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Ist er es wirklich? : Ein Bild von einem Shakespeare

Wie sah der größte Dramatiker aller Zeiten wirklich aus? In London will man wieder einmal ein Originalkonterfei des Barden entdeckt haben - und spekuliert jetzt über eine homoerotische Beziehung zwischen dem Dichter und seinem Mäzen.

          Im Laufe der Jahrhunderte ist für zahlreiche Porträts der aufgeregte Anspruch erhoben worden, es handle sich um ein wahrhaftiges Bildnis Shakespeares. Was lässt renommierte Fachleute wie Stanley Wells glauben, es sei jetzt das mit großer Wahrscheinlichkeit einzige zeitgenössische Konterfei des Dichters aus der Vergessenheit geholt worden? Für die Zuschreibung sprechen die Provenienz, die Datierung der Eichenholztafel und eine Reihe von zeitgleichen Kopien, die auf diese um 1610 datierte Vorlage zurückzuführen sind, die Shakespeare im Alter von sechsundvierzig Jahren darstellen soll.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das jetzt in London vorgestellte Bild hing seit drei Jahrhunderten in dem irischen Landsitz der Cobbes, die verwandt sind mit der Urenkelin von Shakespeares Mäzen, Henry Wriothesley, Graf von Southampton, dem unter anderem das Versepos „Lucretia“ gewidmet ist und den manche Forscher für jenen unbekannten jungen Mann halten, an den der Dichter einige seiner leidenschaftlichsten Sonette richtete. Aus dem Erbe der Urenkelin gelangte ein Bild in den Besitz der Cobbes, das als Konterfei des jugendlichen Grafs identifiziert ist, dessen androgyne Züge bis vor kurzem den Verdacht nährten, es sei ein Frauenporträt – und eben das vermeintliche Shakespeare-Porträt, das der Familie als Bildnis des elisabethanischen Seefahrers Sir Walter Raleigh galt.

          Gegen den Mythos des Landlümmels

          Vor drei Jahren jedoch besuchte Alec Cobbe, Verwalter des Familienerbes, von Haus aus Restaurator, die Ausstellung der National Portrait Gallery über die verschiedenen Darstellungen Shakespeares und entdeckte dort eine andere Fassung des Bildnisses in seiner Sammlung, nämlich das sogenannte Janssen-Porträt aus der Folger Shakespeare Library in Washington, das eine Zeitlang als der überzeugendste Kandidat für ein authentisches Konterfei galt.

          Cobbe kontaktierte noch vom Museum aus Stanley Wells, mit dem er bereits an einem Buch über das Southampton-Porträt arbeitete. Wells ließ sich durch Forschungen davon überzeugen, dass es sich mit „neunzigprozentiger Sicherheit“ um den großen Barden handelt. Es fehle nur noch ein Beleg aus den Unterlagen des Grafen, dass er dieses Gemälde in Auftrag gab. Wells argumentiert, dass die aufwendigen Borten der Kleidung den sozialen Aufstieg Shakespeares vom Handschuhmachersohn dokumentieren und den Mythos des „Landlümmels aus dem Drecknest Stratford“ (Alfred Kerr) widerlegen. Besonders reizvoll erscheint ihm die Aufschrift „Principum amicitias!“ aus einer Ode des Horaz, die den römischen Dichter und Geschichtsschreiber Gaius Asinius Pollio warnt, sich bei der Darstellung politischer Intrigen seiner Zeit ja vorzusehen – eine Ermahnung, die auch auf Shakespeare gemünzt sein könne, zumal der katholische Graf von Southampton wegen seiner Verwicklung in den geplanten Umsturz der Protestantin Elisabeth I. im Tower einsaß.

          Technische und kunsthistorische Untersuchungen deuten darauf, dass das Janssen-Porträt und weitere Darstellungen Kopien des Gemäldes der Cobbe-Sammlung sind. Die detektivischen Forschungen werden freilich kompliziert durch Übermalungen, die wiederum zeigen, wie stark auch hier der Wunsch Vater des Gedanken ist. Die rege Phantasie der Shakespeare-Forschung wird weiter beflügelt durch die Vorstellung, dass die gemeinsame Herkunft der Bildnisse Shakespeares und Southamptons Mutmaßungen über eine homoerotische Beziehung zwischen Dichter und Mäzen bestätigen könnte. Darüber spekuliert die Ausstellung, „Shakespeare Found“, des Shakespeare Birthplace Trust in seiner Geburtsstadt Stratford, in der die beiden Gemälde vom 23. April bis 6. September zu sehen sind.

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