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Im „Kaiserflügel“ in Venedig : Als Sissi in der Serenissima war

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Jetzt sind die Gemächer der österreichischen Kaiserin am Markusplatz in Venedig wieder hergerichtet. Der „Kaiserflügel“ huldigt ihrem Bedürfnis nach Schönheit.

          Die Habsburgerzeit wird in Venedig immer noch oft verdrängt oder wenigstens als schmähliche Fremdherrschaft abgeurteilt. Waren es nicht die Österreicher, die gemeinsam mit Napoleon die tausendjährige Republik 1797 kassierten und später Wien unterstellten? Förderten sie danach nicht den Konkurrenzhafen Triest und ließen die Lagune versanden? Schlugen Österreicher nicht militärisch die Revolution von 1848 nieder und bombardierten noch im Ersten Weltkrieg - als Einzige - unschätzbare Kirchen und Paläste? Nun gibt es in der an Museen überreichen Stadt erstmals Schauräume, die explizit an die habsburgischen Herrscher und ihre Venedig-Besuche erinnern: „Le stanze di Sissi“ - angeschlossen ans Museo Correr.

          Immerhin zweimal weilte die - anders als ihr Gatte Franz Joseph - in Italien nicht ganz so unbeliebte Kaiserin in der Lagunenstadt, nämlich insgesamt mehr als acht Monate in den Jahren 1854 bis 1862. Beim letzten Besuch richtete sie sich, von Korfu kommend, aus Furcht vor der Schwiegermutter in Wien über ein halbes Jahr lang im einstigen Prokurazienpalast am Markusplatz ein, genoss einen eigenen Bootsanleger an den „Giardini Reali“ und schwelgte als bayrischstämmige Romantikerin mächtig in der Historie der Serenissima, indes sie ihr nüchterner Gemahl mehrmals mit dem Zug aus Wien besuchen kam.

          Orte für Vergangenheitsschwelgereien

          Die Räumlichkeiten für diese inoffizielle Hofhaltung und Familienzusammenführung blieben auch unterm savoyischen Königshaus erhalten, wurden in den zwanziger Jahren kurzerhand zu Büros umgenutzt und erlebten danach einen ziemlichen Niedergang, dessen Spuren an Böden und Stuck, Wandbehang und Prunkportalen seit 2009 mit generöser Hilfe französischer Stiftungen beseitigt worden sind. Dass sich die Insassen der Staatsbehörden nicht früher für die Renovierung ihrer imperialen Räumlichkeiten eingesetzt haben, kann man gut verstehen, geht der Blick aus den Fenstern doch über die Isola di San Giorgio und das Bacino von San Marco beneidenswert weit in die Lagune hinaus. Diese Räume waren bereits 1836 für den ersten Besuch eines habsburgischen Vizekönigs ausgebaut worden, doch unterzog man das klassizistische Dekor für die imperialen Mieter später einer grundlegenden Überarbeitung.

          Für die jungen kaiserlichen Hoheiten war den habsburgischen Behörden verständlicherweise nichts gut genug, sollten sich Elisabeth und Franz Joseph doch in den lombardo-venetischen Provinzen als Ehepaar wohl fühlen und als Sympathieträger die italienischen Unabhängigkeitsbestrebungen ideell unterlaufen. Diese Taktik ging bekanntermaßen privat und politisch schief, doch bot die kaiserliche Offensive der klugen, melancholischen und instabilen Kaiserin immerhin Gelegenheit, ähnlich wie ihr Cousin Ludwig II. von Bayern ihre Vergangenheitsschwelgereien am geeignetsten Ort auszuleben und per Gondel in Alteuropas Glorie zu entschweben.

          Zurück zu vergangener Pracht

          Vor Sissis Neugier - beim ersten Aufenthalt war sie gerade sechzehn Jahre alt - blieb vom Frauengefängnis bis zu den Armenhäusern, von Meeresinstituten bis zu zahlreichen Kirchen kaum eine Institution verschont. Sogar den - seit Lord Byron obligatorischen - Dünenspaziergang am winterlichen Lido ließ sie nicht aus. Nach solchen Ausflügen bot ihr das Appartement in den einstigen republikanischen Verwaltungssälen jede Bequemlichkeit.

          Die in den Boden eingelassene Badewanne aus grauem Marmor ist leider nurmehr aus Dokumenten im kleinen Toilettezimmer zu lokalisieren, doch gibt es immer noch genugsam venezianische Webereien, um den in Spuren erhaltenen Wandbehang nachzuarbeiten und die Säle flächendeckend mit roter, grüner, malvenfarbener Seide zu bekleiden. Bei den Dekorationen, für die der Ornamentmaler Giovanni Rossi verantwortlich zeichnete, vergaß man weder bayerisch-österreichische Allianzwappen noch persönliche Vorlieben. So ist das Boudoir der Kaiserin ausufernd mit Maiglöckchensträußen, den Lieblingsgestecken der Monarchin, bemalt und stuckiert.

          Heute präsentiert sich der „Kaiserflügel“ in vergleichbarer Pracht wie zu jener Zeit, da sich das Kaiserpaar, wenn man diplomatischen Quellen glauben darf, in Venedig und wenigstens kurzzeitig ineinander neu verliebte. Der zentrale und doch verschwiegene Ort war gut gewählt. Kleine Balkone gehen aufs Bacino hinaus, von wo man den Markusdom seitlich sehen und seine Glocken hören kann. Zahlreiche Mythenmalereien der Decken zollen Sissis legendärer Eitelkeit Tribut, indem sie von der Toilette der Venus bis zum Parisurteil die Bewohnerin mit dem Schönheitskult der Antike kurzschlossen.

          Eigentlich schade, dass der schwelgerische Sissi-Film Ernst Marischkas 1955 die authentischen Säle nicht benutzen konnte und im Studio alles nachempfunden werden musste. So blieb von der Anwesenheit der Kaiserin das Filmbild einer strahlenden Romy Schneider in weißem Tüllkleid, die graziös vor dem Dogenpalast die Parade abschreitet und - wenigstens als Schauspielerin - die Herzen der grimmigen italienischen Komparsen im Sturm erobert. Jetzt erst hat das Publikum die Möglichkeit, die originalen Räumlichkeiten zu diesem Mythos zu bestaunen und vor immerhin zwei zeitgenössischen Porträts der Kaiserin ein Urteil abzugeben, wer besser in diese Boudoirs passte, wer schöner war: Sissi oder Romy?

          Quelle: F.A.Z.

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