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Syrische Ruinenstadt Palmyra : Ein Tempel der Toleranz verschwindet

Systematisch zerstört der „Islamische Staat“ Kulturdenkmäler in Palmyra. Die Sprengung des Baal-Schamin-Tempels zielt auf das, was den Fundamentalisten am meisten verhasst ist: die Versöhnung der Religionen. Warum sieht die Weltöffentlichkeit zu?

          Der „Islamische Staat“ hat einen Tempel gesprengt. Das ist die Kurzfassung der Nachricht aus der syrischen Oasenstadt Palmyra. Die Langfassung muss mit der Einsicht beginnen, dass der IS auf seinem Kreuzzug gegen das kulturelle Gedächtnis der Menschheit einen weiteren Sieg errungen hat. Es hat keinen Sinn, sich einzureden, dass der Tempel ja nur eine von vielen antiken Ruinenstätten und so vieles, Kostbares, für Fanatiker Unerreichbares noch unversehrt erhalten ist. Mit der Sprengung des Baal-Schamin-Tempels in Palmyra ist ein Baustein aus der historischen Überlieferung herausgebrochen worden, der genauso wichtig war wie die vor zwölf Jahren von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan. Und wie in Bamiyan ging es dabei um ein Kunstwerk, in dem sich das verkörperte, was den Islamisten am meisten verhasst ist: die Versöhnung der Religionen im Zeichen der Zivilisation.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Tempel des Baal-Schamin war der kleinere Bruder des großen Baaltempels, der der zentralen Gottheit des vorchristlichen Nahen Ostens geweiht war und jahrhundertelang Pilgerscharen nach Palmyra zog. Baal-Schamin, der „Herr des Himmels“, war dagegen eine regionale Gottheit, er wurde in den phönizischen Küstenstädten der Levante verehrt. Als der Tempel im zweiten Jahrhundert nach Christus entstand, womöglich aus Anlass des Besuchs des römischen Kaisers Hadrian, dessen Orient-Reise in Kleinasien und Syrien eine wahre Bauwelle auslöste, vielleicht aber auch erst um das Jahr 150, gab es schon lange Zeit intensive Handelsbeziehungen zwischen den Häfen am Mittelmeer und der Oasenstadt Palmyra, in der die Routen nach Persien und auf die arabische Halbinsel zusammenliefen.

          Eine große Menge Sprengstoff

          Der Tempel, der ein älteres Heiligtum ersetzte, gab diesem Austausch ein Gesicht. Er diente den phönizischen Kaufleuten als Kultstätte und der Stadt als Ausweis ihrer religiösen und kulturellen Toleranz. Wie es sich für eine orientalische Metropole unter formaler Oberherrschaft des Imperiums gehörte, folgte seine Bauweise zugleich römischen und einheimischen Vorbildern. Die fast quadratische, durch Pilaster gegliederte Cella, der hellenistisch gerundete Altar und die Vorhalle mit ihren sechs korinthischen Säulen sprechen die Formensprache der Römer, während der weiträumige Hof mit seinen Säulenreihen an nahöstliche Tempelbauten angelehnt ist. Auf den Statuenbasen vor dem Eingang könnten die Standbilder reicher Stifter gestanden haben, drinnen wurden neben dem Himmelsherrn wohl auch der Mondgott Aglibol und der Sonnengott Jarchibol verehrt.

          Als die Stadt, die nach der Zerstörung durch Aurelian von seinem Nachfolger Diokletian als Militärlager neu gegründet worden war, im vierten Jahrhundert christlich wurde, verwandelte sich der Baal-Schamin-Tempel in eine Kirche. Die islamische Eroberung im siebten Jahrhundert ließ Palmyras Rang als Handelsstation unangetastet. Die Wege nach Westen waren jetzt durch die byzantinisch-arabischen Glaubenskriege versperrt, doch die alten östlichen Routen blieben bestehen. Erst nach der Verwüstung durch die Mongolen Timur Lenks im Jahr 1400 zog sich das Leben aus dem Ort zurück.

          Genozid der kulturellen Erinnerung

          Eine große Menge Sprengstoff, heißt es, hätten die Islamisten zur Einebnung des Baal-Schamin-Tempels eingesetzt. Es ging ihnen also nicht um die Geste. Es ging ihnen um Gründlichkeit. Der Tempel der Toleranz sollte verschwinden, restlos und für immer, so wie die Denkmäler der antiken Pilgerstadt Hatra verschwunden sind, die Artefakte aus dem Museum in Mossul, die Mauern des assyrischen Ninive. Vergangene Woche bereits hat der IS den ehemaligen Leiter der archäologischen Stätten von Palmyra, Khaled Asaad, öffentlich enthauptet und seinen Leichnam zerstückelt. Folgt man dieser Logik der Eskalation, dann wäre als Nächstes der Baaltempel selbst an der Reihe, das größte erhaltene Monument Palmyras und einer der Leuchttürme der griechisch-römischen Antike. Kein Aufschrei der kulturellen Eliten des Westens könnte diese Schandtat verhindern, im Gegenteil: Der Protest würde die Vernichtungsgier der Fanatiker noch beflügeln.

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          Das Assad-Regime in Damaskus, in dessen ideologischem Repertoire die glanzvolle Geschichte Palmyras eine Art historisches Kronjuwel war, hat seine Truppen aus der Wüstenregion zurückgezogen, von ihm ist keine Gegenoffensive zu erwarten. Aber auch die westlichen Regierungen, die geschwächten arabischen Staaten und die aufgepumpte Mittelmacht Russland werden der Zerstörung stillschweigend zusehen. Wenn schon das Leid von Millionen Bürgerkriegsopfern keine Intervention erzwingt, wie sollten es die geschändeten Kulturstätten tun? Freilich werden die Flüchtlinge aus Syrien, wenn sie einmal zurückkehren, wenig von dem vorfinden, worauf sich einmal ihre Identität gründete. Der Genozid der kulturellen Erinnerung macht die Vertreibung erst unumkehrbar.

          Religiöser Fundamentalismus unterscheidet sich vom ideologischen Wahn dadurch, dass es mit ihm keine Verhandlungsbasis gibt. Der Islamist möchte die Welt, wie wir sie kennen, nicht verändern, sondern auslöschen. Herkunft, Geschichte, Tradition sollen getilgt sein, damit allein die Offenbarung herrsche. Deshalb ist es eine Illusion zu glauben, der IS würde irgendwann, etwa aus besserer Einsicht in die Vermarktbarkeit seiner Beutegüter, von selbst seinen Vernichtungsfeldzug einstellen. Man kann ihn nur stoppen. Mit allen Mitteln. Der Krieg um die Kultur ist kein Menetekel von morgen, er hat längst begonnen.

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