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Humboldt-Forum im Kulturausschuss Fluch der Fassade?

11.06.2010 ·  Das Humboldt-Forum sorgt im Kulturausschuss für Kontroversen: Die einen würden für Hermann Parzingers Museum notfalls auf die Schlüterfassaden verzichten, die anderen wollen vor allem das Schloss und betrachten den Inhalt als Zugabe.

Von Andreas Kilb
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Die Krise ist dort, wo sie herkommt, nämlich im Altgriechischen, der Augenblick, in dem die Dinge sich klären, das Wichtige sich vom Unwichtigen trennt. In der Debatte um das Berliner Schloss und das Humboldt-Forum ist dieser Moment jetzt gekommen. Kein Zeitungsbeitrag, kein neues museales Nutzungskonzept und kein archäologischer Fund haben ihn herbeigeführt, sondern der Beschluss der Bundesregierung, den Baubeginn um drei Jahre zu verschieben. Das Schloss, das von Anfang an ein politischer Bau war, wird auch am Ende aus der Sicht der Politik beurteilt werden, nicht aus jener der Kunst und der Architektur.

Politisch gesehen war die Verschiebung des Baubeginns ein Zeichen dafür, dass diese Regierung auch in ihrem unmittelbaren Umfeld, im Zentrum Berlins, sparsamer wirtschaften will. Nun zeigt sich, dass das Zeichen trügt: Die Planungsverträge mit dem Architekten Stella müssen erfüllt werden. Die Stiftung Humboldt-Forum setzt ihre Arbeit fort. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss bei einem verspäteten Umzug in den Schlossbau ihre maroden Dahlemer Museumsgebäude renovieren und braucht dafür von Jahr zu Jahr mehr Geld. Der U-Bahn-Bau auf dem Schlossplatz lässt sich nicht abblasen; die Bodenverdichtung unter den Fundamenten wird demnächst beginnen. Und die Humboldt-Box, das Schaufenster des gesamten Projekts, wird sowieso gebaut. Die Einsparung, genau betrachtet, ist minimal. Selbst das Bundesbauministerium hat zugegeben, dass der Einsparungsbetrag von gut dreihundert auf vierhundert Millionen Euro „aufgerundet“ worden sei. Zieht man davon die laufenden und neu anfallenden Kosten ab, bleibt fast nichts übrig.

Retter des Schlossprojekts

Was dagegen bleibt, ist die grüne Brache in der Berliner Mitte: ein Zeichen der Armut, nicht der Sparsamkeit. Das scheint ausgerechnet der Bundesbauminister als Erster im Kabinett begriffen zu haben. Er halte es für „sinnvoll“, den ersten Spatenstich nun doch schon 2013 zu machen, erklärte Peter Ramsauer am Dienstag. Dem Minister, dessen ambivalente Haltung zum Schloss die Verschiebung erst möglich gemacht hat, sind offenbar erste Zweifel an seiner Umrechnung von Barockfassaden in Autobahnstrecke gekommen. Als Bauherr einiger Kilometer Asphaltband wird Ramsauer kaum in die Geschichte eingehen, als Retter des Schlossprojekts vielleicht schon.

Aber der wahre Kern der Auseinandersetzung um den Bau und seinen Inhalt steckt in der Symbolik des Begriffs „Berliner Schloss“. Es geht um die Frage, wie viel die neue Hauptstadt nach allem, was sie bereits verschlungen hat, von den Besser- und Schlechterverdienenden draußen im Land noch verlangen darf. Die Fronten verlaufen dabei quer durch alle Parteien im Parlament. Der Affekt gegen das Schloss verbindet Abgeordnete der Linken, die dem Palast der Republik nachtrauern, mit Liberalen und Konservativen, die aus ihren westdeutschen Wahlkreisen das Misstrauen gegenüber der Metropole nach Berlin mitbringen. Vor allem vereint er die Haushaltsexperten aller Fraktionen gegen die Fachleute für Kulturpolitik. Dieser Streit, wie immer er ausgeht, hat grundsätzliche Bedeutung: Er entscheidet darüber, welchen Stellenwert kulturpolitische Projekte des Bundes in Zukunft haben werden.

Die Zeit des Zögerns ist vorbei

Am Mittwochnachmittag waren im Kulturausschuss des Bundestages die Schlossfreunde unter sich. Das heißt, eigentlich ging es um das Humboldt-Forum, dessen Vision der seit längerem geladene Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor dem aktuell verfinsterten Hintergrund in leuchtenden Farben malte. Eben in dieser doppelten Begrifflichkeit liegt aber das Problem der Verfechter des Schlossprojekts. Die eine Hälfte der Ausschussmitglieder würde für Hermann Parzingers Weltkulturenmuseum notfalls auf die Schlüterfassaden verzichten; die Ausschussvorsitzende Monika Grütters spricht sogar öffentlich vom „Fluch der Fassade“. Die andere Hälfte will dagegen vor allem das Schloss und betrachtet den Inhalt als Zugabe. Zu ihr gehört neben Grütters' CDU-Parteifreund Wolfgang Börnsen auch der Kulturstaatsminister Neumann. Beide Gruppen haben ihren Dissens bisher nur indirekt über Interviews und Katalogbeiträge ausgetragen. Aber sie werden sich einigen müssen, wenn sie politisch etwas erreichen, sprich: die Rücknahme des Verschiebungsbeschlusses erwirken wollen.

Das aber bedeutet, dass sie sich streiten müssen. Nach all den Expertenrunden und akademischen Podien sind jetzt die Amateure des Parlaments aufgefordert, eine eindeutige Haltung zum Berliner Schloss einzunehmen. Das kann auch bedeuten, dass der Inhalt des Schlosses und das Gefüge der zu beteiligenden Institutionen noch einmal neu bestimmt werden. Aber ohne ein entschiedenes Bekenntnis des Bundestags zu dem Projekt wird seine Wiederbelebung nicht gelingen. Die Zeit des Zögerns ist vorbei. Sonst bleibt nur die Brache.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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