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Ida Gerhardi in Oldenburg : Die Entdeckerin von Paris

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Nicht nur Kinder und Blumen

Gerhardi war aber nicht nur eine Künstlerin, die für ihre Porträts geschätzt wurde, sie war auch Beraterin, Vermittlerin und Kunstagentin. 1904 führte sie etwa Käthe Kollwitz durch Paris; für Karl Ernst Osthaus, den vermögenden Begründer des Folkwang-Museums, knüpfte sie Kontakte zu Künstlern, zu Rodin oder Maillol.

Not macht erfinderisch und das Akademieverbot für Frauen (in Deutschland bis 1918) hatte zur Folge, dass sie Netzwerken bildeten. Sie gründeten Vereine und Berufsverbände, die Kranken- und Rentenkassen einrichteten; sie halfen einander, reisten gemeinsam, stellten zusammen aus. In Paris traf man sich aus einem einfachen Grund: Hier, an den privaten Akademien, erhielten Frauen die beste Ausbildung. Es gab Aktklassen für Frauen, gemischte Klassen, in denen Frauen mit Männern gemeinsam zeichneten und die gleichen Gebühren zahlten - Angebote, die den deutschen Kunstmetropolen Berlin und München fehlten. Wer den Katalog liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Vorurteil Nummer zwei: Die Künstlerinnen der Moderne malten nicht die Schlüsselthemen ihrer Zeit, sondern leider nur Kinder und Blumen.

Dazu folgende Geschichte: Als Käthe Kollwitz 1904 nach Paris kommt, um für einige Zeit an der Académie Julian zu studieren, steigt sie gemeinsam mit Gerhardi in die städtische Unterwelt hinab, in die Spelunken der Ganoven, Kleinkriminellen und Prostituierten. Begleitet werden sie vom Galeristen Wilhelm Uhde, der dafür sorgt, dass Kollwitz und Gerhardi ungestört arbeiten können. Die Blätter, die dabei entstehen, vereint die Schau zum ersten Mal. Kollwitz malt ein Schattenreich, unheimlich, traurig, bedrückend; Gerhardi zeichnet schnell, in Umrisslinien.

Manets Schwierigkeiten

Aber Gerhardi will mehr, das ganze Nachtleben, farbig und funkelnd. Vielleicht sollte man sich in Erinnerung rufen, dass, als Édouard Manet 1882 eine Bardame am Tresen des Varietétheaters „Folies Bergère“ malte, Frauen noch nicht einmal ohne Begleitung durch eine Großstadt laufen durften, von Tanzlokalen ganz zu schweigen. Zwanzig Jahre später aber hat sich die Lage verändert. Gerhardi flaniert alleine durch Paris, sie besucht alleine (oder mit Käthe Kollwitz) Tanzlokale - und sie malt diese. In der Kunstgeschichte ist sie damit eine Pionierin, keine Frau vor ihr malte dieses Sujet. Und wieder ist es das Verdienst der Ausstellung, die Serie von Gemälden zum ersten Mal fast vollständig zu zeigen.

In ihrem besten Bild, dem „Großen Pariser Tanzstück“ von 1905 blicken wir weit in den Saal des „Bal Bullier“ hinein; man meint, das winzige Orchester musizieren zu hören, zu spüren, wie sich der Saal aufheizt von den tanzenden Paaren, die wie Kreisel über den Boden wirbeln, flirrende Lichter über ihren Köpfen. Und trotzdem: Man sieht Gerhardi in diesen Bildern kämpfen, sie kämpft gegen dieselben Schwierigkeiten, die auch schon Manet an seine Grenzen brachten. Manet misslang die Rückenansicht seiner Bardame, die sich im Bild spiegelt, sie wurde zu klobig. Und auch Gerhardi geraten einige Figuren zu steif, Gesichter verrutschen, Farben verklumpen. Gerhardi war enttäuscht über den ausbleibenden Erfolg ihrer Tanzgemälde.

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