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Hirsts Hai Unfrischer Fisch

29.06.2006 ·  Wenn die neunziger Jahre ein ikonisches Kunstwerk haben, so ist es der in Formaldehyd eingelegte Tigerhai von Damien Hirst. Nun aber löst der Hai sich auf. Darf man ihn austauschen, oder würde das Kunstwerk dadurch verfälscht?

Von Rose-Maria Gropp
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Wenn die neunziger Jahre ein ikonisches Kunstwerk haben, so ist es der in Formaldehyd eingelegte Tigerhai des Engländers Damien Hirst. Der Behälter mit dem toten Raubtier ist eines der eindrucksvollsten Sinnbilder der Vergänglichkeit, das die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Kunst hervorgebracht hat. Der Titel des Werks lautet im Original „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“ - am elegantesten übersetzt als „Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden“.

Diese genuine Vanitas vanitatum - löst sich selbst auf: Das Inbild eitler Selbstgewißheit verliert seine scharfe Kontur, der tote Leib wird schlaff, die umgebende Flüssigkeit trübt sich - kurz, die ausgestellte Kreatur spielt nicht mehr mit. Es wird noch einmal auf eine ganz andere Weise ernst mit dem „Memento mori!“. Das „erinnere dich an den Tod!“ greift nicht mehr nur vom intakten Präparat des gefährlichen Tiers auf den Besucher über. Fortschreitende Verwesung ist nicht vorgesehen im Konzept. Oder doch?

So skandalös wie nachhaltig

Damien Hirst war der Anführer der „Young British Artists“, jener aufsässigen Gruppe von Künstlern, die in den neunziger Jahren die Kunst wieder mitten in die Gesellschaft getrieben haben, mit zornigen Parabeln auf Leben, Sex und Tod. Pate der „YBA“ war der britische Werbe- und Sammlermogul Charles Saatchi; ihr kollektiver Auftritt in der „Sensation“-Schau, der 1997 in der Londoner Royal Avademy startete, war so skandalös wie nachhaltig, für die Kunst und für den Markt. Saatchi, der gnadenlose Impresario, hatte das Werk 1991 bei Damien Hirst in Auftrag gegeben.

Der Künstler ließ den Hai eigens vor der australischen Küste fangen, töten und nach England verfrachten; das kostete ihn 6000 Pfund. Für das fertige Werk - den knapp vier Meter langen, weiblichen Hai, aufgehängt in seinem Chemikalienbad - bezahlte Saatchi damals 50.000 Pfund. Und Saatchi behielt das mehr als fünf Meter lange, mehr als zwei Meter hohe und breite Aquarium zunächst auch noch, als er Anfang 2004 sämtliche Werke Hirsts verkaufte, in einem bisher einmaligen Coup übrigens zurück an den Künstler selbst und seinen Galeristen Jay Jopling. Ende 2004 aber kam dann ein unwiderstehliches Angebot: Vermittelt durch den amerikanischen Super-Händler Larry Gagosian, ging das Werk an den in Greenwich, Connecticut, lebenden Hedge-Fonds-Manager Steven A. Cohen, der seit einiger Zeit Kunst nach der Devise akkumuliert, daß ihm das Teuerste, was der Markt bietet, gerade gut genug ist. Cohen bezahlte eine nie präzise genannte Summe dafür, die im Bereich von 6,5 Millionen Pfund oder gut 12,5 Millionen Dollar liegt, umgerechnet sind das gut neun Millionen Euro.

Wird der Hai ausgetauscht?

Die Konserve des Schreckens sah schon seit einiger Zeit nicht mehr frisch aus, und jetzt heißt die Nachricht lapidar: Hirst spricht mit Cohen darüber, den Hai auszutauschen. Dessen Zustand hat sich dramatisch verschlechtert. Die Haut des Tiers zeigt Verschleißerscheinungen; die Brühe, in der es hängt, ist trübe geworden.

