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© Andreas Pein

Kunst ist da, um zu beunruhigen

Von ROSE-MARIA GROPP

16.05.2017 · In Berlin läuft gerade eine Ausstellung mit Fotos, auf denen Isabelle Huppert Gefühle zeigt. Ein Gespräch mit der Schauspielerin über Fotografie und Film, das Spiel mit Identitäten und die Bedeutung von Amoralität.

Madame Huppert, ist es für Sie ein großer Unterschied, ob Sie von einer Filmkamera aufgenommen oder von der Kamera eines Künstlers fotografiert werden?

Ja, das lässt sich nicht miteinander vergleichen. Zuerst einmal ist bei einem Foto der Zeitaufwand nicht derselbe wie für einen Film. Du machst das an einem Tag und meistens einer weiteren Sitzung, es kostet dich ein paar Stunden. Für einen Film schaut dir jemand immer noch zu, beobachtet dich – mag dich.

Wie kommen Sie den Künstlern, mit denen Sie arbeiten, nah?

Beim Filmemachen gibt es mit den Regisseuren, mit denen ich arbeite, eine Art stillschweigender Sprache, die sich über die Kamera herstellt. Aber auf ähnliche Weise tauschst du auch Dinge über die Kamera aus für eine Fotografie. Deshalb mag ich das meistens. Es ist eine Sprache, es ist Kommunikation.

© Roni Horn / Michael Fuchs Galerie Fünfzig Mal Huppert: Portrait of an Image (with Isabelle Huppert)

Was ist schwieriger für Sie? Für einen Film vor der Kamera zu stehen oder für einen Künstler?

Das ist keine Frage von schwierig oder nicht schwierig. Normalerweise ist ja Arbeit nicht schwierig. Es hängt davon ab, mit wem du sie machst. Entsprechend ist es immer schwierig, mit unsensiblen Leuten zu arbeiten. Oder solchen, die versuchen, dich nach ihrer Vorstellung zu formen und nicht so, wie du fühlst, dass es sein sollte. Dann wird es schwierig. Ich habe das Glück, dass die meisten Leute, mit denen ich arbeite, diese Sensibilität haben, ob Fotografen oder Regisseure. Sie haben das Talent, jemandes Persona zu erfassen, jemandes Empfindsamkeit. Dann ist es leicht.

Haben Sie jemals die Zusammenarbeit mit einem Regisseur oder mit einem Künstler abgebrochen?

Nein! Das wäre ja eine schreckliche Erfahrung. Natürlich könnte das passieren, wenn die Bedingungen nicht stimmen. Eine Rolle ist eine sehr komplizierte Sache, es ist die Beziehung zwischen den Leuten, mit denen du sie gestaltest. Sollte das nicht funktionieren, ist es nicht nur schwierig – es ist schlicht nicht machbar.

© Marco Brambilla / Michael Fuchs Galerie Monologue, Isabelle Huppert, 2017

Wie werden Sie von den richtigen Regisseuren oder Künstlern gefunden? Oder suchen Sie sich diese aus?

Wir wählen uns einander aus. Nein, nicht ich wähle, so funktioniert das nicht. Und auch niemand hat die Macht, zu sagen: Ich möchte Sie haben! Es geht vielmehr um Anziehungskraft. Nicht um fatale Anziehung (sie lacht) –, sondern um gegenseitige Anziehung.

Das „Rollenspiel“ mit Roni Horn muss interessant gewesen sein. Ich habe mich gefragt, wie viele Identitäten Sie denn Ihrer Meinung nach haben?

Ich vermute, ich habe so viele Identitäten wie Rollen, die ich gespielt habe. Deshalb war Roni Horns Wunsch ziemlich interessant. Anstatt zu mir zu sagen: Lächle oder sei mehr oder weniger traurig oder zerbrechlich oder hart oder was auch immer, wollte sie den Ausdruck aus den unterschiedlichen Rollen in meinem Gesicht. Das war eine wirklich gute Idee.

Oda Jaune / Galerie Michael Fuchs Ohne Titel, 2017

Noch mal zurück zur Kunst: Vor drei oder vier Jahren haben Sie für den Galeristen Thaddaeus Ropac in Salzburg eine Schau kuratiert...

...oh, Robert Mapplethorpe.

Was hat Sie an Mapplethorpe fasziniert?

