07.09.2009 · Ein sitzliegender Obama, Jazz auf klassizistischen Fundamenten, scheinbar anstrengungslose Alleskönnerei: Wären wir glücklicher, wenn auch wir solche Bilder hätten? Eine kleine Ikonographie des amerikanischen Präsidenten.
Von Peter RichterDieses Bild hat uns durch den Sommer getragen. Und seit in Deutschland angeblich Wahlkampf herrscht, seit wir umstellt sind von Politikergesichtern, Politikergesten, Politikergelächel, seitdem wird dieses Bild immer noch besser, faszinierender, abgründiger: Barack Obama spricht mit Beratern, während er auf der Treppe zur Residenz des amerikanischen Botschafters in Paris sitzt; am 7. Juni war das.
Kurz darauf begann das Bild durchs Internet zu geistern; in den Blogs wie Wonkette.com wurde es mit der üblichen Humorigkeit kommentiert. Stufen zu glatt? Obama ausgerutscht? Die Leute schrieben: „This is one of those smooth jazz albums, isn't it?“ In den Kommentaren ging es um Coolness, Sexyness und die Verletzung der Präsidentenwürde. Einer fragte: „How can Obama be our king if he insists on acting like an ordinary person?“
Es wohnt ein Skandal in diesem Bild, eine Unverschämtheit; die Frage ist nur, worin genau die besteht. Vielleicht fängt es schon damit an, dass es eben keine Aufnahme von Paparazzi ist, kein Überfall auf jemanden, der sich unbeobachtet wähnt; ganz im Gegenteil: Das Foto wurde gezielt vom Weißen Haus herausgegeben. Und gemacht hat es niemand anderes als Pete Souza, der von Obama bestellte offizielle Fotograf des Weißen Hauses. Den Posten hatte er unter Ronald Reagan schon einmal inne. Von ihm stammt auch das berühmte Bild von Michael Jackson in seiner Phantasieuniform zwischen Reagan und seiner Frau, ein lebendes Wachsfigurenkabinett.
Der Erste Hofmaler Amerikas
Man liegt nicht falsch, wenn man Souza als den Ersten Hofmaler Amerikas bezeichnet. Nicht nur weil diese Momentaufnahme so fein komponiert wirkt und weil die Beiläufigkeit der Inszenierung und die Inszenierung der Beiläufigkeit so stark an Velázquez erinnern. (Der Zettel in der Hand des linken Beraters wirkt beinahe wie ein direktes Zitat aus dessen Königsporträts). Es greift hier offenbar wieder einmal die Regel, dass hinter allem, was einem neu und unerhört vorkommt, eine Erinnerung steckt, dass jeder Überraschung ein Wiedererkennen innewohnt. Und manchmal besteht der Job des Fotografen einfach darin, die Momente zu erkennen, in denen sich die Wirklichkeit zum Gemälde fügt.
Der Kunsthistoriker Martin Warnke, der am Warburg-Haus in Hamburg einen Bildindex zur politischen Ikonographie aufgebaut hat, sieht das Obama-Foto in der Tradition der Beraterbilder, eines Bildtypus, der erfunden wurde, um gewissermaßen eine Demokratisierung des Herrschers auszudrücken: seine Beratbarkeit, die ja die Möglichkeit von Ratlosigkeit impliziert; und seine Bereitschaft, das öffentlich zuzugeben, was ihm wiederum als politische und persönliche Tugend, also Stärke ausgelegt werden kann.
Bei dem Miniaturenmaler Joris Hoefnagel sieht das in den 1590er Jahren zwar noch so aus, dass die Berater um den Thron des Kaisers hocken wie die Mönche um ihren Abt. Aber das Ungehörige, der Verstoß gegen das Hierarchiegefüge spielen immer wieder eine Rolle. Sogar das Liegen des Herrschers hat Vorprägungen: Aus der Werkstatt des Meisters von Boucicaut gibt es das Bild eines bettlägrigen Karls VI., dessen Höflinge das Bett umstehen wie besorgte Ärzte. In der berühmtesten aller Unterredungsszenen auf einer Treppe, in Raffaels „Schule von Athen“, wäre Obamas Entsprechung nicht ganz zufällig die Figur des ebenfalls auf den Stufen hingestreckten Diogenes: der Konventionenverächter und „Weltbürger“.
