http://www.faz.net/-gqz-872fd

Syrische Ruinenstadt Palmyra : Ein Tempel der Toleranz verschwindet

Systematisch zerstört der „Islamische Staat“ Kulturdenkmäler in Palmyra. Die Sprengung des Baal-Schamin-Tempels zielt auf das, was den Fundamentalisten am meisten verhasst ist: die Versöhnung der Religionen. Warum sieht die Weltöffentlichkeit zu?

          Der „Islamische Staat“ hat einen Tempel gesprengt. Das ist die Kurzfassung der Nachricht aus der syrischen Oasenstadt Palmyra. Die Langfassung muss mit der Einsicht beginnen, dass der IS auf seinem Kreuzzug gegen das kulturelle Gedächtnis der Menschheit einen weiteren Sieg errungen hat. Es hat keinen Sinn, sich einzureden, dass der Tempel ja nur eine von vielen antiken Ruinenstätten und so vieles, Kostbares, für Fanatiker Unerreichbares noch unversehrt erhalten ist. Mit der Sprengung des Baal-Schamin-Tempels in Palmyra ist ein Baustein aus der historischen Überlieferung herausgebrochen worden, der genauso wichtig war wie die vor zwölf Jahren von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan. Und wie in Bamiyan ging es dabei um ein Kunstwerk, in dem sich das verkörperte, was den Islamisten am meisten verhasst ist: die Versöhnung der Religionen im Zeichen der Zivilisation.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Tempel des Baal-Schamin war der kleinere Bruder des großen Baaltempels, der der zentralen Gottheit des vorchristlichen Nahen Ostens geweiht war und jahrhundertelang Pilgerscharen nach Palmyra zog. Baal-Schamin, der „Herr des Himmels“, war dagegen eine regionale Gottheit, er wurde in den phönizischen Küstenstädten der Levante verehrt. Als der Tempel im zweiten Jahrhundert nach Christus entstand, womöglich aus Anlass des Besuchs des römischen Kaisers Hadrian, dessen Orient-Reise in Kleinasien und Syrien eine wahre Bauwelle auslöste, vielleicht aber auch erst um das Jahr 150, gab es schon lange Zeit intensive Handelsbeziehungen zwischen den Häfen am Mittelmeer und der Oasenstadt Palmyra, in der die Routen nach Persien und auf die arabische Halbinsel zusammenliefen.

          Eine große Menge Sprengstoff

          Der Tempel, der ein älteres Heiligtum ersetzte, gab diesem Austausch ein Gesicht. Er diente den phönizischen Kaufleuten als Kultstätte und der Stadt als Ausweis ihrer religiösen und kulturellen Toleranz. Wie es sich für eine orientalische Metropole unter formaler Oberherrschaft des Imperiums gehörte, folgte seine Bauweise zugleich römischen und einheimischen Vorbildern. Die fast quadratische, durch Pilaster gegliederte Cella, der hellenistisch gerundete Altar und die Vorhalle mit ihren sechs korinthischen Säulen sprechen die Formensprache der Römer, während der weiträumige Hof mit seinen Säulenreihen an nahöstliche Tempelbauten angelehnt ist. Auf den Statuenbasen vor dem Eingang könnten die Standbilder reicher Stifter gestanden haben, drinnen wurden neben dem Himmelsherrn wohl auch der Mondgott Aglibol und der Sonnengott Jarchibol verehrt.

          Als die Stadt, die nach der Zerstörung durch Aurelian von seinem Nachfolger Diokletian als Militärlager neu gegründet worden war, im vierten Jahrhundert christlich wurde, verwandelte sich der Baal-Schamin-Tempel in eine Kirche. Die islamische Eroberung im siebten Jahrhundert ließ Palmyras Rang als Handelsstation unangetastet. Die Wege nach Westen waren jetzt durch die byzantinisch-arabischen Glaubenskriege versperrt, doch die alten östlichen Routen blieben bestehen. Erst nach der Verwüstung durch die Mongolen Timur Lenks im Jahr 1400 zog sich das Leben aus dem Ort zurück.

