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Jägers-Kunstfälschungen : Am Pranger stehen die Falschen

Es gibt noch mehr Fälschungen aus der angeblichen Sammlung Jägers als vermutet. Und die Rolle der Gutachter stellt sich anders dar, als manche Kritiker meinen.

          Der Kunstmarkt, dem doch sonst nichts Menschliches fremd ist, wie gerade eben die Auseinandersetzungen um 271 angebliche und bisher unbekannte Arbeiten von Picasso beweisen, die ein Elektriker vom Künstler selbst geschenkt bekommen haben will (siehe auch: Die Schätze des Monsieur Le Guennec ), ist in seinen Grundfesten dann wirklich erschütterbar, wenn er mit Fälschungen konfrontiert wird. Das beweist der Skandal um die sogenannte Sammlung Jägers, der Anfang September aufkam, als sich ein großes Bild, das im November 2006 als von Heinrich Campendonk gemalt beim Auktionshaus Lempertz in Köln zum Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro zugeschlagen wurde, im Nachhinein als dreistes Falsifikat erwies. Dieser Nachweis gelang durch chemische Analysen und die Aufdeckung historischer Ungereimtheiten bei den rückseitigen Klebezetteln (siehe auch: Das Titanweiß verrät den Fälscher ).

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Mehr als vierzig weitere Bilder vor allem von Künstlern des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, die sukzessive über Jahre mit zäher krimineller Energie in den internationalen Markt eingespeist wurden, gerieten in der Folge in den Sog dieses Skandals. Im Fall Jägers ermitteln seit Monaten das Berliner Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft in Köln. In Kölner Untersuchungshaft sitzen ebenso lange (die Namen sind inzwischen längst öffentlich bekannt) Wolfgang Beltracchi, der mutmaßliche Fälscher, und seine Frau Helene; deren mitverdächtige Schwester wurde inzwischen gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen.

          Experten und Auktionshäuser im Kreuzfeuer

          Ins Kreuzfeuer der allfälligen Kritik an den Usancen des Marktes kamen zwangsläufig auch jene Experten, die mit ihren Gutachten die Echtheit von Werken aus der vorgeblichen Sammlung Jägers - an deren Existenz übrigens offenbar die am Verkauf beteiligten Auktionshäuser Lempertz, Christie's und Sotheby's so wenig zweifelten wie mehrere gleichfalls involvierte Galerien in Frankreich und sonstwo - bescheinigten. Zu ihnen zählt auch Werner Spies, den Lesern dieser Zeitung seit Jahrzehnten als Kunstkritiker bekannt. Er hat Expertisen zu einigen Gemälden mit Jägers-Provenienz abgegeben, die er stilkritisch als Arbeiten von der Hand Max Ernsts einstufte.

          Das hohe Renommee, das Spies, der von 1997 bis 2000 Direktor des Centre Pompidou in Paris war, weltweit als Kunsthistoriker genießt, machte ihn in dieser Causa schnell zur willkommenen Zielscheibe mancher, die durchaus ein Interesse daran haben mögen, von ihrer eigenen Verantwortlichkeit in der unguten Affäre notdürftig abzulenken durch den Hinweis auf sein - zunächst doch mutmaßliches - Fehlurteil: Wenn selbst ein Mann wie Spies irrt ..., so der Tenor. Das nahm mitunter Züge vom notorischen Glashaus an, aus dem indes besser keiner mit Steinen wirft. Dabei war doch anstandshalber erst einmal abzuwarten, was die Analysen der Institute ergeben würden, die vom Berliner Landeskriminalamt damit beauftragt worden sind, die verdächtigen Gemälde wissenschaftlich zu untersuchen.

          Erste Untersuchungsergebnisse

          Nach Informationen dieser Zeitung liegen jetzt erste Ergebnisse vor: Tatsächlich besagen sie, dass von den etwa sechs Bildern, die Werner Spies im Laufe von vier, fünf Jahren aus angeblichen Jägers-Beständen als Werke von Max Ernst vorgelegt wurden, die beiden, die analysiert wurden, Fälschungen sind. Spies, mit dieser Gewissheit konfrontiert, äußerte sich gegenüber dieser Zeitung dazu: In vierzigjähriger Arbeit habe er das verstreute OEuvre seines Freundes Max Ernst in einem Werkverzeichnis zusammengetragen, das inzwischen acht Bände umfasst.

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