Ursache dafür ist offenbar die Art der Konservierung. Hirsts Firma Science, die für seine allfälligen Präparate zuständig ist, erklärte, daß der Künstler sehr gern helfen will, den Hai wieder aufzupolieren. Wie er es auch mit anderen seiner Werke zu tun pflege, die mehr als zehn Jahre alt sind; wir denken an tote Schmetterlinge auf Farbscheiben oder an Kühe und Schafe in Brühe. Allerdings ließ sich Hirst, wie er selbst 1996 erklärte, schon 1991 beraten bei der Konservierung - entschied sich aber für die Methode mit Formaldehyd. Zweifelsohne war ihm bewußt, daß die Menge Formaldehyd, die er dem Tierkörper eingespritzt hat, und die Konzentration der umgebenden Flüssigkeit nicht geeignet sind, das Werk in identischer Gestalt für die Nachwelt zu erhalten. Hirst ging es um die Idee dahinter: Tatsächlich ist Formaldehyd die Substanz, die uns an Präparate monströser Embryonen und anderer Mirakel erinnert, an die Sammlungen der Naturkundemuseen und die Memorabilia der Medizin.

Mechanismus der Selbstauflösung

Ist das Kunstwerk, wenn der Hai ausgetauscht wird, noch dasselbe Kunstwerk? Diese nur scheinbar entscheidende Frage nach dem Original marginalisiert der gewissermaßen eingebaute Mechanismus der Selbstauflösung: Damien Hirst hat im Gewand des marktschreierischen Pop in Wahrheit eine hartnäckige und hinterlistige Konzept-Kunst gemacht. Daß schon der Glaskasten mit den weißen Verstrebungen, in dem der Hai in der Schwebe gehalten ist, die sechziger Jahre aufruft, die Raumstudien eines Sol LeWitt oder die minimalistischen Konstruktionen eines Donald Judd, ist dabei lediglich unübersehbare Anspielung. Denn tatsächlich ist es gleichgültig, welcher Hai in dem Bassin schwimmt.

Dafür aber wird jetzt das Verhältnis zwischen Natur und Kultur, Natur und Kunst berührt: Hirsts Hai ist ja kein Ready-made, wie es Marcel Duchamp, der Vater aller konzeptuellen Kunst gemeint hat, sondern Hirst hat Kunst über den Tod produziert - mittels eines toten Stücks Natur, eines in seinem Auftrag sogar getöteten Tiers. „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“ stellt radikal die Frage: Töten, was uns irremacht an unseren Normen? Wie eben den Hai, der seinerseits ganz gleichgültig tötet, absichtslos. Ihn, das überformte Naturwerk, als Kunstwerk auszugeben, das die Gefahr einer bedrohlichen Nähe zum Raubtier im Betrachter wachruft, war nur die halbe Idee. Die andere Hälfte vollzieht sich erst jetzt, in der Verwesung des Tierkörpers. Der Austausch des ersten Hais im Bassin gegen einen anderen Hai führt in den Abgrund des Todes. Auch dieser nächste Hai wird wieder eigens getötet werden müssen. Das „Memento mori!“ löst sich selbst ein. Die gebrechliche Einrichtung der Welt hat ihr doppeltes Symbol im verwesenden Körper des eigens getöteten Tiers gefunden.

Die ziemlich ungeheuerliche Provokation, daß die höchstbezahlte zeitgenössische Kunst in der Substanz nicht für die Nachkommen und Erben erdacht ist, stellt rabiat die Frage nach dem Tauschwert des Geldes. Und so ist es überhaupt nicht verwunderlich, daß weder der Künstler noch der Händler, noch der Besitzer des Werks irgendein Problem darin sehen, einen anderen Hai in den Tank zu legen. Das ist einfach die zynische Pointe. Der Primat der Idee kann eben Millionen kosten. Es sieht so aus, als habe die Kunst in den Zeiten des beschleunigten Kapitalismus in Hirsts Hauptwerk ihr kraftvollstes Sinnbild gefunden.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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