          Genozid der kulturellen Erinnerung

          Eine große Menge Sprengstoff, heißt es, hätten die Islamisten zur Einebnung des Baal-Schamin-Tempels eingesetzt. Es ging ihnen also nicht um die Geste. Es ging ihnen um Gründlichkeit. Der Tempel der Toleranz sollte verschwinden, restlos und für immer, so wie die Denkmäler der antiken Pilgerstadt Hatra verschwunden sind, die Artefakte aus dem Museum in Mossul, die Mauern des assyrischen Ninive. Vergangene Woche bereits hat der IS den ehemaligen Leiter der archäologischen Stätten von Palmyra, Khaled Asaad, öffentlich enthauptet und seinen Leichnam zerstückelt. Folgt man dieser Logik der Eskalation, dann wäre als Nächstes der Baaltempel selbst an der Reihe, das größte erhaltene Monument Palmyras und einer der Leuchttürme der griechisch-römischen Antike. Kein Aufschrei der kulturellen Eliten des Westens könnte diese Schandtat verhindern, im Gegenteil: Der Protest würde die Vernichtungsgier der Fanatiker noch beflügeln.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Das Assad-Regime in Damaskus, in dessen ideologischem Repertoire die glanzvolle Geschichte Palmyras eine Art historisches Kronjuwel war, hat seine Truppen aus der Wüstenregion zurückgezogen, von ihm ist keine Gegenoffensive zu erwarten. Aber auch die westlichen Regierungen, die geschwächten arabischen Staaten und die aufgepumpte Mittelmacht Russland werden der Zerstörung stillschweigend zusehen. Wenn schon das Leid von Millionen Bürgerkriegsopfern keine Intervention erzwingt, wie sollten es die geschändeten Kulturstätten tun? Freilich werden die Flüchtlinge aus Syrien, wenn sie einmal zurückkehren, wenig von dem vorfinden, worauf sich einmal ihre Identität gründete. Der Genozid der kulturellen Erinnerung macht die Vertreibung erst unumkehrbar.

          Religiöser Fundamentalismus unterscheidet sich vom ideologischen Wahn dadurch, dass es mit ihm keine Verhandlungsbasis gibt. Der Islamist möchte die Welt, wie wir sie kennen, nicht verändern, sondern auslöschen. Herkunft, Geschichte, Tradition sollen getilgt sein, damit allein die Offenbarung herrsche. Deshalb ist es eine Illusion zu glauben, der IS würde irgendwann, etwa aus besserer Einsicht in die Vermarktbarkeit seiner Beutegüter, von selbst seinen Vernichtungsfeldzug einstellen. Man kann ihn nur stoppen. Mit allen Mitteln. Der Krieg um die Kultur ist kein Menetekel von morgen, er hat längst begonnen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Droht ein Krieg gegen Israel?

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.

          Assad und Putin beraten über politische Lösung Video-Seite öffnen

          Syrien-Krieg : Assad und Putin beraten über politische Lösung

          Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich bei einem Treffen in Sotschi mit seinem syrischen Amtskollegen Baschar al-Assad für eine politische Lösung des Syrien-Konflikts ausgesprochen. Der gemeinsame Kampf gegen Terrorismus auf syrischem Boden nähere sich allmählich dem Ende, sagte Putin.

          Moskaus Verantwortung

          Krise in Syrien : Moskaus Verantwortung

          Die Zukunft Syriens liegt in den Händen von Russland, Iran und der Türkei. Doch der von den drei Ländern initiierte politische Prozess wird nicht so leicht wie die Siege auf dem Schlachtfeld. Ein Kommentar.

          Wirbelsturm fegt über Java Video-Seite öffnen

          Naturgewalt : Wirbelsturm fegt über Java

          Ein Tornado hat auf der indonesischen Insel Java schwere Zerstörungen angerichtet. Mehr als 30 Menschen wurden verletzt, über 600 Häuser sollen zerstört worden sein.

          Topmeldungen

          Berthold Albrechts Witwe Babette kämpft im Rechtsstreit bei Aldi Nord um ihren Einfluss (Bild aus dem Jahr 2015)

          Gerichtsverfahren : Machtkampf bei Aldi Nord geht weiter

          Vor Gericht streiten die Firmenerben von Aldi Nord weiter um ihren Einfluss auf die Führung des Discounters. Wie steht es um die Entscheidung im Machtkampf der Nachfahren von Theo Albrecht?

          Schwierige Regierungsbildung : Die Verantwortung der SPD

          Die Sozialdemokraten stehen vor einem entscheidenden Wendepunkt. Solange Jamaika möglich war, sprach nichts gegen konsequente Opposition. Doch jetzt sieht die Lage anders aus. Ein Kommentar.

          Kampf um CSU-Spitze : Seehofer und der verdrehte Kalender

          Einigen in der CSU reißt langsam der Geduldsfaden. Doch Vorsitzender und Ministerpräsident Horst Seehofer bestimmt immer noch selbst, wann was entschieden wird. Ein Beraterkreis soll helfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.