09.09.2005 · Einzug ins Pantheon der großen Briten: Der Künstler Stuart Pearson Wright hat die „Harry Potter“-Schöpferin J. K. Rowling für die Londoner National Portrait Gallery verewigt. Eine Bildbetrachtung.
Von Gina Thomas, London„Gadzooks!“ soll Prinz Philip geflucht haben, als er sah, wie Stuart Pearson Wright ihn darstellte. Eine Schmeißfliege sitzt auf der entblößten Schulter, Kresse sprießt aus dem erhobenen Zeigefinger, und der königliche Kopf am Ende des langgestreckten, greisenfaltigen Halses erwidert den Blick mit unwirscher Miene, wohl nicht zuletzt, weil ihm die Anspielungen auf seine Vergänglichkeit nicht behagten.
Joanne Kathleen Rowling hat auf ihr Porträt von derselben Hand mit größerem Wohlwollen reagiert. Keine Fotografie habe so viel von ihrem Wesen erfaßt wie dieses Bild, schwärmte die „Harry Potter“-Autorin jetzt in der Londoner National Portrait Gallery bei der Enthüllung des Gemäldes, das in unmittelbarer Nähe eines grübelnden Harold Pinter angebracht worden ist. Stuart Pearson Wright hat ein dreidimensionales Format gewählt und die Szene wie in einem Puppentheater mit Ausschneidefiguren aus mit Gips überzogenem Sperrholz und Karton komponiert. Dabei dienten ihm Spielzeugbühnen aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert ebenso als Vorbild wie die mit altem Krimskrams gefüllten Kästen des amerikanischen Bildhauers Joseph Cornell.
Barfuß am Beistelltisch
Stuart Pearson Wright ging es vor allem darum, die Doppelrolle als Mutter und Schriftstellerin anschaulich zu machen durch versteckte Hinweise auf J. K. Rowlings Biographie. In der Vitrine sitzt die Erfolgsautorin barfuß an einem Beistelltisch, auf dem nebst dem Frühstücksteller ein Schreibblock und ein Stift liegen. Der elektrische Heizapparat erinnert ebenso wie der kleine Tisch an die Zeit, da die alleinerziehende Mutter sich zur Arbeit an ihrem ersten Roman in einem Edinburgher Cafe einnistete, weil es dort warm war, anders als zu Hause, wo sie vieles aus Geldmangel entbehren mußte.
Auch die stachelige Aloe vera, eine Pflanze, die nur bei spärlicher Bewässerung gedeiht, spielt auf die harten Jahre vor dem großen Durchbruch an. Und der Lichtschalter auf der leeren Wand wirkt wie ein Sinnbild für die Eingebung. Der schräge Holzfußboden und der einem Magritte-Gemälde entliehene Himmel vor dem Fenster verstärken die surreale Atmosphäre des kargen Raums, in dem J. K. Rowling die Fantasy-Abenteuer ihres magischen Helden kreiert.
Durch das Spiel mit der räumlichen Erfaßbarkeit werden die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination verwischt, die Schriftstellerin entschlüpft dem häuslichen Rahmen in die von ihr erfundene Märchenwelt. Es gilt hier nicht den Erfolg zu feiern, der J. K. Rowling aus der Abhängigkeit vom Sozialstaat befreit und sie auf die Spitzenliste der reichsten Briten katapultiert hat. Vielmehr stellt Stuart Pearson Wright in seinem Porträt den kreativen Prozeß dar, zu dem sich die Autorin durchringt, trotz ihrer drei durch die Eier auf dem Teller symbolisierten Kinder. Auch das schlichte jungfräulich-weiße Kleid suggeriert, daß der Ruhm sie nicht korrumpiert hat. Bei alledem verwundert die Zustimmung kaum, die das Porträt bei seinem Sujet findet. Denn in diesem Auftragswerk für das Pantheon der britischen Berühmtheiten hat der dreißig Jahre alte Künstler die Legende der J. K. Rowling in bildhafte Form umgesetzt.
Die bescheidenen SchottInnen
Fionn Huber (fionn)
- 09.09.2005, 19:29 Uhr