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Hilma af Klints abstrakte Malerei Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden

 ·  In Stockholm zeigt eine bahnbrechende Ausstellung das Werk der Künstlerin Hilma af Klint, die viele Jahre vor Kandinsky abstrakt zu malen begann. Woran liegt es, dass jeder den Russen kennt, aber kaum jemand die Schwedin?

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© Katalog Die Serie Hilma af Klints, aus der dieses Blatt stammt, heißt "Baum des Wissens"

Was für einen kunsthistorischen Skandal die erste umfassende Ausstellung des Werks von Hilma af Klint beinhaltet, die am Wochenende im Stockholmer Moderna Museet eröffnet wurde, kann man am besten mit folgendem Gedankenexperiment nachvollziehen: Stellen Sie sich einen Moment lang vor, Sie wären reich, sehr reich, so reich, dass sie für mehrere Millionen Euro ein Werk von Wassily Kandinsky gekauft haben. Nehmen Sie weiterhin an, dass sie dessen Malerei natürlich schätzen und mögen, aber auch glauben, eine gute Wertanlage zu besitzen. Kandinsky, das ist eine sichere Bank, er gilt bisher als der bedeutendste Vertreter der abstrakten Malerei, wenn nicht sogar als ihr Erfinder, eine Schlüsselstellung, der Museum und Markt vertrauen. Was sollte da noch schiefgehen?

Genau das: Wie würden Sie die Nachricht aufnehmen, dass es in Schweden eine Künstlerin mit Namen Hilma af Klint gegeben habe, die im selben Jahr wie Kandinsky starb, 1944, aber viel früher als er begann, abstrakt zu malen? Sie, der Besitzer eines Kandinskys, würden wahrscheinlich hoffen, dass es sich als böser Scherz herausstellt oder als bedeutungslos, nichts, womit sich die Kunstgeschichte weiter beschäftigen müsste. Zu spekulativ? Exakt so hat bereits eines der weltweit mächtigsten Museen reagiert, das Museum of Modern Art in New York, das zahlreiche Kandinskys besitzt und kürzlich eine Ausstellung mit dem Titel „Inventing Abstraction, 1910-1925“ eröffnete, eine Überblicksschau zur abstrakten Malerei um 1910. Hilma af Klint kommt darin nicht vor. Kein Werk in der Schau, kein Wort im Katalog. Man tut, als habe es sie nicht gegeben, als könne die Kunstgeschichte, die man besitzt, gesammelt und gekauft hat, bleiben, wie sie ist. Man schweigt sie lieber tot.

Zweifacher Glücksfall

Kann man das? Kann man Hilma af Klint einfach ignorieren? Seit diesem Wochenende spätestens kann man es nicht mehr. Nach jahrelanger Recherche und Vorbereitung hat nun in Stockholm eine Ausstellung eröffnet, die erstmals das Werk von Hilma af Klint in seiner Fülle präsentiert, dieses riesige OEuvre, das von der frühen akademischen Malerei bis zu monumentalen Abstraktionen reicht. Selbst für die wenigen Kenner von Klints Werk ist diese Schau eine Sensation: Von 1986 an wurden immer wieder Bilder von Klint in Ausstellungen gezeigt; noch nie aber wurde der Versuch unternommen, ihr gesamtes Schaffen zu versammeln. Iris Müller-Westermann, die Kuratorin der Schau, kann mit zahlreichen Neuentdeckungen aufwarten, die noch nirgends zuvor zu sehen waren. „Hilma af Klint. A Pioneer of Abstraction“ wird zudem wandern: Im Juni diesen Jahres kommt die Ausstellung nach Deutschland, nach Berlin in den Hamburger Bahnhof, das dortige Museum für Gegenwart.

