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Berlin zeigt Jeanne Mammen : Jeanne d’Arc der Großstadt

  • -Aktualisiert am

Zarte Aquarelle aus dem flirrenden Berlin: „Die Großstadt“, um 1927. Bild: Berlinische Galerie

Tucholsky verehrte ihre Aquarelle aus dem Berliner Nachtleben der zwanziger Jahre. Dann kam der Krieg, und Jeanne Mammen suchte einen neuen Stil. Es war nicht die letzte Verwandlung der Malerin.

          Wer in die Berlinische Galerie geht, um die Ausstellung über Jeanne Mammen zu sehen, kann auf den ersten Blick glauben, sich vertan zu haben: Sind das nicht Picassos? Frauen mit eckigen Köpfen. Die Augen nicht auf gleicher Höhe, sondern, wie bei Flundern, übereinander. Zerbrochene Formen, schwarze Umrisslinien. Die Titel allerdings würden, wenn es wirklich Picassos wären, ziemlich merkwürdig sein: „Der Würgeengel“ steht auf dem Schild, oder „Kind im Luftschutzkeller“ und „Polnische Bauersfrau“.

          Es sind Mammens Gemälde aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, von denen die Besucher im Museum empfangen werden und für die sie von einem Kritiker nach 1945 als „Madame Picasso“ verspottet wurde. So, als hätte sie jemand sein wollen, der sie nicht war. Die Retrospektive in Berlin zeigt aber, dass ihr Wille, in den späten dreißiger Jahren wie Picasso zu malen, sich aus einem anderen Wunsch speiste: dass nämlich die ganze Welt um sie herum nicht die sein würde, die sie geworden war. Insofern ist es ein kluger kuratorischer Einfall, die Ausstellung mit den weniger bekannten Gemälden zu beginnen und den Stilwechsel als Leitmotiv einzuführen.

          Das Geld reicht für ein Scheibchen Wurst

          Der Anfang der Schau führt damit ins Jahr 1935, als Mammen begann, Texte von Pablo Picasso zu lesen und zu übersetzen. Sie, die lange als zeichnende Chronistin für Berliner Zeitschriften gearbeitet hatte, wohnte noch immer auf dem Kurfürstendamm, im Dachgeschoss eines Hinterhauses. Von dort aus hatte sie seit 1920 das Leben der Weimarer Republik verfolgt, auf den Straßen, in den Clubs, Cafés und Geschäften. In einigen Bildern malte sie die deutsche Hauptstadt wie ein Versprechen, etwa in dem Aquarell „Die Großstadt“ von 1927. Ein Paar bricht darin in die Nacht auf, sie tragen Pelz, die Lichter funkeln, und der Federschmuck der Dame leuchtet, als habe sich ein Engel auf ihren Kopf gesetzt. Für ein anderes Bild begab sich Mammen in einen Fleischerladen, in dem eine Mutter mit Kind einkauft. Der bullige Metzger reicht ihr ein Scheibchen Wurst, für mehr scheint das Geld nicht zu reichen. Das Aquarell ist von 1931.

          Ihre Welt um den Ku’damm wurde immer kleiner: Jeanne Mammen um 1930. Bilderstrecke
          Jeanne Mammen : Jeanne d’Arc der Großstadt

          Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, lebt sie noch immer auf dem Ku’damm. Ihre Welt wird von nun an immer kleiner. Die meisten Zeitschriften, die ihr Aufträge gegeben haben, werden eingestellt. Freunde verlassen Deutschland. Viele kommen nicht wieder zurück, einige hören auf, Deutsch zu sprechen oder zu schreiben.

          Und Mammen? Im Hinterhof des Kurfürstendamms verpuppt sie sich in einem Picasso-Kokon: 1935 liest sie seine Schriften, 1937 reist sie nach Paris, wo das Monumentalwerk „Guernica“ ausgestellt ist. Picasso benannte es nach der Stadt, die im Spanischen Bürgerkrieg von deutschen und italienischen Truppen zerstört worden war. Mammen, die als Kind mit ihrer Familie in Paris gelebt hatte, kann als Deutsche in Berlin weiterleben, sie muss, anders als viele Kollegen, nicht fliehen. Sie sieht das traurige Berlin ihrer Gegenwart nun kubistisch. Malend wechselt sie damit ins Französische, um das festzuhalten, was um sie herum passiert. Ihre neuen Bilder zeigt sie nur noch wenigen Freundinnen und Freunden, bis Bomben die Fenster ihres Wohnateliers zerstören – und viele ihrer Werke.

          Die Ausstellung führt mit 170 Werken durch die Phasen ihres Schaffens. Die Häutung in den späten dreißiger Jahren war nicht ihre erste, sie blieb nicht die letzte. Nur die Drehzahl schien sich kaum zu verringern. Die Vielseitigkeit zeigt die Schau mit rund fünfzig Gemälden, dazu Aquarelle, Zeichnungen, Karikaturen, Plakate und Skulpturen. Mammen, die 1976 im Alter von 85 Jahren starb, kehrte nie wieder zu dem schnellen Stil der zwanziger Jahre zurück, der sie berühmt gemacht hatte. Über diesen hatte Kurt Tucholsky geschrieben: „Die zarten, duftigen Aquarelle, die Sie in Magazinen und Witzblättern veröffentlichen, überragen das undisziplinierte Geschmier der meisten Ihrer Zunftkollegen derart, dass man Ihnen eine kleine Liebeserklärung schuldig ist.“

          Jeanne Mammen. Die Beobachterin. Retrospektive 1910–1975. Berlinische Galerie, bis 15. Januar 2018. Der Katalog kostet im Museum 34,80 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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