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Montag, 13. Februar 2012
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Jasper Johns in Basel Zum Beißen nah

12.07.2007 ·  Mal hockte er vor dem Bild, mal bespuckte er es - und einmal hat der Maler Jasper Johns sogar hinein gebissen. Nie zuvor ist die Geburt der Malerei aus dem Geist des Hantierens und Probierens so ergiebig zu sehen gewesen wie jetzt im Kunstmuseum Basel, wo Johns Frühwerk gezeigt wird.

Von Hans-Joachim Müller, Basel
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Der Maler vor dem Bild. Nicht immer kann er sich wie noch sein Patron Lukas auf eine außerirdische Handlungsanleitung verlassen, die ihm einflüstert, was zu tun ist. In neuerer Zeit ist er wieder gänzlich allein, und das Bild wird nur aus Arbeit und nichts als Arbeit. Jasper Johns zum Beispiel, frühe sechziger Jahre. Mal hockt er vor dem Bild, mal kniet er vor dem Bild, mal steht er vor dem Bild. Dann geht er aufs Bild zu, tänzerisch fast, den Malarm weit ausgestreckt, die unbeschäftigte Hand in der Hüfte.

Und dann macht er noch einen Schritt aufs Bild zu und sprüht mit dem Mund Wasser auf die feuchte Farbe. Und einmal, aber nur einmal, hat er sogar in die Farbschicht hineingebissen. Den olivgrünen Zahnabdruck aus dem Jahr 1961 hat er niemals hergegeben. „Painting Bitten by a Man“. Gemälde, von Mann gebissen.

Impulsdurchbruch oder Laborversuch?

Wie soll man dazu sagen, Impulsdurchbruch oder Laborversuch? Sie wäre ja so unverständlich nicht, die Beißwut, die den Maler befällt, in einer Epoche ohne außerirdische Handlungsanleitung. Die Musen haben ausgedient, es gibt in der Moderne keine höheren Mächte mehr, keine göttlichen Eingebungen, von der die Hand des Künstlers geführt werden könnte. Er ist auf sich und seine Materialien gestellt. Aber wenn man der Ausstellung im Kunstmuseum Basel traut, dann kann Johns Attacke aufs olivgrüne Bild schwerlich aus Verzweiflung geschehen sein. Nie zuvor ist die Geburt des Werks aus dem Geist des Hantierens und Posierens, des Studierens und Probierens so ergiebig zu sehen gewesen. In der Beschränkung auf die ersten zehn Jahre liegt ein großer Reiz. Die Ausstellung stellt noch einmal scharf ein auf eine der Ursprungsszenen der mythisch gewordenen Gegenwartskunst. Immer hat ja dieses Wiederauftauchen „alltäglicher Motive“ als Startkapital einer Entwicklung gegolten, die mehr noch als der weltabgewandte Abstrakte Expressionismus die amerikanische Malerei zur Leitwährung der Nachkriegskunst machen sollte. Jetzt wird man Zeuge, wie zögerlich sich Jasper Johns von den Vierziger- und Fünfziger-Jahre-Traditionen entfernt, wie behutsam und bedachtsam er seine Malerei vergegenständlicht.

Als revolutionäre Entschlossenheit wird man diese langsam wachsende Distanz zur Kunst der eigenen Generation kaum beschreiben können. Frühe Fotodokumente zeigen den Künstler in der typischen Haltung und Bewegung der gestischen Malerei. Der Zugriff und mehr noch Angriff auf die Leinwand, die so zur Projektionsfläche mentaler, psychischer und körperlicher Energien wird, erinnert noch ganz an die heftigen Séancen in Jackson Pollocks Studio.

Nicht zwingende Ringe

Nur dass sich die Aktion bei Jasper Johns von Anfang an viel kammermusikalischer ausnimmt. Auch die Bildformate sind anders, kleiner, europäischer, als misstraute der Maler dem Unermesslichkeits-Pathos, wie es das „Action Painting“ kultiviert hat.

