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Russische Revolution im DHM : Von der roten Flut blieb am Ende ein Hut

Sachlich und systematisch: Bewusst verzichtet das Deutsche Historische Museum darauf, die deutsche Perspektive der Russische Revolution zu betonen. Insgesamt ist die neue Ausstellung ein starker Auftritt.

          In seiner gerade erschienenen Geschichte des Kommunismus zitiert Gerd Koenen aus den Aufzeichnungen von Trotzkis Ehefrau Natalja Sedowa, die den Machtwechsel in Petrograd am Morgen des 26.November 1917 aus nächster Nähe erlebte. In der Nacht zuvor hatte der Zweite Allrussische Sowjetkongress die „Umsturzdekrete“ Lenins angenommen und eine neue, ausschließlich aus Bolschewiki bestehende Regierung eingesetzt. Zugleich hatten Truppen den Winterpalast gestürmt, in dem die provisorische Regierung saß. Um fünf Uhr morgens war die Revolution am Ziel. Eine Stunde später versammelten sich ihre Führer mit aschfahlen Gesichtern und entzündeten Augen in einem Sitzungssaal im Taurischen Palais. Lenin, der die Stimmung des Augenblicks in Worte zu fassen versuchte, fiel, wie sich Sedowa erinnerte, unwillkürlich in die Sprache des Exils. Mit „einer kreisenden Handbewegung um den Kopf“ sagte er zu Trotzki auf Deutsch: „Es schwindelt.“

          Aufreizende Sachlichkeit

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Solche Schwindelanfälle bleiben dem Besucher der Ausstellung über die Russische Revolution, die vorgestern im Deutschen Historischen Museum in Berlin eröffnet wurde, glücklich erspart. Im Gegenteil, die Ausstellung ist geradezu aufreizend sachlich, sie stürmt nicht pathetisch auf ihr Thema los, sondern rückt ihm mit nüchterner Systematik zu Leibe, als wäre ihr Gegenstand nicht hundert, sondern fünfhundert Jahre entfernt.

          Dennoch gibt es auch hier ein paar Objekte, die das interessierte Wohlgefallen am Historischen für Augenblicke ins Wanken bringen. Eines davon ist ein bräunliches Blatt mit kyrillischer Schrift, das in der Ausstellungs-Sektion „Utopie und Wirklichkeit“ hängt. Es enthält das Friedensdekret, einen der drei Erlasse, die Lenin in der Nacht zum 26.November im Sowjetkongress durchboxte. Mit ihm zog sich das russische Reich einseitig aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Die Utopie betrat die Bühne und erklärte das Ringen der Mächte für beendet. Ein Jahr später brachen Russlands Gegner, Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich, in sich zusammen, und der Weltbürgerkrieg der Ideologien begann: So viel Geschichte in einem kleinen braunen Blatt Papier.

          Mit Objekten lässt sich Vergangenheit erzählen, aber auch verdecken. Die jüngsten Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum haben ihren Gegenstand oft unter einer Fülle von Gegenständen begraben. Die Revolutionsschau geht jetzt einen anderen Weg. Sie vermindert die Anzahl der Exponate und stärkt dafür die Rolle der Architektur. Über weite Strecken sind wir gezwungen, in die Richtung zu gehen, welche die Kuratoren vorgeben. Das heißt freilich nicht, dass die Stellwände, die sich mal serpentinenhaft winden, mal zu Kabinetten verzweigen, auch die Blickrichtung vorgeben. Unter den Raumtiteln der Sektionen bleibt Raum für Entdeckungen.

          Auf einmal stehen wir vor einem Plakat, auf dem eine barfüßige Frau im roten Kleid den Volksmassen den Weg zu Lenin weist. Zwischen ihren Beinen, viel kleiner, werfen Musliminnen ihre Schleier in ein offenes Feuer. Auf den zweiten Blick sieht man, dass die Volksmassen zur Gänze aus verschleierten Frauen bestehen. Das Plakat, das 1928 zum zehnjährigen Jubiläum der Hudschum-Kampagne in Usbekistan entstand, reißt den Betrachter in die Gegenwart zurück. Der Krieg der Ideologien ist noch nicht zu Ende, das Reich der Sowjets bildet darin nur eine Etappe.

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