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Jean Fouquet in Berlin : Die Schönheiten des transzendentalen Dienstwegs

Jean Fouquet, Diptychon des Etienne Chevalier, um 1455, rechter Flügel: Madonna umgeben von Engeln Bild: F.A.Z.

Jean Fouquet war der Meister der Spätgotik in Frankreich. In Berlin ist sein malerisches Hauptwerk zum ersten Mal in Deutschland vereint.

          Die Madonna war einmal ein Skandal. Eine „abscheuliche Malerei, die man in die dunkelste Ecke verbannen sollte“, nannte sie der deutsche Sammler und Goethefreund Sulpiz Boisserée. Im Bestandskatalog des Königlichen Kunstmuseums Antwerpen, dem das Bild seit 1841 gehört, firmierte sie jahrzehntelang als „wenig anmutige“ Frauengestalt. Das Bild hing in Antwerpen „weit oben“, wie der Baedeker vermerkte, also dort, wohin Boisserée es verbannt haben wollte, bis es mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts immer weiter nach unten und ins Zentrum der musealen Aufmerksamkeit rückte. Im Jahr 1937 wurde es zum Plakatmotiv einer Gesamtschau, mit der sich die französische Malerei auf der Pariser Weltausstellung zelebrierte. Seither ist die „Madonna, umgeben von Engeln“ von 1453 aus der Stiftskirche von Notre-Dame in Melun eine Ikone der ästhetischen Moderne.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jean Fouquet, ihr Schöpfer, dem durch die Leihgabe des Gemäldes nach Berlin die lang verdiente erste monographische Ausstellung in Deutschland zuteil wird, war ein Künstler am Hof Karls VII. von Frankreich und offizieller „peintre du Roy“ seines Nachfolgers Ludwig XI., bevor er um 1480 im Alter von etwa sechzig Jahren starb. Als er geboren wurde, war Jeanne d’Arc noch am Leben; als er die Melun-Madonna malte, eroberten die Osmanen Konstantinopel; und im Jahrzehnt seines Todes erblickte Martin Luther das Licht der Welt. Am bedeutendsten für Fouquets Werk wurde aber der geistige und künstlerische Aufbruch, der sich seit Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts in Italien vollzog: die Renaissance.

          Aus antikem Vorwissen schöpfende Bilderkunst

          In den vierziger Jahren reiste er als erster nordeuropäischer Maler des Spätmittelalters nach Rom, wo er, vielleicht auf Betreiben des mächtigen Kurienkardinals Guillaume d’Estouteville, ein Porträt Papst Eugens IV. malte, das vor dessen Tod im Jahr 1447 entstanden sein muss. Vor allem aber machte er offenbar die Bekanntschaft zweier Künstler, die zu jener Zeit in Eugens Auftrag in Rom tätig waren, des Florentiners Fra Angelico und seines Schülers Benozzo Gozzoli. Mit Masolinos Verkündigungs-Fresko in San Clemente hatte die Frührenaissance schon zwei Jahrzehnte zuvor in der Stadt der Päpste Einzug gehalten. Für Fouquet war die Begegnung mit diesen Kunstwerken lebensentscheidend. Wo Horaz sich rühmen durfte, als Erster den Melos der Griechen nach Italien importiert zu haben, da brachte Jean Fouquet die Farben, die Perspektivik und den szenischen Zauber der italienischen Renaissancemalerei aus Rom an den französischen Königshof.

          In der Ausstellung der Berliner Gemäldegalerie, die die Antwerpener Madonna zum ersten Mal seit der Weltausstellung mit ihrem Gegenstück aus den Staatlichen Museen, der Tafel mit dem königlichen Finanzminister Étienne Chevalier und seinem Schutzheiligen Stephan, zusammenbringt – in dieser auf lange Sicht einmaligen Ausstellung wird die Bedeutung des Kulturtransfers, der Fouquet damals gelang, beinahe untertrieben. Porträtköpfe von Petrus Christus, Jan van Eyck und dem Flémalle-Meister, dazu Zeichnungen von Gozzoli und Fouquet aus eigenem Bestand umrahmen neben dem aus Wien angereisten Bildnis des Narren Gonella und dem hinreißenden Selbstporträt-Medaillon des Louvre das zentrale Doppelbild.

          Jean Fouquet, Diptychon des Etienne Chevalier, um 1455, linker Flügel: Etienne Chevalier und hl. Stephanus
          Jean Fouquet, Diptychon des Etienne Chevalier, um 1455, linker Flügel: Etienne Chevalier und hl. Stephanus : Bild: F.A.Z.

          Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass die Kleinformate keine beliebige Garnierung für Fouquets Diptychon sind, sondern eine Anweisung darstellen, wie das zweiteilige Gemälde zu lesen sei. Die nordische, von van Eyck und den anderen flämischen Feinmalern gebildete Traditionslinie ist der Strang, der zum Gesicht und den Händen des Étienne Chevalier auf der linken, aber auch zu den Falten des taillierten blauen Marienkleides und ihres weißen, hermelingefütterten Leinenmantels auf der rechten Tafel führt. Die andere, von Gozzoli markierte Linie reicht dagegen in eine andere Welt. Aus ihr stammen der Kopf des heiligen Stephan ebenso wie der Körper der Maria, des Jesusknaben und der umgebenden Putten und sogar die Architektur im Hintergrund. Es ist die Welt der neuen, aus antikem Vorwissen schöpfenden Bilderkunst, die von Florenz aus ganz Europa erobern wird.

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