Nie verlieren sich seine Bilder in der Grenzenlosigkeit einer All-over-Struktur. Das ist ein bedeutsamer Unterschied. Das Bild wird wieder zum gestaltbaren Objekt, zur überschaubaren Fläche, ist nicht mehr nur sichtbares Zentrum unsichtbarer Kräfte. Und die Bildfiguren fügen sich ins Bildrechteck oder füllen es bis an die Rahmenkanten. Zwar könnte man sich zu den blauen und gelben Ringen der „Zielscheiben“ noch weitere blaue und gelbe Ringe denken, man könnte sie sich als konzentrische Ausdehnung vorstellen - wie Wasserwellen, die sich noch ausbreiten, wenn man sie längst nicht mehr sieht. Aber die Vorstellung ist keineswegs zwingend. Die blauen und gelben Ringe kreisen im rötlichen Farbfond, wie die Zielscheibe an der Wand hängt. Der Blick fokussiert auf den begrenzten Bildgegenstand im begrenzten Bildraum, imaginiert gerade nicht jene Unendlichkeit, auf die es die offenen, informellen Bilder abgesehen haben.

Abgedichtete Bilderwerkstatt

Man hat die „Zielscheibe“, dieses älteste „Motiv“ im Werk von Jasper Johns, nach allen Regeln der Bildwissenschaften untersucht. Und es hat nicht ausbleiben können, dass sie darüber zum entscheidenden Indiz für die Wiederverankerung der Malerei in der „materiellen Gebrauchswelt“ wurde. Verfolgt man freilich den langen, umständlichen Weg der „Zielscheibe“ von Bild zu Bild, dann entdeckt man mehr noch ihre ungeklärte Zustandsform zwischen Abbildung und Gegenstand. „Motiv“ ist die Zielscheibe allenfalls im Sinn von malerischer Begründung, malerischem Antrieb. Mit einem Bekenntnis zum Konsum-Alltag haben diese Bilder an der Schwelle von den fünfziger zu den sechziger Jahren noch wenig zu tun, und weit scheinen sie entfernt von den Entlehnungen bei der Subkultur, mit denen sich die Pop-Art in Szene setzte.

Die Dollarnoten, die zur selben Zeit Roy Lichtenstein abgemalt hat, die Comics, die er als Vorlagen zu wählen begann, haben das entrückte Medium Malerei ganz ausdrücklich zum Unterhaltungsprogramm umrüsten wollen. Nicht so Jasper Johns. Bei ihm sind die Atelierfenster in Edisto Beach in South Carolina noch hermetisch geschlossen, und es dringt wenig Straßenlärm und Stadtdesign und Modern Life in die abgedichtete Bilderwerkstatt.

Der Zauber des Bildes

Was diesen nachdenklichen Entwurf des Werks so spannend macht, ist in Wahrheit nicht die Rückkehr des Gegenstands ins Bild, sondern die Rückkehr des Bildes in die diesseitige, sinnlich erfahrbare Welt. Für mehr sollte man all die „Motive“ nicht haftbar machen, die Zielscheiben und Buchstaben, die Farbbegriffe und Abdrucke der rot, gelb, blau bemalten Hand, die verschiedenen Applikationen, die der Maler im Weichgrund der Farbe montiert: Holzleisten, Lineale, Senkblei, Besen, Pinsel, Tasse, Neonschrift.

Genau besehen, bilden die alltäglichen Dinge das Skelett oder Gerüst der malerischen Aktion. Jedenfalls sind es keine Bildzeichen, mit denen sich die muntere, freche Geschichte des unheiligen Alltags erzählen ließe. Wenn man ihnen überhaupt so etwas wie Zeichencharakter geben will, dann haben sie alle mit dem Malen selber zu tun, mit dem Auftragen und Verwischen der Farbe, mit der Gemachtheit des Bildes - mit dem Zauber des Bildes, der noch wunderbar intakt bleibt, auch wenn das Bild seinen schönen Schein längst verraten hat und auf die außerirdische Handlungsanleitung gut verzichten kann.

Bis 23. September. Der Katalog ist im Prestel Verlag erschienen und kostet im Museum 60 Franken.

Quelle: F.A.Z., 12.07.2007, Nr. 159 / Seite 33
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