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Im Gespräch: Paul Schönewald Haben Sie ein Lieblingsbild, Herr Schönewald?

10.05.2007 ·  Bei den New Yorker Frühjahrsauktionen für zeitgenössische Kunst werden dramatische Preissteigerungen erwartet, auch für ein Gemälde von Gerhard Richter. Paul Schönewald ist der wohl wichtigste internationale Kunsthändler für Richters Werke. Rose-Maria Gropp hat sich in Düsseldorf mit ihm unterhalten.

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Paul Schönewald ist der wohl wichtigste internationale Kunsthändler für Werke von Gerhard Richter. Wir treffen ihn in Düsseldorf in einem Restaurant am Rhein.

Wie wird man Kunsthändler, Herr Schönewald?

Wir hatten zu Hause einen Gasthof, den es immer noch gibt, und Landwirtschaft. Im Gasthof wohnte damals immer wieder ein Kunsthändler, dem ich über die Schulter geschaut habe. Er hat mir viel erzählt, und die Kunst hat mich früh gefangengenommen.

So fing es an?

Nicht ganz. Mein erstes Geld habe ich im Pferdehandel verdient. (Er lacht.)

Das wird manchen Leuten gut ins Bild des Kunsthändlers passen . . .

. . . als ich vierzehn Jahre alt war, starb mein Vater. Wir waren fünf Geschwister, ich bin der Jüngste. Von Kind an bin ich geritten, wir hatten sieben Pferde, die jetzt verkauft werden mussten. Gutes oder schlechtes Pferd, beide fressen gleich viel. Wir konnten das nicht mehr bezahlen. Später habe ich Reitunterricht gegeben, um Geld zu verdienen.

Sie haben dann Betriebswirtschaft studiert?

In Düsseldorf. Die Kunstszene dort war ständig Thema. Kunst wurde überall diskutiert, hauptsächlich über Joseph Beuys.

Haben wir in Ihnen also einen genuinen Anhänger von Joseph Beuys vor uns?

Ja, Beuys ist wirklich wichtig. Dann habe ich ein Büro in Köln gesucht, einfach einen Arbeitsraum. Ich fand ein Ladengeschäft in einer düsteren Passage, bei dem es Bedingung war, irgendein Gewerbe zu haben. Also habe ich eine Poster-Galerie eröffnet mit meinem Studienfreund Rainer Beuse, meinem Partner bis heute. Das ging ziemlich gut. Es war die richtige Zeit in den achtziger Jahren.

Weiter . . .?

Irgendwann habe ich, einfach nach Gespür, ein Bild gekauft, einen Postimpressionisten für fünftausend Mark. Kurz darauf hat er 100.000 Mark in einer Christie's-Auktion gebracht.

Wann haben Sie angefangen, Werke von Gerhard Richter zu kaufen?

Vor zwanzig Jahren, 1987.

Gerhard Richter gibt ja nur noch ganz wenige neue Werke in den Kunstmarkt. Bekommen Sie auch Bilder direkt von Richter?

Nein. Ich bin ja nicht sein Galerist, wie Fred Jahn in München oder Marian Goodman in New York. Ich bin eben Kunsthändler, also „secondary market“. Aber ich habe durch meine Geschäfte natürlich immer wieder mit dem Schaffen von Richter zu tun, und das ist sehr angenehm, weil er ein großartiger Mann ist.

Wie viele Werke Richters sind denn schon durch Ihre Hände gegangen?

Einige, nicht wenige.

Geht's ein bisschen genauer?

Sagen wir - Hunderte, kleine und große Arbeiten natürlich.

Sie ahnen die nächste Frage schon: Ihr eigener „teuerster“ Richter . . .

. . . ja, ich habe es geahnt! Eines der „Kerzen“-Bilder aus den achtziger Jahren . . .

Ja . . .?

. . . für etwa 4,5 Millionen Dollar.

Man kann Sie in den großen Auktionen in New York oder London offen im Saal bieten sehen. Sie könnten das doch auch verdeckt tun, übers Telefon zum Beispiel?

