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Hockney in London Formatfüllende Farbfeste

25.01.2012 ·  Mit neuster Technik findet David Hockney späten Zugang zur Schönheit der englischen Landschaft. In der Londoner Royal Academy wird der Heimkehrer gefeiert.

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© David Hockney Zum erzbritischen Behagen fehlen nur noch pfeiferauchende Wasservögel: eine Landschaft des späten Hockney

Im Frühsommer 1967 hat David Hockney eines seiner berühmtesten Bilder gemalt: „A Bigger Splash“, mit englischer Buchstäblichkeit so benannt, weil die Leinwand größer war als kleinere Varianten des gleichen Motivs. Das Gemälde ist geradezu emblematisch für jenes befreiende, sich in strahlenden Farben vermittelnde Gefühl von Licht, Raum und Sinnlichkeit, das Hockney, aus dem beengten England kommend, damals in der kalifornischen Sonne entdeckte.

Fünfundvierzig Jahre später nimmt er mit dem Titel seiner jüngsten Ausstellung Bezug auf dieses Bild. Die große Betrachtung seiner Landschaftsgemälde in der Londoner Royal Academy heißt: „A Bigger Picture“, womit freilich nicht nur das riesige Format gemeint ist, sondern im übertragenen Sinne auch das umfassende Raumgefühl, das Hockney damit erzeugen will. In diesem Sinne bedeutet „A Bigger Picture“ auch das große Ganze. Der inzwischen vierundsiebzig Jahre alte Künstler will die Natur in ihrer Unendlichkeit erfassen und dem Betrachter das Gefühl geben, als stünde er mittendrin.

Zurück zum Rhythmus der Natur

Die Ausstellung zelebriert Hockneys Heimkehr aus dem selbstgewählten Exil zu den Stätten seiner Kindheit in Yorkshire. Sie stellt ihn in die Tradition der englischen Naturmalerei und versucht durch ausgewählte Beispiele aus dem früheren Werk nachzuweisen, dass er im Grunde schon immer in die Nachfolge von Constable und Turner einzureihen war. Die vor Energie sprühenden Bilder stammen größtenteils aus einem kreativen Stoß der letzten acht Jahre, seitdem Hockney sich in dem Nordseebad Bridlington, etwa hundert Kilometer von seinem Geburtsort, niedergelassen hat. Sie füllen die repräsentativen Räume der Royal Academy und wollen nicht nur als Triumph der Malerei sondern auch als demonstratives Bekenntnis zur gegenständlichen Darstellung verstanden sein.

Neben den persönlichen Motiven, die Hockney zur Rückkehr nach England bewogen haben, reizte ihn als Künstler die Vorstellung, den in Kalifornien weniger ausgeprägten Rhythmus der Natur wieder in seiner vollen Intensität erleben und malen zu können. So beginnt die Schau mit dem vor altmeisterhaft pompejianisch-rotem Hintergrund gehängten Folge von vier fast fünf Meter breiten Gemälden, „Three Trees near Thixendale“ aus der Sammlung Würth, die denselben Landschaftsfleck im Wechsel der Jahreszeiten zeigt und in diesem Rahmen wirkt wie eine programmatische Ankündigung dessen, was folgt.

Für technische Neuerungen aufgeschlossen

Ein ums andere Mal hält er, sich vor dem von ihm verehrten Monet verneigend, das gleiche Motiv unter variierenden Konstellationen in den glühenden Farben des Fauvismus fest - einen Niederwald an einer Weggabelung, üppig blühender, wie Monster aus der Vorzeit anmutende Weißdornsträucher, gefälltes Holz, zur Abholung gestapelt, oder ein von Bäumen, Wiesenkerbel und Waldröschen gesäumter Pfad. Obwohl er am Meer lebt, sucht er seine Motive bezeichnenderweise stets im Landesinneren. Purpurne Straßen und orange Wege schlängeln sich an schieferblauen, giftgrünen oder violetten Baumstämmen vorbei durch die Wald- und Ackerlandschaft des Hügelzuges im Osten Yorkshires, dessen Felderpatchwork Hockney, an van Gogh, Seurat, aber auch an Dufy und Matisse anklingend, mit Farblinien unterschiedlicher Länge und Form wiedergibt.

Um die gewünschte Größe von bis zu sechs Metern Breite zu erlangen und dennoch im Freien malen zu können, sind die Bilder in bis zu zweiunddreißig handlichere Tafeln unterteilt, die mitunter leicht versetzt zusammengefügt werden. Dabei bedient sich der stets für alle technischen Neuerungen aufgeschlossene Hockney des Computers, auf dem sich die Entstehung des Ganzen aus dem Kleinteiligen nachvollziehen lässt. Nach dem Faxgerät, der Fotocollage und dem Computer experimentiert er jetzt nicht nur mit dem iPad, der ihm als Skizzenbuch dient, sondern mit Filmaufnahmen, die mit mehreren Kameras gleichzeitig gedreht und auf ein Leinwand-Raster projiziert werden. Diesen Versuchen liegt Hockneys kreuzzugähnlicher Kritik gegen die Zentralperspektive zugrunde, die sich bereits 1975 ankündigte in dem nach Hogarths Parodie der strikten Befolgung von perspektivischen Regeln gemalten Bild, „Kerby“, das am Anfang der Ausstellung hängt.

Spuren persönlicher Melancholie

Die gleichen Überlegungen über Fläche und Raum bestimmen auch die Dekonstruktion von Claude Lorrains „Bergpredigt“ nach der Art von Picassos Variationen Alter Meister, die Hockney wahrlich nicht auf der Höhe seiner Kunst zeigen. Ganz anders verhält es sich mit den nuancierten Kohleskizzen. Dagegen wirken die Gemälde, so beeindruckend die Energie, so berührend die Ortsverbundenheit und die kindlich-naive Lebensfreude, plakativ wie Bühnenbilder und seltsam eintönig wie ein Musikstück, das durchweg im Fortissimo gespielt wird.

Von dem Witz und von der Originalität der frühen Bilder in der Ausstellung, wie der „Flucht nach Italien - Schweizer Landschaft“, ist nichts zu spüren. Auch die seelische Stimmung in Constables Landschaften fehlt. Nur einmal, in der Folge von Bildern mit gefälltem Holz, lässt Hockney einen Hauch von Melancholie durchschimmern, als identifiziere er sich mit dem allein stehenden Baumstumpf, dessen vernarbter Rinde er anthropomorphische Züge verleiht.

Hockney bleibt ein konservativer Maler

Die Kombination aus Landschaftsmalerei, Zugänglichkeit und Heimatbezogenheit erhebt Hockney jedoch in den Augen konservativer Kulturhüter zum „Inbegriff all dessen, was an diesem Land am Besten ist“, wie der Schriftsteller A.N.Wilson unter der Überschrift „Die Kraft und die Herrlichkeit von Hockneys England“ schwärmte, während der politische Kommentator Peter Oborne die Ausstellung als Zeichen einer neuen gesellschaftlichen und politischen Vision der soliden, bleibenden wertet, als Rückkehr zu einer Welt, „wo öffentliche Figuren zum ersten Mal seit vielen Jahren sichere Urteile über Wahrheit, Schönheit und Moral fällen können“.

Oborne bezieht sich auf den politischen Philosophen Michael Oakeshott und dessen Definition der konservativen Wesensart, „das Vertraute dem Unbekannten vorzuziehen, das Bewährte dem Unbewährten, die Tatsache dem Mysterium, das Gegebene dem Möglichen, das Begrenzte dem Unbegrenzten, das Nahe dem Fernen, das Ausreichende der Überfülle, das Zweckmäßige dem Perfekten und die Freude im Jetzt dem utopischen Heil“. In diesem Sinn sei David Hockney unabhängig von seiner politischen Orientierung ein konservativer Maler. Er hat einen englischen Nerv berührt. Die Ausstellung war bereits am ersten Tag im Kartenvorverkauf bis März ausgebucht.

Bis 9. April. Vom 14. Mai bis 30. September im Guggenheim Museum, Bilbao, und vom 27. Oktober bis 4. Februar 2013 im Museum Ludwig, Köln. Der Katalog kostet 29,95 Pfund.

Quelle: F.A.Z.
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