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Veröffentlicht: 06.05.2013, 09:29 Uhr

James Turrell zum 70. Die Kunst, mit Licht zu bauen

Räumlichkeit ohne Perspektive: In Arizona verwandelt James Turrell einen Vulkan in ein gigantisches Kunstwerk. Heute wird der Künstler siebzig Jahre alt.

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Im Nordosten der kleinen Stadt Flagstaff in Arizona, nicht weit vom Reservat der Navajo-Indianer entfernt, liegt eine Weggabelung, an der nur ein paar ramponierte Briefkästen von Besiedlung zeugen. Ansonsten ist es gespenstisch still dort, und fast nichts lässt ahnen, dass am Ende der Piste, mitten in der Wüste, in der staubigen Leere, eines der monumentalsten Kunstwerke der Gegenwart entstanden ist. Im Jahr 1974 war der Künstler James Turrell hier mit seinem Sportflugzeug über den Krater eines erloschenen Vulkans geflogen und hatte wenig später diesen Krater sowie vierhundert Quadratkilometer Weideland gekauft. Seitdem arbeitet er hier, beraten von einem Astronomie-Experten und dem New Yorker Architekturbüro SOM, daran, den porösen Berg in ein Himmels- und Lichtobservatorium zu verwandeln.

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„Roden Crater“, wie die Anlage getauft wurde, ist mittlerweile zu einem System von Katakomben, Stollen, Tunneln und unterirdischen Hallen von pharaonischen Ausmaßen angewachsen, die sich zum Himmel öffnen und an die archaische Weihestätte eines Kults erinnern, dessen Sinn und Rituale verschollen sind. Das Sonnenlicht bricht mit einer fast physischen Gewalt ins Dunkel, abends leuchtet der aufziehende Nachthimmel über der Wüste als ein tiefblaues Bild herein, nachts wird das funkelnde Sprenkeln der Sterne gerahmt. Metaphysisch ergriffene Interpreten hatten nach den ersten Besuchen der Dauerbaustelle von einem modernen Tempel für die Zeit nach dem Tod aller Götter gesprochen, und tatsächlich denkt man an Tempelanlagen, heilige Berge und andere Kultstätten, nur dass das, was hier verehrt wird und epiphanisch erscheinen soll, keine Gottheit, sondern das Licht selbst ist. Was Turrell baut, ist so gesehen eher ein Tempel der Präsenz als ein Ort für Metaphysik.

James Turrell stammt aus einer religiösen Familie. Er wuchs in Los Angeles als Sohn von Quäkern auf; zu Hause gab es kein Auto, keinen Strom, kein elektrisches Licht. Dem Sohn war dieses Leben zu frugal, er machte bereits mit sechzehn einen Flugschein, verweigerte den Kriegsdienst, kam deswegen ins Gefängnis, studierte Psychologie und Mathematik und wurde 1966 mit seinen „Lichträumen“ bekannt: Räumen, die so ausgeleuchtet werden, dass der Eindruck entsteht, in einem milchigen, glühenden Nebel zu stehen, in einem Raum, dessen Grenzen verschwimmen: Man weiß erst nicht, ob das, was man dort sieht, ein aus sich heraus glühendes Bild ist oder ob man die Hand hineinstecken kann.

Dann, nach Minuten tastenden Schauens, tut man es, und es geht; manchmal kann man hineintreten, jedenfalls ein Stück weit, und greift tastend vor sich, weil alle Orientierungspunkte, Raumkanten, Perspektivlinien durch das Licht überstrahlt, ausgeblendet sind. Es sind Wahrnehmungssteigerungen, um die es James Turrell in diesem diffusen Räumen geht, um die Aktivierung eines Licht-Sinns, die zahlreichen metaphysisch veranlagten Interpreten haben seine Räume als neue Mystik des reinen Raums und des reinen Lichts gefeiert.

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Aber natürlich ist auch diese Kunst nicht ohne ihr historisches Umfeld zu erklären: Turrells Werke entstanden in einer Zeit, in der die klassische Skulptur aus dem Museum herauswanderte und als Land Art monumentale Ausmaße annahm. Gleichzeitig entstanden die wahrnehmungstheoretischen Experimente der Op-Art, die den studierten Psychologen Turrell interessierten, und ein wenig wirkt seine Kunst auch wie ein Reflex auf die Malerei von Mark Rothko: Auch dort entsteht, als malerische Illusion, der Eindruck von Räumlichkeit, ohne dass man sagen könnte, was sich im Vordergrund und was sich im Hintergrund befindet.

Bei Turrell ist es umgekehrt: Ein realer Raum erscheint als Bild. Man könnte auch von der Inversion eines potemkinschen Dorfs sprechen: Wo nur ein glühendes Bild zu sein scheint, ist ein realer Raum - der allerdings viel tiefer wirkt, potentiell endlos. Es entsteht eine Räumlichkeit ohne Perspektive, genauso wie in den Skyspaces, Räumen, in denen man auf Bänken sitzt und durch eine Öffnung in der Decke in den Himmel schaut, bis dessen ständige Lichtwechsel, Stimmungen, Farbveränderungen erst wie ein Bild und dann, je länger man sie anstarrt, wie ein physische, dreidimensionale Form wirken. Religiös oder nicht, setzt James Turrell eine Utopie der Gotik mit heutigen Mitteln fort: den Versuch, mit reinem Licht zu bauen. Am heutigen Montag feiert Turrell seinen siebzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.

 

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