Es stimmt, dass ich überwiegend offen in Auktionen biete. Weil ich für eigene Rechnung Kunstwerke erwerbe, möchte ich immer flexibel auf die konkrete Situation reagieren können. Verdecktes Bieten erfordert meistens, das Auktionshaus vorher weitgehend in die eigenen Kaufabsichten einzuweihen. Solche vorliegenden Bekundungen können den Preis eines Loses in die Höhe treiben und die Chance verringern, einen relativ günstigen Kaufpreis zu erzielen, der es mir wieder möglich macht, meinen Kunden attraktive Werke zu guten Preisen anbieten zu können.

Als Kunsthändler kalkulieren Sie ganz bestimmt - und manchmal sehr schnell während der Auktion - den „Bruttopreis“ eines Loses, der ja einigermaßen weit von dem Preis beim Zuschlag entfernt ist?

Man muss sich wirklich klarmachen, wie die Dinge liegen. Bei einer Auktion ist zu unterscheiden zwischen Schätzpreis und Aufrufpreis, zwischen Limitpreis und Zuschlagpreis eines Kunstwerks. Der Schätzpreis ist lediglich die vom Auktionshaus prognostizierte Bandbreite, die auch im Katalog steht, innerhalb deren sich das Werk möglicherweise verkauft. Der Aufrufpreis, mit dem der Auktionator beginnt, liegt in der Regel etwas unterhalb der unteren Marge der Schätzung, er kann aber auch, gar nicht so selten, deutlich darunter liegen. Irgendwo in diesem Bereich ist auch der Limitpreis, der vorher vom Auktionshaus mit dem Einlieferer abgesprochen ist und der nur diesen beiden bekannt ist. Er bedeutet die unterste Grenze, zu der das Los versteigert werden kann. Sonst geht es unverkauft zurück. Während der Auktion kann es also geschehen, dass mir zwar der Schätzpreis für ein Werk zu hoch war, aber dann sein Aufrufpreis durchaus innerhalb meiner Bereitschaft liegt, es zu erwerben. Dann entscheide ich mich spontan, offen im Saal zu bieten. Geht der Zuschlag wirklich an mich, kommt ja noch das nicht unerhebliche Auktionsaufgeld dazu und die Mehrwertsteuer, oft rund dreißig Prozent.

In den New Yorker Auktionen der nächsten Woche sind Richters „Zwei Spanische Akte“ von 1967 auf neun bis zwölf Millionen Dollar geschätzt. Haben Sie eine Prognose?

Das Sujet ist natürlich Geschmacksache, aber solche frühen Werke sind sehr rar und begehrt. Ganz entscheidend ist der Zustand des Gemäldes. Ich habe es selbst bis jetzt noch nicht gesehen. Ich sehe mir das Bild Anfang der Woche an.

Mit der sehr hohen Schätzung zielt das Auktionshaus Sotheby's jedenfalls auf einen neuen Auktions-Weltrekord für Gerhard Richter. Wie sehen Sie das?

Das Werk von Gerhard Richter ist international sehr gefragt. Für die breite Öffentlichkeit mag diese Schätzung überraschend klingen. Die höchsten Preise für Bilder von Richter bisher sind aber nicht in Auktionen bezahlt worden, sondern im internationalen Handel. Mir sind aus der jüngerer Vergangenheit Verkäufe außerhalb von Auktionen bekannt, die das jetzt für die „Zwei Spanischen Akte“ avisierte Preisniveau bereits bestätigt und sogar übertroffen haben. Besonders die „fotorealistischen“ Arbeiten Richters aus den sechziger Jahren sind so begehrt.

Jetzt will man natürlich schon wieder ein Beispiel wissen.

Nehmen Sie, zum Beispiel, die „Tänzerinnen“, die aus der Sammlung von Hans Grothe stammen, was man wissen kann. Sie wurden im Bereich von neun Millionen Dollar - manche sagen: zehn Millionen Dollar - über den Handel verkauft, nicht in einer Auktion. In einem ähnlichen Bereich ist das frühe „Liebespaar“ von Richter, ebenfalls aus einer deutschen Privatsammlung, weiterverkauft worden, ohne dass dieser Verkauf jemals öffentlich wurde.

