23.10.2009 · Der amerikanische Künstler James Turrell hat im Kunstmuseum Wolfsburg seine bisher größte begehbare Installation aufgebaut: Statt wie in einem Museum fühlt man sich wie ein Pilot bei der Landung.
Von Julia VossEs mag sein, dass „James Turrell: The Wolfsburg Project“ die teuerste Einzelausstellung ist, die das niedersächsische Museum in seiner fünfzehnjährigen Geschichte auf die Beine gestellt hat. Aber selbst wenn das so wäre – die Höhe der Summe wurde in Wolfsburg nicht genannt –, dann ist es in Wirklichkeit gar keine Einzel-, sondern eine Gruppenausstellung. Das Museum hat James Turrell eingeladen, seine bisher größte begehbare Lichtinstallation in Wolfsburg zu bauen.
Und aus Arizona angereist kamen Turrell, der Künstler, Turrell, der Ingenieur, Turrell, der Landschaftsmaler, Turrell, der Architekt, Turrell, der Wahrnehmungspsychologe, und Turrell, der Philosoph. Hingestellt hat Turrell zwei elf Meter hohe, ineinandergeschobene Kisten. Der Boden hat eine Grundfläche von siebenhundert Quadratmetern, hinein führt eine steil abfallende Rampe – und was dann passiert, können wir gar nicht hier auf unserem zweidimensionalen Bild zeigen. Man kann es höchstens beschreiben.
Das „Ganzfeld Piece“
Man läuft also eine etwa dreißig Meter lange Rampe hinunter, glaubt, auf eine Wand zuzulaufen, was nicht stimmt, aber das weiß man erst später. Es gibt keine einzige sichtbare Quelle, aber trotzdem tritt aus den Wänden ein gleichmäßiges Licht aus, das seine Farbe wechselt, von Rot über Blau bis zu einem blasskalten Weiß. Dreißigtausend Leuchtdioden schimmern in diesem „Ganzfeld Piece“.
Jeder, der nun diesen Raum hineingeht, wird etwas anders reagieren. Dass jedoch etwas passiert, ist sicher: Sachte beginnt die Rampe unter den Füßen zu schwanken, die Hand greift nach dem Geländer, den Halt suchend, den das Auge nicht findet. Die Raumkanten, die Vertikalen und Horizontalen, hat das Licht verschluckt, sie sind in einer Art schummrigem Nebel verschwunden. Dazwischen glüht, pulsiert, glimmt das Licht, das wie ein Geruch in den Raum auszuströmen scheint.
Optische Verunsicherung
James Turrell, der selbst einen Pilotenschein hat, vergleicht diese Seherfahrung mit der eines Piloten, der versucht, in der Dämmerung bei Nebel zu fliegen. Alle, die keinen Pilotenschein haben, kennen das Gefühl vielleicht von Spaziergängen in der Dämmerung, wenn die anbrechende Nacht aus Bäumen, Blättern, Stämmen und Boden die Farben auswäscht, bis sie fast schwarzweiß werden und plötzlich die Abstände unsicher scheinen. Das Auge kann die Entfernung zum Boden nicht mehr bestimmen, der Fuß tastet ins Leere, bis man wieder Tritt fasst. Und es gibt Leute, denen wird davon schlecht.
Auch in Wolfsburg kann einem schwindlig werden: Wir sind gewohnt, uns an Horizonten zu orientieren, wo keiner ist, verlässt uns das Gleichgewicht. Doch es ist eine Art von Schwindel, die einen neugierig macht, neugierig, was der Körper als Nächstes anstellt.
Das Licht gehört dem Auge
Da verändert sich wieder das Licht: Es wird dunkler, es drückt von oben hinunter, legt sich schwer auf die Schultern. Die Physik, heißt es, sei sich nicht sicher, ob Licht aus Wellen oder Teilchen bestehe, ob es Energie oder Materie sei. In diesem Moment ist es Materie. Es hat die Schwere von etwas Stofflichem. „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten“, schrieb Heinrich von Kleist 1801 erschüttert an seine Verlobte Wilhelmine nach der Lektüre von Kant, „so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.“ Bei James Turrell gehört das Licht dem Auge und nicht den Dingen.