Wer war also Hilma af Klint? Wem begegnet man in Stockholm? Hilma af Klint war das vierte von fünf Kindern einer Stockholmer Kapitänsfamilie. 1862 in Schweden geboren zu sein, erwies sich als Glücksfall, da ihre Heimat weltweit zu den ersten Nationen gehörte, in denen Frauen zum Kunststudium zugelassen wurden; in Deutschland konnte man sich dazu erst nach dem Ersten Weltkrieg durchringen. Hilma af Klint, eine zierliche, energische Person, etablierte sich nach ihrem Studium als Landschafts- und Porträtmalerin. Was es heißt, die visuelle Welt genau zu beobachten und wiederzugeben, wusste sie genau. In der Ausstellung finden sich Naturstudien, Klatschmohn, Disteln, Früchte, Pilze, jedes Haar ist verzeichnet, das Welken der Blütenblätter, die Narben der Apfelhaut. Dann der zweite Glücksfall: 1889 gründet sich in Schweden eine Loge der Theosophischen Gesellschaft.

Monumentale Ausmaße

Mit ihr erreicht eine religiöse Bewegung Schweden, die Frauen und Männer als gleichberechtigt betrachtete - anders als die Weltreligionen. Hilma af Klint hatte Kunst studiert, ein Fach, in dem im 19. Jahrhundert niemand daran zweifelte, dass höhere Mächte im Spiel waren, wenn große Werke geschaffen werden sollten, Kräfte, die man „Genie“, „Eingebung“ oder „Inspiration“ nannte. Was Frauen anbetraf, war man sich wiederum einig, dass diese keinen Zugang zu den höheren Sphären hätten, man hielt sie für gute Kopisten, solide Techniker, aber eben nicht für Genies - bis die Theosophie kam. Begründet wurde die Theosophie durch die Russin Helena Petrovna Blavatsky, angeführt wurde sie jahrelang von der englischen Bürgerrechtsaktivistin und Schriftstellerin Annie Besant, es gab kein Amt, das eine Frau nicht bekleiden konnte, sie waren Medien, Priesterinnen, Gründerinnen.

Hilma af Klint, die 1896 mit vier Freundinnen einen eigenen spirituellen Zirkel gründete, nutzte den Zugang zu den höheren Mächten, das Tor, das sich ihr geöffnet hatte, von Anfang an für die Kunst. Aus den späten neunziger Jahren stammen die ersten automatischen Zeichnungen, die sie zusammen mit ihren Freundinnen ausführte und signierte, eine Technik, die Jahrzehnte später der Surrealismus zu Berühmtheit brachte; was Klint als „höhere Mächte“ betrachtete, hieß dann „das Unbewusste“.

1905 meldete sich eine Stimme bei Hilma af Klint, die folgende Nachricht übermittelte: „Du sollst eine neue Lebensanschauung verkünden. Deine Bemühungen werden Früchte tragen.“ 1906 begann sie die Serie „Urchaos“, bestehend aus sechsundzwanzig kleinen Gemälden, es dominieren die Farben Blau, Grün und Gelb. Darin finden sich ihre ersten abstrakten Bilder, Spiralen, Kreise, Wellen und Linien, es ist die Saat, aus der in den folgenden zwei Jahren einhundertelf Gemälde hervorgehen sollten - abstrakte Gemälde. Die größten davon erreichen monumentale Ausmaße, mehr als drei Meter in der Höhe und zwei Meter in der Breite. 1907, als Hilma af Klint diese Werke schuf, waren solche Formate nur aus der Historienmalerei bekannt, aus der Darstellung also von Göttern, Königen oder Generälen.

Nur eine vorübergehende Erscheinung

Sind Klints Gemälde okkulte Visionen? Nein. Es stimmt, die Theosophie war eine wichtige Quelle für sie, die Lehre davon, dass höhere Sphären intuitiv erfasst und geschaut werden könnten. Nur: wer die Theosophie aus der Kunst, der Kunstgeschichte heraushalten möchte, der kann sich auch gleich von Kandinsky verabschieden, der sich ebenso davon anregen ließ. Die Theosophie versprach einen grundsätzlich neuen Blick auf eine Welt, die sich um 1900 faktisch verändert hatte: Die Physik kannte Kräfte, die wirkten, ohne dass Menschen sie sehen konnten, Röntgenstrahlen etwa, Infrarotlicht oder elektromagnetische Felder. In der Biologie hatte sich eine Theorie durchgesetzt, die von Prozessen handelte, die sich mit zäher Beharrlichkeit durch Jahrmillionen wälzten, um alles ständig zu verändern. „Evolution“ nannte Klint eine weitere Serie aus dem Jahr 1908.

