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Piranesi-Zeichnungen : Die Entdeckung des Schülerpraktikanten

Eine kunsthistorische Sensation: In der Karlsruher Kunsthalle hat ein Neunzehnjähriger in zwei Klebealben Hunderte von Zeichnungen als Arbeiten von Piranesi und dessen Werkstatt identifiziert.

          Im vergangenen Sommer kam ein frischgebackener Abiturient für vier Wochen als Praktikant ans Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: Georg Kabierske, neunzehn Jahre alt. Gleich am ersten Tag fragte er dessen Leiterin Dorit Schäfer: „Haben Sie auch Zeichnungen von Piranesi im Bestand?“ Kabierske hatte in der Schule ein Referat über das Werk des italienischen Künstlers gehalten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Frau Schäfer musste ihn enttäuschen: Die berühmten Kupferstiche Piranesis besitze man natürlich, aber keine einzige Zeichnung liege in Karlsruhe. Als Kabierske vier Wochen später sein Praktikum beendete, traf diese Antwort nicht mehr zu – wahrscheinlich besitzt das Karlsruher Kupferstichkabinett das weltweit größte Konvolut an Piranesi-Zeichnungen. Und Kabierske hat sie identifiziert.

          Denn er kennt sich auch mit einem anderen, weniger berühmten Künstler gut aus: mit Friedrich Weinbrenner. Der 1766 geborene Architekt ist für die Baugeschichte der barocken Planstadt Karlsruhe eine zentrale Figur. Bevor er aber hier tätig wurde, absolvierte er die im späten achtzehnten Jahrhundert für künstlerische Berufe üblichen Jahre in Italien: Von 1792 bis 1799 lebte er in Rom und eignete sich durch eifriges Studium die Antike an. Zurück in Karlsruhe, gründete er eine eigene Bauschule, die den deutschen Klassizismus entscheidend prägte. Als Unterrichtsmaterial nutzte er Studienblätter aus Rom, die nach seinem Tod 1826 an den badischen Fürstenhof gingen und 1861 schließlich der Kunsthalle Karlsruhe übergeben wurden.

          Sie sind in zwei große Sammelbände eingeklebt, deren Inhalt von der Forschung seit hundertfünfzig Jahren pauschal Weinbrenner zugeschrieben wurde. Bis Georg Kabierske kam, dessen Vater gerade an der Vorbereitung einer großen Karlsruher Weinbrenner-Ausstellung beteiligt war, die im kommenden Juli eröffnen wird. Dort werden auch die beiden Klebealben gezeigt, aber dann erstmals nicht mehr als Weinbrenners Werk.

          Die „Nadel mit Keckheit geführt“

          Denn Kabierske erkannte, was schon Generationen von Kunsthistorikern vor ihm hätten sehen können: Der Stil der insgesamt rund dreihundert Zeichnungen passt nicht zum Rest dessen, was Weinbrenner schuf. Ersichtlich waren verschiedene Hände am Werk. Als Kabierske auf zwei kleinformatige Veduten mit prachtvollen römischen Ruinenphantasien stieß, war ihm klar: Das ist typisch Piranesi. Genau solche Motive haben die Kupferstiche des 1720 in Venedig geborenen und 1778 in Rom gestorbenen Künstlers schon zu dessen Lebzeiten europaweit bekannt gemacht. Goethe hatte 1805 über Piranesi geschrieben: „Wenige haben die Nadel mit solcher Keckheit zu führen verstanden. Seine zahlreichen Arbeiten dieser Art trugen zur Verbreitung der Liebe und des Geschmacks für die Werke der Alten wesentlich bei.“ Das ist bis heute so.

          Die Verbreitung seiner Kupferstiche ließ jedoch den Zeichner Piranesi in den Hintergrund treten, auch weil dessen Haus samt der künstlerischen Hinterlassenschaft 1799 bei den Kämpfen um die mit Napoleon verbündete Römische Republik abgebrannt war. Durch eine Schadensliste, die Piranesis Söhne mit der Bitte um finanziellen Ausgleich in Paris einreichten, weiß man, dass damals an die sechstausend Zeichnungen verbrannt sein sollen. Der weltweite Bestand an überlebenden Blättern von seiner Hand wurde bislang auf fünf- bis sechshundert geschätzt.

          Nach einer ersten wissenschaftlichen Begutachtung der beiden Karlsruher Klebealben dürften nun etliche dazukommen; allein zweihundert Zeichnungen sollen von Piranesi oder zumindest aus dessen Werkstatt stammen. Der amerikanischen Fachzeitschrift „Master Drawings“, die als Einzige bisher über den Fund berichtet hat, war das in ihrer jüngsten Ausgabe die Titelgeschichte wert. Den Aufsatz dazu schrieb Georg Kabierske, seine erste wissenschaftliche Publikation.

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