Befremdliches Sitzliegen
Generell stößt das Sitzliegen von Herrschern beim Publikum aber auf Befremden. Als 1973 in Augsburg Gustav Heinemann von einem Rechtsextremen niedergeschlagen wurde, veröffentlichte die örtliche Zeitung ein Foto, das den Bundespräsidenten am Boden zeigte. In den Leserbriefen wurde die Publikation als „unwürdig, töricht, taktlos, abscheulich“ gegeißelt, erzählt Harry Pross in seiner „Politischen Symbolik“: „Der Verlust der Vertikalen, im Alltag als peinlich empfunden, wird beim Obersten Repräsentanten des Staates als etwas beurteilt, das nicht sein darf.“ Das kritisierte Foto verdeutliche „den Zusammenhang von räumlicher und logischer Perspektive im präsentativen Symbolismus: Der Staatspräsident ist als Instanz der politischen Ordnung gedacht als der erste Mann im Staate. Also hat er im Licht zu stehen, vorne und oben . . .“ Es werde erwartet, „dass der Mächtige Schatten wirft, nicht, dass er in ihm stehe oder gar liege“.
Bei Obama ist die Situation ein bisschen komplexer. Allein die Position der einzelnen Füße auf den Stufen hat etwas von einem dynamischen Notenbild: Jazz auf klassizistischen Fundamenten. Er liegt zwar zu Füßen seiner Berater, aber er hat immer noch standesgemäß den höchsten Platz auf der Treppe inne. Er steht ganz oben, aber dadurch, dass er sich setzt, lässt er seine Berater, die verschiedenen Interessengruppen, letztlich also: das Volk über sich hinauswachsen, und zwar bis in die Anonymität jenseits des Bildrandes hinein. Mehr Symbolismus geht fast nicht. Zumal ja nicht einmal sicher ist, welche Bewegung in diesem Filmstill eingefroren ist, das Hinsetzen oder das Aufstehen. Und wie bei einem echten Filmstar sind Person und Rolle hier kaum noch zu unterscheiden. Das Bild insgesamt ist, wie alle großartigen Bilder, hochgradig polyvalent: Es ist alles darin, was die Welt an Obama liebt - und auch alles, was die Hälfte Amerikas in Rage versetzt.
Flipflops und Jeans zum Sakko
Es ist nur eine Frage der politischen Einstellung, schon dreht sich alles um, aus Lässigkeit wird Nachlässigkeit, Obamas Haltung wird von „laid back“ zur Pose der Erschöpfung, und die Berater erscheinen in jeder Hinsicht kopflos. Es sind die Insignien des casual, die im Internet am meisten kommentiert werden, und noch mehr Erwähnung als Obamas Körperhaltung finden dabei die Flipflops des Mannes vorne links. Es ist, als hätten Souzas Kostümbilder drei Repräsentanten der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte hingestellt: formelles Ostküstenestablishment, den allamerikanischen Laufschuh-und-Freizeithosen-Typen sowie den Multikulturellen, und zwar in der Rolle, die früher der „jester“ innehatte, der Hofnarr, die eigentliche frühneuzeitliche Entsprechung zum heutigen „Berater“: als externer Verstand, unkonventionelles Gegenbild, Korrektiv. Am Schuhwerk kondensiert aber auch alles, was Obamas Gegner eint. Flipflops und Jeans zum Sakko: Wer ohnehin den Untergang des Abendlandes fürchtet, weiß nun, was dieser anhat. Im Netz rückt für die einen Obama dadurch noch mehr in die Nähe von Jesus Christus (beide haben keine Geburtsurkunde, aber Jünger in Sandalen); die anderen sehen sich darin bestätigt, dass „our Muslin Overlord Barry Hussein“ dem sandalentragenden Islamismus Tür und Tor des Weißen Hauses öffnet.
Spätestens in diesen Tagen taugt das Foto zudem schlicht zur Verbildlichung der politischen Lage des Präsidenten: Eingekeilt zwischen Interessengruppen, die er auszusöhnen versprach, umstellt von diskussionswürdigen Beratern, immer noch ein einziges Versprechen und immer noch kaum eine einzige Lösung, eingemauert in Problemen, von denen schon jedes einzelne kaum lösbar erscheint. Der ungezügelte Hass, mit dem Obama jetzt im Streit über die Reform des Gesundheitswesens übergossen wird, all die wütenden Gleichsetzungen mit Hitler, dem Kommunismus oder beiden gleichzeitig: Das kann man eigentlich nur als Reflex verstehen auf die gute Figur, die Obama trotzdem macht; und auf die unangestrengte Haltung, die er bei alldem bewahrt. Das eine provoziert ganz offensichtlich das andere - aber das Erschreckende ist, wie archaisch einem das vorkommen kann. Das eine als der übliche Reflex, der da, wo dicke und alte weiße Männer die Macht haben, demjenigen blüht, der so unpeinlich tanzen kann wie Obama damals in der Talkshow von Ellen DeGeneres.
