz; dieses Land und auch die kleine Stadt Quebec City müssen irgendetwas richtig machen, um einen großen Architekten aus dem großen New York City so zu begeistern; dass er hier um Asyl bittet, liegt nicht nur an der Aussicht auf einen Präsidenten, der Trump heißt. Was zieht Architekten nach Kanada?

Es ist einige Jahre her, dass das New Yorker Büro der in Rotterdam ansässigen Architektur- und Stadterforschungsfirma OMA den Wettbewerb gewann. In dieser Zeit kollabierte das Finanz- und Immobilienwesen, in dieser Zeit wurde Justin Trudeau gewählt, und der kanadische Ministerpräsident hat es Shigematsu angetan. In Zeiten von Brexit, Putin, Erdogan und Trump-Wahlkampf verkörpert Trudeau so etwas wie die ideale Staatsmacht: Er posiert im Yogastand und als Boxer, eine politische Ikonographie, die bedeutet: Dieser Mann bleibt gelassen, auch wenn sein Job anstrengend ist; dieser Mann verteidigt sich, wenn er angegriffen wird.

Zeitgenössische Kunst für die Globalisierung

Der Sohn des legendären Ministerpräseidenten Pierre Trudeau, nach dem der Flughafen von Montréal benannt ist, reformierte das Kabinett, in dem nun genauso viele Frauen wie Männern sitzen. Kurz vor Weihnachten begrüßte er syrische Flüchtlinge am Flughafen von Toronto mit den Worten „Welcome home“. Er unterzeichnete den neuen Klimaschutzvertrag von Paris und veranlasste den Abzug von Kampfflugzeugen aus dem Irak. Nach seiner Politik sehnt sich das linke Herz. Der Weltschrecken löst sich in seiner Gegenwart fast auf.

Und in Quebec City, einer durch und durch bizarren Stadt, könnte der französischsprachigen Gesellschaft dieses Landes, aus der Trudeau stammt, etwas absolut Bemerkenswertes gelingen. Könnte ein neuer Museumsbau und die darin nun zur Schau gestellte Sammlung von moderner, zeitgenössischer Kunst ein Vorzeigemodell für den Umgang mit der Globalisierung und sinnstiftend für die gerade einmal acht Millionen Einwohner der größten Provinz Kanadas werden?

Pierre Lassonde erklärte auf der besagten Pressekonferenz, er erhoffe sich einen „Bilbao-Effekt“ von dem neuen großen Haus. Das klang eher wie eine Drohung - denn solche solitären Architektur-Ikonen bringen mittlerweile vor allem eine tourismuskompatible Gleichschaltung des Sammlungs- und Ausstellungswesens mit sich: Wer keinen Picasso oder Koons hat, kann einpacken. Ist es das, was die Leute hier wollen?

Von einer grünen Garderobe

Sicher nicht. Quebec City braucht zwar Touristen. Deshalb pflegen die Denkmalschutz-Behörden die Altstadt so zu Tode, die Anfang des siebzehnten Jahrhunderts von dem französischen Kolonisator Samuel de Champlain gegründet wurde. Aber warum soll man sich an Quebec erinnern, so wie es das Motto der Region, „Je me souviens“, ich erinnere mich, nahelegt?

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