15.06.2005 · „Es wurde die Chance vertan, einen Dialog zwischen den Religionen zu führen“: Der deutsche Künstler Gregor Schneider über das Verbot seines Kunstwerks, das an die Kaaba erinnert, in Venedig.
Schon vor vier Jahren hat der deutsche Künstler Gregor Schneider bei der Biennale von Venedig Furore gemacht. Damals übertrug er die labyrinthischen Räume seines „Haus ur“ aus Mönchengladbach-Rheydt ins Innere des deutschen Pavillons - und erhielt dafür einen Goldenen Löwen.
In diesem Jahr überraschte er mit einem eher spektakulären Vorhaben. Mitten auf dem Markusplatz wollte er einen riesigen schwarzen Kubus aufstellen, der an die Kaaba in Mekka erinnert. Die Realisierung des Werks aber wurde untersagt, da die italienischen Behörden Angst hatten, Schneiders „Cube, Venice 2005“ könne die religiösen Gefühle der islamischen Gemeinde verletzen und die Terrorgefahr erhöhen. (F.A.Z.)
Herr Schneider, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen riesigen schwarzen Würfel auf den Markusplatz in Venedig stellen zu wollen?
Die Idee kommt von Helmi Ben Boubaker Helal, einem gläubigen Muslim aus Rheydt. Mit ihm arbeite ich seit zwei Jahren zusammen. Er hat mir geholfen, meine total isolierten, unbekannten, zum Teil völlig schwarzen Räume im „Haus ur“ zu bauen. Er hat mir gesagt: „Wenn du dich für Räume interessierst, mußt du dich mit der Kaaba in Mekka beschäftigen, dem ältesten Gottesraum der Welt - diesem völlig unbekannten Raum der Menschheit.“ Mich hat interessiert, welche unglaubliche Energie Helmi Ben Boubaker Helal aus seiner Religion schöpft. Ich bin mit ihm in die Moschee in Rheydt gegangen und habe angefangen, gemeinsam mit ihm über die Kaaba in Mekka zu recherchieren. Mich interessiert der Raum, der unbekannte Raum.
Läßt sich nicht aus jedem Glauben große Energie ziehen? Ist der Raum einer gotischen Kathedrale nicht ebenfalls sehr faszinierend?
Aus meiner Recherche zur Kaaba in Mekka hat sich eine selbständige Skulptur entwickelt, die gerade nicht die Rekonstruktion der Kaaba ist. Ich bin zur Biennale von Venedig eingeladen worden und habe das Projekt „Cube, Venice 2005“ vorgeschlagen. Form, Material und Funktion sind nicht mit dem islamischen Heiligtum identisch. Ich habe bewußt eine Form gewählt, die nicht mehr als Kaaba identifizierbar ist.
Aber muß nicht jeder Betrachter unweigerlich an die Kaaba denken?
Die Assoziation war gewollt. Aber ebenso die Assoziation zur modernen Kunst, zum schwarzen Kubus und zum schwarzen Quadrat. Der Kubus war von Beginn an eine Grundform in der westlichen modernen Kunst, die ihre Wurzeln darin hat, eine über die Natur hinausgehende Wahrnehmung zu suchen. Der Kubus ist zunächst eine abstrakte, selbständige geometrische Form. Alles Weitere ist Interpretation, die von der Skulptur ausgelöst wird. Der Begriff Kubus entwickelt sich aus dem Bauwerk Kaaba: Jedes Quadrat in der westlichen Welt steht in einem Verhältnis zur Kaaba in Mekka. So wie jedes Kreuz im Verhältnis steht zum Kreuz der christlichen Religion.
Sie konnten Ihr Projekt ja nicht verwirklichen und sprechen in diesem Zusammenhang von Zensur. War es denn nicht blauäugig anzunehmen, ein solches Vorhaben lasse sich an diesem Ort realisieren?
Dort fanden ja schon diverse große Projekte statt. Dort werden Musikfestivals veranstaltet, sind zur Architektur-Biennale große Bühnen aufgebaut worden. Der räumliche Eingriff war aus meiner Sicht nie das Problem. Selbst alternative Standorte - etwa auf dem Wasser - wurden ja verboten. Ich hätte diesen Kubus auch auf dem Wasser errichtet; doch auch dies wurde mir untersagt.
Im Arsenale ist ja nun doch eine Dokumentation Ihrer Arbeit zu sehen. Wie kam es, daß diese nicht im Katalog publiziert werden durfte?
Wenige Tage vor der Eröffnung hat mich die Kuratorin Rosa Martinez angerufen und mir mitgeteilt, daß ich eine Dokumentation zeigen könne, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Im Katalog wollte ich die Gründe der Ablehnung dokumentieren. Die Art und Weise, wie mit dem Projekt umgegangen wird, ist ein Gradmesser dafür, in welcher Situation wir uns gegenwärtig befinden. Es wird im Moment viel davon geredet, das Projekt hätte die Gefühle gläubiger Muslime verletzen können: Doch keiner hat diese gefragt.
Ich stand im Kontakt mit Muslimen, mit Muftis, mit Autoritäten. Nach meinem Eindruck hätte die Kubus-Form deren religiöse Gefühle keineswegs verletzt. Selbst wenn Minderheiten versucht hätten, diese Gelegenheit für sich zu nutzen, die Kritik wäre ins Leere gelaufen. So aber wurde die Chance vertan, einen Dialog zwischen den Religionen zu führen. Das Verbot basiert meines Erachtens auf einer Fehlinterpretation und wird weder dem Kunstprojekt noch den Gefühlen der islamischen Welt gerecht. Letztlich werden durch das Verbot weitere Ängste geschürt. Was die Terrorgefahr angeht, so wird so getan, als habe ich auf dem Markusplatz Massenvernichtungswaffen in der Kiste gehabt. Mir ist zum jetzigen Zeitpunkt vor allem anderen wichtig, daß nicht weiter Ängste geschürt werden. Es ist schon absurd, daß sich Venedig als Kunst-Mekka bezeichnet.