Die Welt war eine andere geworden, sie war gefüllt mit Wellen, Strahlen, Feldern, sie war im Fluss - und die Kunst mit ihr. Die illusionistische Malerei hatte ihre Grenzen erreicht, die Themen, die Künstler nun umtrieben, kannten keine Zentralperspektive, keine Schlag- oder Körperschatten, keinen dreidimensionalen Raum. Kann man nur ein Orchester malen - oder auch Musik? Nur eine Pflanze - oder auch Wachstum? Nur einen Denkenden - oder auch einen Gedanken?

Hilma af Klint hörte auf, naturalistisch zu malen, ihr Handwerk, die Techniken der Komposition nutzte sie nun, um riesige Formate zu bewältigen. Ihr Atelier inmitten von Stockholms Künstlerviertel behielt sie: 1894 hatte in direkter Nähe Edvard Munch ausgestellt, es ist wahrscheinlich, dass auch Klint seine Gemälde sah. Munch versuchte, Phänomene zu malen, die man nicht sehen kann, obwohl sie die Wahrnehmung vollständig überformen. Er malte Eifersucht, Liebe, Angst, er gab Menschen grüne Gesichter, ließ die Haare weg oder kippte die Wände. Klint ging weiter, sie wollte mehr. Sie war überzeugt, dass die Wirklichkeit, wie sie erschien, ein Trugbild sein konnte. Den Gegensatz zwischen Mann und Frau, der um 1900 geradezu obsessiv gepredigt wurde, hielt sie für eine vorübergehende Erscheinung, nichts, was sich nicht ändern könnte. Die Farbe Blau steht in ihren Gemälden für das weibliche Prinzip, Gelb für das männliche, wie Mehrzeller unter einem Mikroskop gehen sie immer wieder neue Verbindungen ein.

Wie ein Blick durchs Schlüsselloch

Als sie 1944 starb, verfügte sie, dass ihre abstrakten Bilder, die sie zu Lebzeiten nie ausgestellt hatte, zwanzig Jahre lang unter Verschluss bleiben sollten; sie glaubte, die Zeit sei noch nicht reif. Kandinsky dagegen, der im selben Jahr starb, hatte zeitlebens dafür gekämpft, als der Künstler in die Kunstgeschichte einzugehen, der als Erster abstrakt gemalt habe - früher als Kupka, Delaunay, Mondrian oder Malewitsch. Von 1910, heißt es, stamme seine erste Abstraktion - vier Jahre nach Klint. Bis heute werden Klints Bilder von einer Stiftung gehütet. Sie werden nicht verkauft, sie haben keinen Markt, keine Lobby, sie gehören keinem Museum. Jetzt treten sie zum ersten Mal eine Museumstournee an - und müssen sich gegen die Interessen von Sammlern und Museen behaupten, die glaubten, die Geschichte der Abstraktion sei bereits geschrieben.

Ob es ein glückliches Leben war, ohne ein einziges verkauftes abstraktes Bild? Vielleicht. Klint war nicht alleine, sie lebte und arbeitete mit ihrer Freundin Anna Cassel. Ihr Werk ist wie ein Blick durch ein Schlüsselloch in einen Raum, von dem wir nur Ausschnitte sehen können, nie alles. Was darin erscheint, ist jedoch eine Welt, die 1906 niemand für möglich gehalten hätte, die über ihre Zeit hinauswächst, über Jahrhunderte. Geschaffen wurde sie von einer Frau, die überzeugt war, dass es größere Kräfte gebe, als man sie glauben machen wollte. Ihr Bilder sind dafür bis heute der beste Beweis.

Hilma af Klint. A Pioneer of Abstraction. Im Moderna Museet in Stockholm bis zum 26. Mai; vom 15. Juni an im Hamburger Bahnhof in Berlin. Der Katalog kostet 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

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