Was wird den Preis der „Zwei Spanischen Akte“ am 15. Mai bei Sotheby's denn entscheiden?

Wie stets bei Auktionen wird es darum gehen, ob mehr als ein ernsthafter Interessent sich für das Bild engagiert. Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass sich das Marktsegment, von dem wir hier sprechen, ständig steigender Preise erfreut. Mit der Globalisierung hat sich vielleicht nicht die Kenntnis, aber jedenfalls die Nachfrage auf dem Kunstmarkt dramatisch erhöht. Denken Sie nur an die neuen Käuferschichten aus Asien oder Russland.

Was bedeuten diese neuen Käufer für Sie? Als international tätiger Händler stehen Sie doch auch in Konkurrenz mit den Auktionsfirmen?

Die Konkurrenz ist weiter gewachsen. Die Auktionshäuser haben den Vorteil, dass ihnen diese neuen Käufer schon bekannt sind. Der Kunsthandel hat einen entscheidenden anderen Vorteil: die Diskretion, die der ständig steigenden Transparenz der Auktionen gegenübersteht.

Werden Sie also auf die „Spanischen Akte“ bieten?

Mal schauen . . .

Stellen wir uns einmal vor: Sie haben gerade ein bedeutendes Werk - von Gerhard Richter oder einem anderen Ihrer Künstler. Es kommt jemand zu Ihnen, der das Bild unbedingt haben will und der jeden Preis dafür zahlen will und kann, ohne Kunstsinn, aber mit dem ökonomischen Verstand für Kunst als Anlage. Kennen Sie so etwas wie ein Ethos der Verteilung?

Natürlich bin ich Kaufmann. Aber es geht doch so: Wenn ich ein solches Werk habe, werde ich immer versuchen, es dort zu plazieren, wo es Sinn macht. Denn genau dafür steht auch die Mühe, die wir uns seit Jahren gegeben haben. Dann weiß ich doch längst, wen ich anrufen muss von meinen Sammlern und ihm sagen: Dieses Werk kann ich Ihnen jetzt zu diesem Preis anbieten. Und so läuft das im Allgemeinen, und beide Seiten und der Künstler sind damit zufrieden.

Sammeln Sie selbst Kunst?

Mein Ziel ist es, nicht in Konkurrenz zu meinen Kunden zu treten, sondern ihnen die besten verfügbaren Arbeiten anzubieten. Gelegentlich begeistere ich mich für Künstler, die ich nicht gleich vermitteln kann. Dann bleiben die Werke eine Weile bei mir, und ich freue mich daran. Die Erfahrung lehrt, dass ein scheinbarer händlerischer Misserfolg bei Kunst, die sich erst noch durchsetzen muss, im Nachhinein zum besonderen Erfolg werden kann.

Haben Sie einen Lieblingskünstler?

Meine Lieblingskünstler sind die, die ich anbiete oder vertrete, also zum Beispiel John Chamberlain, William Copley, Blinky Palermo, Gerhard Richter, Thomas Schütte und Karin Kneffel. Sie schaffen die Werke, für die ich engagiert eintrete.

Wenigstens ein Lieblingsbild?

Nein, auch nicht - oder vielleicht doch: das „Motorboot“ von Gerhard Richter. Sie kennen es? Zwei Männer und zwei Frauen in voller Fahrt in einem Rivaboot oder etwas Ähnlichem. Es gibt zwei Fassungen davon.

Und besitzen Sie eine der Versionen?

Nein, leider nicht. Und ich hatte das „Motorboot“ auch noch nie. Ich sehe nach, wo sich die zweite Fassung befindet und sage es Ihnen dann.

Das Gespräch führte Rose-Maria Gropp

Quelle: F.A.Z., 12.05.2007, Nr. 110 / Seite Z8
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