Damit Turrells Installationen funktionieren, braucht der Betrachter keine Kenntnis der Kunstgeschichte, und trotzdem ist er ihr Gedächtnis. Turrell, 1943 in Los Angeles geboren, studierte Mathematik, Psychologie, Kunst und Kunstgeschichte, und am Anfang handelte es sich wohl um Zufall, dass er damit Fähigkeiten zusammenführte, die Künstler vergangener Jahrhunderte besaßen. Um Geld zu verdienen, restaurierte er alte Flugzeuge, er flog Fracht mit Transportflugzeugen, bis heute ist sein Atelier ein Flugzeughangar.
Der Künstler als Ingenieur
Je weiter man in die Geschichte zurückblickt, desto weniger ungewöhnlich sind solche Verbindungen. Es waren Künstler, die riesige Feuerwerke veranstalteten, sie richteten Wasserspiele aus, bauten Hebebühnen, inszenierten Lichtspektakel, Labyrinthe, Grotten und bauten komplette Fantasiewelten wie etwa im sechzehnten Jahrhundert für den Fürst Vicino Orsini im Park von Bomarzo. Künstler waren Pyrotechniker, Ingenieure, Baumeister oder Gartenarchitekten. Sie bespielten Häuser, Parks, Gärten und Städte. Als die feudalen Auftraggeber wegbrachen und das Bürgertum zur Hauptkäuferschicht aufstieg, hatte man bald vergessen, wie vielseitig Künstler einmal waren. Zum Prototyp, zur Normalkunst, wurde danach das einzelne Bild, die einzelne Skulptur; zum Ausstellungsort par excellence das Museum in Form einer weißen, mit Titeln ausgeschilderten Box.
Turrell hat einen anderen Weg eingeschlagen, und auch wenn es zuerst komisch klingt: Das Kunstmuseum Wolfsburg ist dafür der ideale Ort. Unter den Museumsdirektoren in Deutschland ist Markus Brüderlin, der das Haus seit 2006 führt, derjenige, der sich am eingehendsten mit der Frage auseinandergesetzt hat, wie Kunst ausgestellt werden soll. Er schrieb das Nachwort zu Brian O’Dohertys Buch „In der weißen Zelle. Inside the White Cube“, das davon erzählt, wie es kam, dass unsere Museen sich in weiß gestrichene Kuben verwandelt haben. 2007 glänzte das Haus mit der Schau „Japan und der Westen“, die alle Ausstellungsstücke in einer Miniaturstadt aus farbigen Pavillons unterbrachte; 2008 folgte „Interior/Exterior: Wohnen in der Kunst“, die der Kunst das größtmögliche Kompliment machte, nämlich dass man mit ihr leben möchte. Außerdem hat das Wolfsburger Museum auch noch eines der weltweit erfolgreichsten Stellwandsysteme entwickelt, eine mobile Ausstellungsarchitektur, in der die Kunstgeschichte sich neue Richtungen bahnen kann.
Der Roden Crater
In Wolfsburg stellt Turrell noch zwei weitere Lichtinstallationen aus, „Spinther“ und „Aloka’s Thought“, daneben etwa zwei Dutzend Studien, Modelle und Luftaufnahmen seines weltberühmten Roden Crater. Wie ein großes Auge liegt der erloschene Vulkankrater in Arizonas Wüste bei Flagstaff. Von 1974 an hat Turrell unterirdische Räume, Stollen und Schächte in das einhundertfünfzig Meter hoch aufragende Gestein geklopft, gegraben und gesprengt, um ein gigantisches Licht-Observatorium zu schaffen. Im Moment sind die Arbeiten unterbrochen, es fehlen Sponsorengelder, die durch die Finanzkrise weggebrochen sind.
In Flagstaff lebt Turrell auf einer Farm. Dort, zwischen Tieren und Pflanzen, kann er jeden Tag beobachten, wie Lebewesen auf Licht reagieren. Pflanzen wenden sich nach der Sonne. Motten fliegen in die Kerze. Rehe oder auch Hunde bleiben auf der Straße stehen, wenn sie in den Lichtkegel eines Autoscheinwerfers geraten. Dass Sehen mehr ist, als Zentralperspektive wahrzunehmen, hat in der Gegenwart die lebendigsten Kunstwerke hervorgebracht – von der Malerei einer Bridget Riley bis zu den Lichtinstallationen eines Olafur Eliasson. Wer in diesen Tagen das Wolfsburger Museum betritt, verlässt es später mit einem geradezu feierlichen Gefühl.