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Japanische Architektur : Nach den weißen Kisten dunkles Holz

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Ein umgedrehter Götterberg: Shigeru Bans Mt. Fuji World Heritage Centre in Shizuoka, eröffnet 2017 Bild: Hirai Hiroyuki

Das Mori Art Museum in Tokio zeigt Geschichte und Zukunft japanischer Architektur. Das Ziel: eine Positionsbestimmung im allgemeinen Unbehagen angesichts der schleppenden Architekturproduktion in Japan.

          In Japans Architekturszene ist es Zeit für eine ernsthafte Positionsbestimmung: Während vergangene Jahrzehnte einen architektonischen Star nach dem anderen in Japan hervorgebracht und der Insel-Nation die höchste Dichte an Pritzker-Preisträgern beschert haben, befindet sich die Baukunst derzeit an einer Weggabelung: Die Dekade der immer dünneren, immer weißeren, ultra-ephemeren Architektur (à la Kazuyo Sejima) ist definitiv vorbei – und bei dem neuen Trend zu einer wärmeren, brauneren Holzarchitektur (à la Kengo Kuma) steht der Beweis noch aus, dass dieser Entwurfsansatz dauerhafte, große Gebäude schaffen kann. Es gibt ein allgemeines Unbehagen angesichts der gegenwärtig schleppenden Architekturproduktion in Japan. So entschied das Mori Art Museum in Tokio, die wohl einflussreichste private Kunstinstitution in Japan, dass es höchste Zeit für eine große Schau sei, und stellte eine riesige Ausstellung zusammen. Sie will anhand von mehr als vierhundert Modellen kurzerhand alles erklären, was das heutige Japan ausmacht. Diese Ambition ist mutig: Japanische moderne Architektur wurde in dieser Tiefe und Größe noch nie gezeigt.

          Die Ausstellung holt sehr weit aus und hat gleich einmal die japanische Architektur seit der Meiji-Restauration von 1868, also seit 150 Jahren, zum Sujet. Damals wurde der Beruf des Architekten in Japan eingeführt. Minutiös wird nachgezeichnet, wie die große Holzbautradition erst Bränden und dem Kanto-Erdbeben von 1923 zum Opfer fiel, dann der Modernisierung und Verwestlichung. Der Titel der Ausstellung „Japan in der Architektur: Genealogien der Transformationen“ ist ebenso ungelenk wie unpräzise, erklärt sich aber als Anlehnung an den Titel von Arata Isozakis bahnbrechendem Buch „Japan-ness in Architecture“.

          Kopf der Ausstellung ist der Architekt und Bauhistoriker Terunobu Fujimori, der in den vergangenen Jahren eine herausragende Rolle in der japanischen Architekturvermittlung und -theorie eingenommen hat und eine radikale Wende in der Baukunst befürwortet, weg von einer rationalen, „kalten“ Architektur und hin – oder zurück? – zu einer romantischen, mysteriösen, „einheimischen“ Architektur. Fujimori war sich nicht zu fein, einen seiner eigenen Entwürfe in die epochale Schau zu integrieren. Sein Ansatz birgt jedoch die Gefahr, die Vergangenheit zu romantisieren und mit Holz ein Baumaterial zu fördern, das in Japan aufgrund strenger Naturschutzvorschriften kaum erhältlich ist. Fast drei Viertel des gebirgigen Terrains Japans sind zwar bewaldet, aber nur sehr wenig Holz wird geschlagen. Außerdem verbieten die Baugesetze die Verwendung von Holz als tragendem Baumaterial ab dem zweiten Stock.

          Achtlos dem Erdboden gleichgemacht

          Die Ausstellung besteht aus neun Abschnitten, die die komplette Geschichte der modernen japanischen Architektur nachzeichnen und dabei die „Elemente ihrer Genealogie“ erforschen, die von der Moderne untergraben wurden, aber noch „unter ihr verborgen“ sind.

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          Die Tokioter Ausstellung bietet drei kuratorische Höhepunkte: eine originalgetreue Nachbildung des „Tai-an“, das berühmte Cha-chitsu (Teehaus) von Sen no Rikyu, dem prägenden Teemeister aus dem sechzehnten Jahrhundert. Sein Teeraum, nur zwei Tatami-Matten groß, ist das Paradebeispiel für die mittlerweile weltberühmte „Wabi“-Ästhetik. Vom winzigen Innenraum aus können die Besucher der Ausstellung die endlose Skyline des modernen Tokio betrachten; eine herrliche Ironie. Ein weiteres spektakuläres Exponat ist das raumgroße Holzmodell im Maßstab 1 zu 3 von Kenzo Tanges Privathaus aus dem Jahr 1953. Ein phantastisches Modell eines nicht minder epochalen Hauses. Es ist jedoch nicht das einzige in der Ausstellung vorgestellte Meisterwerk, das in der Zwischenzeit abgerissen wurde: Frank Lloyd Wrights „Imperial Hotel“, aber auch einige der besten Werke von Taniguchi, Kurokawa, Ashihara und sogar Tange wurden zwischenzeitlich achtlos dem Erdboden gleichgemacht.

          Mit einem einzigen Besuch kaum zu erfassen

          Der dritte Höhepunkt der Ausstellung ist die „Power of Scale“-Installation von Saito Seiichi vom Büro „Rhizomatics Architecture“, die mittels ausgefeilter Laser-Technologie und geschickter Video-Projektionen unterschiedliche Interieurs berühmter japanischer Gebäude maßstabsgetreu abbildet und zueinander in Beziehung setzt.

          Die unterschiedlichen Sektionen der Mega-Ausstellung beschäftigen sich mit Themen wie „Koexistenz mit der Natur“ (als Fluch und Segen), dem Handwerk oder der Tradition der Nur-Dach-Häuser. Im Abschnitt über „transzendente Ästhetik“ wird das Suzuki-Museum von Yoshiro Taniguchi als Veranschaulichung der urjapanischen Architektur-Begriffe „mono no aware“ (Achtsamkeit für Ephemera) und „mujo“ (Vergänglichkeit) verwendet. Das Kapitel über „verbundene Räume“ erklärt, wie japanische Architektur traditionell ohne das Konzept einer „Wand“ gedieh und stattdessen mit beweglichen Schirmen die Grenzen zwischen innen und außen effektvoll verwischte.

          Die Ausstellung ist eine faszinierende Zeitreise durch Japans Architekturgeschichte von der Vergangenheit zur Gegenwart und von Ost nach West. Die Ausstellungsgestaltung nutzt dabei geschickt die hohen Räume des Mori Art Centers, das sich 53 Stockwerke über den Bürgersteigen der größten Stadt der Welt im Roppongi-Hills-Tower befindet: Die oberen Teile der 5,5 Meter hohen Museumswände enthalten Zitate und Titel, während die mittleren und unteren Streifen auf Details eingehen. Dies erlaubt es Besuchern, durch die Hallen zu schauen und an den Punkten innezuhalten, die sie am meisten interessieren, entsprechend ihrem „Niveau der Architekturkompetenz“, wie Fujimori es nennt. Besucher, die ihre Eintrittskarte aufbewahren, erhalten einen Rabatt, wenn sie die Ausstellung ein zweites (oder drittes) Mal besuchen – eine passende Lösung für diese enzyklopädische Schau der japanischen Architektur, die mit einem einzigen Besuch kaum zu erfassen ist.

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