Obama und die Fliege
Und das andere entspricht vollumfänglich der Kulturtechnik der scheinbar anstrengungslosen Alleskönnerei, die Baldassare Castiglione in seinem Renaissance-Traktat „Der Hofmann“ als „sprezzatura“ beschrieb. Genau genommen schrieb er zwar, dass das der Höfling können sollte, nicht der Herrscher; aber als Demokrat muss sich Obama natürlich als erster Höfling seines Staates verstehen. Ein Musterfall von „sprezzatura“ war damals zum Beispiel die Sache mit der Fliege: Obama beim Fernsehinterview, es geht um die Finanzkrise, erst scheucht er sie weg mit der Hand, aber die Fliege kommt wieder. Wie soll der Präsident erklären, dass er die Finanzmärkte in den Griff bekommen will, wenn er schon mit einer Fliege nicht fertig wird. Wie soll er die Vorwürfe der militärischen Hardliner entkräften, wenn er noch nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun kann. Was gibt das den Bildern für rassistische Untertöne, wenn die Fliege immer nur den schwarzen Präsidenten umkreist statt den weißen Interviewer. Obama fixiert sie aus den Augenwinkeln, schlägt zu und erwischt sie, ohne - was das Entscheidende ist - seine Rede dabei zu unterbrechen. Nicht auszudenken, wenn dieser Schlag danebengegangen wäre. Das Video ist ein Hit auf Youtube. Es ist exakt das, was man cool nennt. Aber es hat auch etwas Tragisches, dass er zu dieser Coolness, zu dieser Lässigkeit, zu dieser „sprezzatura“ so unentrinnbar verdammt ist. Falls Barack Obama je ein Pferd besteigt, wird es in dem Augenblick, in dem Pete Souza abdrückt, mindestens beiläufig beide Vorderhufe in die Luft nehmen müssen, eine Dressurpose, bei der sich die Staatenlenker im Barock gern darstellen ließen.
Es wird nicht besser dadurch, dass wir unter den kleinwüchsigeren der europäischen Staatsmänner im Augenblick viel ausgeprägtere Atavismen beobachten können: Sarkozy und Putin mit freiem Oberkörper, Letzter auch zu Pferde oder mit gefährlichen sibirischen Fischen kämpfend - das ist die Rückkehr des Herrschers als Herkules, als Held und kriegerischer Leib. Das hatten wir seit zweihundert Jahren nicht mehr. Sogar bei Ronald Reagan überwog letztlich die Seniorität den Actiondarsteller. Wenn man Obamas Badehosenbild vom Cover des „Washingtonian“ dazunimmt, kommt man heute zu dem Eindruck, dass die Grenzen zwischen G8-Treffen und Beach-Castings auf MTV fließend werden. Vom Körpereinsatz des Silvio Berlusconi ganz zu schweigen. Auf der anderen Seite begründet sich Herrschaft in solchen Bildern wieder wie auf frühesten Kulturstufen - physisch.
Die Schuld des Publikums
Und wir? In Deutschland geben Politiker in Badesachen generell keine besonders hilfreichen Fotos ab, diese Erfahrung haben Friedrich Ebert an der Ostsee und Angela Merkel auf Ischia gemacht. Überhaupt scheinen die Deutschen froh zu sein, wenn die Bundeskanzlerin sich zwischen ihren zwei Körpern für den strikt politischen entscheidet, also fürs Amtskostüm mit den großen Knöpfen vorn. Die Urlaubsbilder dieses Augusts zeigen auch wieder nur, dass es Obama auf Martha's Vineyard entspannter hatte als Merkel beim Wandern - obwohl so ein Berggipfel auch von schöner politischer Symbolik ist.
Es ist immer auch die Schuld des Publikums, dass wir Bilder wie das von Obama nicht haben. Vielleicht liegt darin aber etwas Tröstliches. In all den Kurzarmhemden, randlosen Brillen, schiefen Lächelmündern, eckigen Gesten und zu groß geschnittenen Anzügen unserer Politiker. Natürlich wäre es schön, wenn es von Frank-Walter Steinmeier auch so großartige Fotos gäbe, zumal er mindestens so viele Berater hat wie Obama. Und natürlich ist es schade, dass Steinmeier nicht Obama ist und so gar nichts von ihm hat. Schlimmer wäre aber, wenn er es versuchen würde. Mit Anne Will tanzen oder so. Beim Sommerinterview nach Wespen schlagen. Gewagte Bilder produzieren. Jazz auf Fotos.
Wenn unsere Politiker unkonventionell sein wollen, kommt Claudia Roth heraus.
Deutscher Expressionismus.
Peter Richter Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge