Die Mythen um das von Adolf Hitler geplante Kunstmuseum in Linz sind in den letzten Jahren durch solide, umfassende Publikationen größtenteils entzaubert worden. Gleichwohl hat die Forschung nicht alle Blindstellen erhellen können: zum Beispiel die Verluste der inzwischen gut dokumentierten Sammlung, die zu Kriegsende durch Plünderungen oder nach dem Kunstraub der Roten Armee entstanden. Ebenfalls der Aufklärung harrt die Rolle des internationalen Kunsthandels, der an der nationalsozialistischen Sammelwut gut verdiente, dessen komplizenhafte Geschäftspraxis jedoch noch weitgehend im Dunkeln liegt.
Die Datenbank zur „Sammlung des Sonderauftrages Linz“, die die Kunsthistorikerinnen Monika Flacke (Deutsches Historisches Museum) und Angelika Enderlein (Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen) und der Historiker Hanns Christian Löhr (Bundesarchiv Koblenz) jetzt ins Netz stellen (Datenbank „Sammlung des Sonderauftrages Linz”), macht auch die sogenannten Einlieferer sichtbar, die unter jedem Bild aufgeführt sind. Die Fotos der Gemälde stammen entweder aus den Dresdner Inventaren des „Sonderauftrages Linz“ oder wurden 1945 von den Alliierten angefertigt, was die zuweilen schlechte Qualität erklärt.
Wiederkehrende Namen
Mit der Legende lässt sich neben den Vorbesitzern so rekonstruieren, ob ein Bild von einem Kunsthändler geliefert oder - wie etwa eine kleine Stadtszene aus dem neunzehnten Jahrhundert - von der Gestapo beschlagnahmt und nach dem Krieg von den Alliierten der Tschechoslowakei übergeben wurde. Sie hatte dem Sammler Gutmann gehört. In der Legende zu manch einem Bild findet sich der Hinweis, dass es schließlich wieder versteigert worden ist, zuweilen sind die Namen der beteiligten Auktionshäuser identisch - im Krieg und danach, als die Bundesrepublik von den Alliierten die Konkursmasse des „Dritten Reiches“ übernahm.
Unter der Rubrik „Verbleib“ aber findet sich zuweilen auch der Name eines Museums in den Vereinigten Staaten, mögliche Hinweise darauf, was geschah, bevor die energischen Offiziere der amerikanischen Kunstschutztruppe zu Kriegsende die vielen Depots sichern konnten, in denen der „Sonderauftrag Linz“ seine Schätze vor den Bomben versteckt hatte. Ein Großteil der Bilder aber konnte den tatsächlichen Eigentümern beziehungsweise deren Erben oder jenen Ländern zurückgegeben werden, aus denen sie ursprünglich stammten. Dort wurde dann, unterschiedlich intensiv, die endgültige Herkunft der Kunstwerke erforscht.
Bestand aus rechtloser Zeit
Die Datenbank des Museums kommentiert nicht die verschlungenen Wege dieses Beutezuges, benennt weder Recht noch Unrecht. In einer Erklärung beschreiben die Herausgeber die Geschichte der Organisation und der Sammlung, den Forschungsstand sowie die Suche nach Eigentümern und erfolgreiche Restitutionen von unrechtmäßig erworbener Kunst nach dem Krieg. Viele Quellen wurden erst nach dem Mauerfall zugänglich: die der Staatssicherheit der DDR, aber auch die Landesarchive im Osten. Zudem sind Sperrfristen für viele Aktenbestände abgelaufen, so dass die verstreuten Kataloge und Inventare mit denen der Alliierten verglichen werden konnten.
Die neue Datenbank dokumentiert dies alles zusammen mit den nüchternen Fakten eines Bestandes aus rechtloser Zeit: insgesamt 4732 Bilder, Skulpturen, Möbel, Porzellane und Tapisserien, die der deutsche Diktator zwischen 1938 und Kriegsende für sein nie realisiertes „Führermuseum“, aber auch für andere Museen zu sammeln befahl. Mit einer extra dafür geschaffenen Organisation, dem „Sonderauftrag Linz“, ließ Hitler überall in Europa diese Kunstwerke erbeuten, erpressen oder kaufen; unter gewaltsamen Bedingungen immer, die also kaum ganz ehrliche Geschäfte vermuten lassen, auch wenn der Preis dem Markt von damals gerecht wurde oder sogar sehr hoch war: Die ehrgeizige Organisation kaufte schließlich auch herausragende Werke von Rembrandt, Canaletto, Hals oder Watteau.
Keine letztgültigen Aussagen
Mit der Datenbank auf der Website des Museums will man keine letztgültigen Aussagen darüber treffen, wie groß der Anteil an geraubter Kunst in dieser bedeutenden Sammlung war. Diese Aussagen, so die Herausgeber, bleiben der Wissenschaft vorbehalten. Es werden aber auch die Verluste aufgeführt, darunter Kunstwerke, deren Spuren sich in der Sowjetunion verloren. Ihre Identifikation war über eine Datenbank möglich geworden, in der russische Kunsthistoriker beschlagnahmte Kunst aus Westeuropa öffentlich machten. Die Datenbank wurde 2004 gesperrt, einer von vielen Rückschlägen im Ringen um die Rückgabe von Beutekunst.
Das Deutsche Historische Museum will mit dieser Veröffentlichung zur Kunstpolitik der Nationalsozialisten vor allem der Forschung einen Baustein zur Verfügung stellen. Bis zum Ende des Jahres werden außerdem siebzigtausend Karteikarten des Central Collecting Point der Amerikaner ins Netz gestellt. Die Alliierten begannen schon im Herbst 1945 nach diesem Inventar, geraubtes und abgepresstes Kunstgut, dessen kleinster Teil nur für Linz bestimmt war, den Opfern zurückzugeben. Die Karteikarten werden heute vom Bundesarchiv in Koblenz bewahrt. Zu jeder Karte gehört ein Foto, die Bilder liegen in der Fotothek des Bundesamtes für offene Vermögensfragen (BADV), auch sie werden bald alle veröffentlicht. Museum, Archiv und Bundesamt wollen damit vor allem der Provenienzforschung helfen - ein großartiges, gleichwohl undramatisches Projekt zehn Jahre nach der „Washingtoner Konferenz“, das auch zeigt, wie mühsam diese Aufgabe ist.
Der größte Teil der kriminellen Sammlung der Organisation „Sonderauftrag Linz“ wurde schon bald nach dem Krieg von den Amerikanern restituiert. In den Kunstdepots des Bundesamtes oder, als Leihgaben, in staatlichen Museen befinden sich neben letzten Gemälden und Münzen aus dem Fundus der Organisation noch etwa dreizehntausend Kunstobjekte, die der Collecting Point bis 1963 dem Bundesfinanzminister übergab. Nach Abschluss der Washingtoner Konferenz hatte das Bundesamt eine eigene Abteilung zur Provenienzforschung eingerichtet, die aber nach Hunderten von aufwendigen Recherchen bisher nur fünfzig jüdische Vorbesitzer ermitteln und - weil sich die Suche nach Erben schwieriger gestaltet, als es die zuweilen erregten Debatten darum ahnen lassen - erst fünfzehn Bilder endgültig restituieren konnte.