Nun, da war zunächst keine Anziehung. Ich meine, ich bin keine Kennerin seines Werks, ich kannte Mapplethorpe, wie jeder eben: nackte Körper oder Blumen und so. Als mich Thaddaeus Ropac fragte, gab er mir das komplette Werk von Mapplethorpe zur Betrachtung. Und so kam es, dass ich auch Fotos von ihm auswählte, die wahrscheinlich wenig bekannt sind. Er hat zum Beispiel ein paar Kinder fotografiert, einige Landschaften, in denen wir keinen Himmel erkennen können. Die Landschaften sind wie Stillleben, nicht lebendig. Das fand ich interessant, und ich habe in gewisser Weise eine völlig unschuldige Auswahl getroffen.

Es war ein großer Erfolg...

...ja, das war es!

Auf Youtube habe ich gesehen, wie Sie die Preise für Ihren aktuellen Film „Elle“ in Empfang nehmen, den Gotham Award und den Golden Globe. Tatsächlich haben Ihnen die Amerikaner diese Preise gegeben...

...es ist ein Wunder!

  • Christian Jankowski / Galerie Michael Fuchs Isabelle Huppert – Klaus Kinski, 2017, aus der Serie: „Me in the Eyes of another Actor drawing“
  • Christian Jankowski / Galerie Michael Fuchs Isabelle Huppert – John Travolta, 2017, aus der Serie: „Me in the Eyes of another Actor drawing“
  • Christian Jankowski / Galerie Michael Fuchs Isabelle Huppert – Sophia Loren, 2017, aus der Serie: „Me in the Eyes of another Actor drawing“

In Ihrem Dank für den Gotham Award erwähnen Sie „amorality“ – daran lässt sich ja auch bei Mapplethorpe denken – als etwas, das Ihnen wichtig ist.

Ich habe gesagt, dass ich das an Paul Verhoeven, dem Regisseur von „Elle“, mag. Denn er ist niemals „politically correct“... Was ich damit meine: Kunst ist überhaupt nicht dafür da, um in der allgemeinen Spur zu sein, sondern eben, um den Schritt daneben zu machen, sogar, um zu beunruhigen.

Kann es sein, dass Sie die Zusammenarbeit mit künstlerischen Menschen bevorzugen, die auch politische Wirkungskraft haben, die ästhetische Angelegenheiten als gesellschaftliche Affären betrachten?

Ja, weil es da ein gesellschaftliches Interesse für die Art und Weise gibt, wie man die Leute zu einer Reaktion bringen kann. Sie bringen dich zum Nachdenken, sie stellen Fragen. Das führt nicht notwendigerweise zu Antworten. Aber sie stellen die Fragen.

Sie sind wirklich furchtlos, in Ihren Filmen. Und auch, zum Beispiel, in der Fotoarbeit mit Roni Horn...

...aber ich empfinde mich nicht als furchtlos. Ich habe vor allen möglichen Dingen Angst (sie lacht). Ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall, ich suche nicht die Gefahr, ich suche die Annehmlichkeit. Es ist für mich angenehmer, so zu handeln. Weil du da etwas offenbarst, es ist eine Art Ehrlichkeit. Ich fühle mich dabei besser, als wenn ich nicht ich selbst wäre, wenn ich weit entfernt von mir selbst wäre.

© Andreas Pein Isabelle Huppert am 28.04.2017 in der Galerie Michael Fuchs in Berlin-Mitte

Sammeln Sie Kunst?

Das tue ich nicht, nein. Vielleicht sollte ich es tun.

Warum denken Sie, dass Sie Kunst sammeln sollten?

Nun, es ist schön, Kunst zu sammeln. Die großen Sammler haben immer diesen Vorsprung. Wie erkennt man etwas, vor allen anderen? Ich wäre völlig unfähig, das zu tun. Selbst wenn da eine Menge Geld im Spiel ist, denke ich doch, dass die richtig großen Sammler diesen Sinn dafür haben, den Geschmack vorauszusehen.

© Andreas Pein Isabelle Huppert am 28.04.2017 in der Galerie Michael Fuchs in Berlin-Mitte

Anlässlich der Ausstellung „Behind the Screen. An Art Tribute to Isabelle Huppert“ in der Galerie Michael Fuchs (bis 30.Juni), war Isabelle Huppert in Berlin. Das Zentrum der Schau ist eine hundertteilige Fotoarbeit der Künstlerin Roni Horn. Sie forderte Huppert auf, mit ungeschminktem Gesicht die Gefühle ihrer großen Rollen nachzuempfinden.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 16.05.2017 14:22 Uhr